Liebe mich, wenn du dich traust
(Jeux d'enfants)

Frankreich, 93min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Yann Samuell
B:Yann Samuell, Jacky Cukier
D:Guillaume Canet,
Marion Cotillard,
Thibault Verhaeghe,
Joséphine Lebas-Joly,
Gérard Watkins
L:IMDb
„Top oder Flop?”
Inhalt
Die Kindheit zweier 8-jähriger Klassenkameraden in einer belgischen Stadt: Julien Janvier lebt im gehobenen grünen Villenviertel, Sophie Kowalski in der schäbigen Betonsiedlung. Obwohl sie aus so unterschiedlichen Verhältnissen kommen, freunden sich die beiden an. Sie schließen ein Bündnis, das ein Leben lang halten wird, und auf einem Kinderspiel begründet ist: Julien schenkt Sophie eine Spieldose, die als Pfand für zahlreiche Mutproben zwischen den beiden hin- und herwandert. "Top oder Flop" ist die jeweils entscheidende Frage. Wer von beiden geht weiter, wer traut sich mehr? Die Jahre vergehen, Sophie und Julien sind erwachsen geworden und aus Freundschaft wird Liebe. Doch das einzugestehen trauen sie sich beide nicht. Und so spielen Sophie und Julien ihre Kinderspiele weiter, die immer extremer und existentieller werden. Nach zehn Jahren, in denen sie sich nicht gesehen haben, kommt es zur alles entscheidenden "Top oder Flop" Frage... geht das Spiel weiter oder ist die Liebe am Ende doch stärker.
Kurzkommentar
Regisseur Yann Samuell macht es seinem Publikum nicht leicht, sich mit seinen Figuren zu identifizieren: Julien und Sophie gehören wohl mit zum unsymapthischsten, egozentrischsten Liebespaar der Kinogeschichte. Für eine romantische Komödie ein ziemlich mutiges Unterfangen. Dennoch lohnt „Liebe mich, wenn du dich traust“, vor allem, weil Samuell konsequent bleibt und seinen wilden Formalismus trotz allem nicht Überhand gewinnen lässt.
Kritik
„Liebe mich, wenn du dich traust“ ist ein reichlich seltsamer, unkonventioneller, aber vor allem auch mutiger Film geworden. Selten hat man einen Streifen der Kategorie „romantische Komödie“ gesehen, deren Figuren konsequenter und in Folge dessen unsymapthischer präsentiert wurden wie hier. Julien und Sophie gehen dem Zuschauer eigentlich durchgängig auf den Geist, nerven mit ihren ach-so witzigen Streichen, ihren fantasielosen Plattitüden, ihrem permanenten Mangel an Ernsthaftigkeit. In ihrem Leben wird beinahe alles durch den Kakao gezogen, das Wort „Respekt“ kennt man nicht, von Pietät ganz zu schweigen. Passend dazu sind Julien und Sophie das wohl egomanischste Liebespaar der Filmgeschichte: um ihren eigenen Späßen zu genügen, wird auf nichts und niemanden Rücksicht genommen, auch nicht auf die Gefühle anderer Personen. Bezeichnend, dass Sophie nicht davor zurückschreckt, sich einen stinkreichen Fußballstar zu angeln und ihn dann eiskalt wieder fallen lässt und noch bezeichnender, dass Julien mit einer Frau, die er nicht liebt, Kinder in die Welt setzt und sie dann ebenso achselzuckend zurücklässt.

Nein, Julien und Sophie können einem wirklich nicht sympathisch sein, trotz ihrer Niedlichkeit, trotz ihres Verliebtseins. Dennoch nimmt Regisseur Yann Samuell seine Figuren sehr, sehr ernst, benutzt sie – trotz der überbordenen Fabulierlust, die den Film auszeichnet – keineswegs nur als Spielbälle, um sein kinematographisches Ego zu befriedigen. Indiz dafür ist etwa der Umgang mit dem Elternhaus: über Juliens todkranke Mutter wird ebenso wenig gescherzt wie über Sophies Milieu; sie verbietet ihm sogar, jemals bei ihr zu Hause aufzukreuzen. Auch die zunehmende Sinnlosigkeit des Spiels hinterlässt tiefe Spuren in Juliens und Sophies (Seelen-)Leben: sich gegenseitig die Liebe zu gestehen, ist eigentlich unmöglich, würde man doch niemals der Inszenierung des anderen unterliegen wollen. Es gilt, immer die Contenance, immer die eigene Unberührbarkeit und den eigenen Stolz zu wahren: niemand will dem anderen gegenüber Schwäche zeigen, will im Kampf der Geschlechter unterliegen. So gesehen findet Regisseur Samuell ein treffendes Sinnbild für die prominesten Ursachen von Beziehungsproblemen: der fehlende Dialog, die unmöglich erscheinende Überwindung des eigenen Stolz, das mangelnde Eingeständnis oder zumindest die mangelnde Vermittlung von Gefühlen.

Kommuniziert wird diese doch sehr ernste Botschaft in einer quirligen, vor visuellen und akustischen Mätzchen geradezu überschäumenden Verpackung, deutlich von der „Fabelhaften Welt der Amélie“ inspiriert. Das irritiert in seiner Fülle phasenweise, trifft aber dennoch den inhaltlichen Kern: auch Julien und Sophie ergehen sich lange Zeit in Oberflächlichkeiten. Mit dem Überraschungserfolg von Jean-Pierre Jeunet eint „Jeux d'enfants“, wie der weniger doppeldeutige Originaltitel des Films lautet, außerdem noch der angesprochene Hang zum Sadismus sowie die leicht sado-masochistische Grundhaltung: das Spiel nimmt derartige Ausmaße an, dass Julien Sophie sogar einen Hochzeitsantrag vorspielt und sie damit tief verletzt (eine Szene, die von Marion Cotillard ganz hervorragend gespielt wird).

Wenn man „Liebe mich, wenn du dich traust“ etwas vorwerfen kann (abgesehen von der Tatsache, dass die Haltung der Figuren ganz generell viel Missstimmung provozieren dürfte), dann ist es wohl der relativierende Epilog. Zwar scheint die eigentliche Geschichte tatsächlich mit der Betonierung zu enden, der traumartige, in gelblich saturierten Bildern formulierte Ausklang erweckt jedoch den Eindruck, einem vielleicht zur Unbefriedung neigenden Massenpublikum das ohnehin existierende Happy-End verdeutlichen zu müssen. Das wäre wohl nicht nötig gewesen, verrät aber immerhin auch nicht das ursprüngliche Konzept. Von daher: sofern man sich auf die selbstsüchtigen Figuren einlassen kann, ist „Liebe mich, wenn du dich traust“ ein schöner Versuch, dem seichten Genre der „romantischen Komödie“ etwas mehr Biss abzugewinnen.

Bissige romantische Komödie mit unkonventionellen Figuren


Thomas Schlömer