Mein Name ist Bach

Schweiz / Deutschland, 99min
R:Dominique de Rivaz
B:Jean-Luc Bourgeois, Leo Raat
D:Vadim Glowna,
Jürgen Vogel,
Karoline Herfurth,
Anatole Taubmann
L:IMDb
„Ein Gott!”
Inhalt
Jeder kennt Johann Sebastian Bach. Jeder kennt Friedrich II. von Preußen. Kaum einer weiß, dass sie sich begegnet sind. Im Mai 1747 kommen der König der Musik und der König von Preußen für eine Woche zusammen. Zwei Welten prallen aufeinander, und Ehrfurcht und Neid, Hoffnung und Enttäuschung entzünden ein Feuerwerk sprühender Kontrapunkte. Als Bach einen seiner Söhne in Potsdam besucht, wird er zum königlichen Hof zitiert, wo er den hochintelligenten und talentierten jungen Monarchen kennen lernt. Friedrich weiß die Genialität anderer zu schätzen, verabscheut es jedoch, von ihnen in den Schatten gestellt zu werden. Sein getreuer Hofkomponist Quantz hat diese Beschränkung akzeptiert, nicht jedoch Amalia, die lebhafte und musisch begabte Schwester des Königs, die sich nach Freiheit sehnt – und leidenschaftlich für Bachs eigensinnigen ältesten Sohn schwärmt.
Kurzkommentar
"Mein Name ist Bach" ist der überwiegend gescheiterte Versuch, einen Historienfilm von der erstickenden Patina zu befreien. Zwar ist der Film erfrischend respektlos und, wohlwollend ausgedrückt, fantasievoll, doch welchem Zweck dies dienen soll, bleibt verborgen.
Kritik
"Wer sich über die Wirklichkeit nicht hinauswagt, wird nie die Wahrheit erobern.", schrieb Friedrich Schiller in "Über die ästhetische Erziehung des Menschen". Diesen Leitsatz, der gut das Motto der LSD-gewohnten 68er-Hippies gewesen sein könnte, nimmt sich die Schweizer Regisseurin Dominique de Rivaz sehr zu Herzen, und macht aus einer historischen Randnotiz, der nur nebenbei bezeugten, wenig auffälligen Begegnung zwischen Johann Sebastian Bach und Friedrich dem Großen einen bunten Fantasy-Film. Respektlos und fantasievoll wollte sie das Thema nach eigenem Bekunden angehen, und zumindest das ist ihr gelungen. Werden so manch andere Historienfilme von der Last der Geschichte, dem ihnen aufgebürdeten Pomp oder der lähmenden Heroisierung von Helden und Zeiten erdrückt, so schert sich de Rivaz gezielt wenig um historische Authentizität oder respektvolle Behandlung.

Friedrich der Zweite, dem in der Tat kaum nachgesagt wird, ein großer Frauenheld gewesen zu sein, wird so flugs zum psychotischen Schwulen, sein Gefährte aus früheren Jahren, der von seinem Vater exekutierte Leutnant Katte zu seinem Lover. Das gibt natürlich einen passablen Stoff und gute Bilder - die insbesondere dazu dienen, Friedrich zu demontieren - historisch verbürgt ist dies jedoch kaum.
Die hingegen historische Episode um das "Musikalische Opfer", eine sechsstimmige Fuge, die Bach auf Wunsch Friedrichs schrieb, wird hingegen zum Aufhänger des ganzen Films. Wo Bach-Biograph Christoph Wolff die genauen Hintergründe mangels überlieferter Details unklar lassen muss, macht de Rivaz aus dem Ganzen kurzerhand einen Streit unter genialischen Rivalen. Den muss Friedrich natürlich verlieren, doch nur deswegen, weil er ein psychisches Wrack, ein neurotischer Klein-Napoleon ist, der gegen die abgeklärte Ruhe des großen Geistes Bach nicht ankommt. Das von de Rivaz gezeichnete Psychogramm enttäuscht jedoch durch seine Eindimensionalität: Was hätte man aus dem Aufeinandertreffen zwischen musischem Künstler und strategischem Staatsmann, zwischen barockem Geist und aufgeklärtem Despoten nicht alles machen können! Gefordert sei noch nicht mal eine historisch korrekte Darstellung - vielmehr wäre es schön gewesen, wenn sich die Regisseurin nicht in stereotypen Klischees verloren hätte, die darin enden, dass sich Bach und Friedrich in einer zugedröhnten Jam-Session als Vater und Sohn sehen. Friedrich darf hier dann seinen ödipalen Komplex aufarbeiten, Bach seine mäßige Vaterschaft kompensieren. Das ist nicht nur unhistorisch, viel schlimmer, es ist platt.

Wer sich die Freiheit nimmt, die Wirklichkeit über das Belegte hinaus zu dehnen, sollte auch etwas mitzuteilen haben - versuchen, die Wahrheit zu erobern, in Schillers Worten, oder wenigstens einen unterhaltsamen Film abliefern; soviel wird man verlangen dürfen, zumal mit Vadim Glowna und Jürgen Vogel zwei Hauptdarsteller zur Verfügung standen, die ihre Rollen durchaus beherrschen. Stattdessen verzichtet der Film weitestgehend auf eine Handlung, ersetzt historische Fakten durch eine überdehnte, unglaubwürdige Hassliebe, wertet die Musik zum schmückenden Beiwerk ab. Wozu dies alles, muss man fragen? Manch lustige Stelle hat der Film, die eine oder andere ungewohnte Perspektive könnte neue Einsichten versprechen, aber letztlich bleibt er eine platte Ausweidung großer Namen zu keinem Zwecke. Als Komödie zu unlustig, als Psychogramm zu unausgewogen, als historische Schilderung absurd, als psychedelisch-synästhetischer Sinnesrausch zu fade.

Ärgerliche Ausweidung großer Namen für ein plattes Spektakel


Wolfgang Huang