Coffee and Cigarettes

USA, 91min
R:Jim Jarmusch
B:Jim Jarmusch
D:Roberto Benigni,
Steve Buscemi,
Alfred Molina,
Cate Blanchett,
Bill Murray
L:IMDb
„Let´s pretend this coffee is champagne”
Inhalt
In elf Kurzgeschichten inszeniert Jim Jarmusch Begegnungen verschiedenster Menschen, die durch das Motiv von Kaffee und Zigaretten einen vielleicht mehr als nur äußeren Zusammenhang bilden.
Kurzkommentar
Noch süchtiger als nach Zelluloid dürfte Independent-Vorreiter Jim Jarmusch nach den titelgebenden Substanzen sein. „Coffee and Cigarettes“ lässt in einem nur teilweise originellen Kurzgeschichtenkaleidoskop verschiedenste Figuren - bizarre, normale und angeblich reale – in einen weitgehend ziellosen Dialog mit Kaffee und Zigaretten und über Kaffee und Zigaretten treten. Als lockere Lifestyle-Philosophie ist das ganz nett.
Kritik
Vielleicht ist es das Ende der Kulturgeschichte des Kaffees. Oder auch der Kaffeesatz des Autorenkinos. Was vor Jahrhunderten Luxusgut und Stimulans „gepflegter Konversation“ im Kaffeehaus war, ist heute nur noch nonverbales Hauptmoment in wohl nicht ganz gegenstandslosen Gesprächen zwischen Kettenrauchern und Koffeeinjunkies. Wer immer die Gestalten auch sind, was sie teilen, was sie gemeinsam haben mögen – dass man gemeinsam raucht und Kaffee trinkt, ist das eigentlich gegenständlich Greifbare. Jim Jarmusch, permanent selbst mit Glimmstengel zu sehen und zuletzt mit seiner Samurai-Metaphysik „Ghost Dog“ erfolgreich, ist von den beiden Wachmachern filmisch schon seit den 80ern stimuliert. So drehte er „Strange to meet you“, die erste der elf filmischen Kurzgeschichten, die in „Coffee and Cigarettes“ etwas kurios amüsieren, schon 1986. Der Kaffee regt den Geist hier nicht an, oft gilt das Gegenteil.

„Coffee and Cigarettes“ ist damit eine um neue Kurzfilme ergänzte Anthologie der stilisierten Momentaufnahmen von Jarmusch. Das sie verbindende Motiv: Kaffee und Zigaretten, gattungsgemäß radikal offene Anfänge und Enden. Neben der ersten Episode, die die Komiker Roberto Benigni und Steven Wright in Rollen von koffeinschocksüchtigen Debilen zeigt, stammen auch die zweite und dritte der zehn Kurzgeschichten aus den 80ern und 90ern: In „Twins“ will Steve Buscemi als Restaurantangestellter zwei gelangweilt vor sich hinrauchende Zwillinge von der Existenz des Zwillingsbruders von Elvis überzeugen. Dabei wollte er eigentlich nur Kaffee nachschenken. Das ist, wie die erste Episode und den meisten der folgenden auch, auf jeden Fall wie Kaffeepause oder noch ein Stück sinnloser. Jarmuschs bizarres Sammelsurium unterläuft souverän jede Dramaturgie einer Gesprächshandlung insofern, als es eher um die ganz alltägliche Zusammenhangslosigkeit von Small-Talks geht. Die flüchtige Intimität der Restaurants und Bars spielt die ergänzende Rolle.

Gerade das Peinlichkeitsmoment in Begegnungen von Menschen, die sich lange nicht oder noch gar nicht sahen, gibt Kaffee und Zigaretten ihre Berechtigung. So raucht und schlürft man betreten, um die Zeit bis zum nächsten Gesprächsfetzen zu überbrücken. Hier gewinnt „Coffee and Cigarettes“ an Authentizität, wenn Jarmusch auch konsequent auf seine intellektuell kitschige Schwarz-Weiß-Stilisierung setzt. Überhaupt treibt die Inszenierung ein geschicktes Spiel mit den Realitätsebenen, da die meisten Darsteller vorgeblich sich selbst spielen und wiederum auch nicht. So trifft in der dritten Episode Musikgröße Tom Waits „Somewhere in California“ auf die Rock´n´Roll- und Drogenlegende Iggy Pop. Diese fingierten Nicht-Fiktionalität sitzen die Beiden bemüht ab. Musik ist kaum ein Thema, das Missverstehen vielleicht. Also verständigt man sich auf und über Kaffee und Zigaretten und die Jury in Cannes im Jahre 1993 auf die Goldene Palme für den besten Kurzfilm.

Insgesamt sind diese Geschichtchen jedoch ebenso schnell konsumiert wie die Marlboro und Camels ihre Protagonisten. Mit Nachhaltigkeit hat das nichts zu tun und alles, was beansprucht wird, sind die Sehgewohnheiten der Zuschauer. Jarmusch arbeitet mit wenigen, zum Teil überhaupt keinen Schnitten, lässt die Kamera also nicht erzählen, sondern nur ruhig beobachten, auch den Kaffee und die auf den Tischen drapierten Gegenstände an sich. Die Beiträge sind bei weitem nicht gleich stark. Unter dem Strich ist „Coffee and Cigarettes“ aber ein gleichermaßen absonderlicher wie wirklichkeitsnaher Spaß. So zeigt die vierte Episode einen koffeinösen Rentner, der polemische Hysterie gegen die Nikotinsucht eines gleichaltrigen Freundes schiebt. Jarmusch konnte für die neuen Kurzfilme etliche Stars verpflichten. Cate Blanchett ist in einem monologischen Dialog einer Doppelrolle zu sehen und Bill Murray trinkt den Kaffee gleich ganz aus der Kanne, während Raptstar RZA von Alternativmedizin und Bluthochdruck faselt.

Die mit Abstand witzigste der loungeartigen Geschichten ist jedoch „Cousins?“, die neunte. Alfred Molina („Luther“, „Spider-Man 2“) und der britische Darsteller Steve Coogan spielen dem Anschein nach sich selbst. Molina als Molina erklärt sich nicht nur als Fan von Coogan, sondern mit genealogisch akribischen Beweisen auch als dessen Cousin. Wie Jarmusch in den wenigen Minuten hier alles aus dem verwickelnden Potential der Geschichte kitzelt, ist schwer pointiert. Würde „Coffee and Cigarettes“ dieses Niveau über die Gesamtheit der elf Kurzfilme halten, wäre Jarmusch ein origineller Wurf geglückt. So aber hat „Coffee and Cigarettes“ viel mit seinem Thema gemeinsam, wirkt wie eine entspannend berieselnde Kaffeepause.

Entspannte Kurzgeschichten über die Gesprächsmächte Kaffee und Zigaretten


Flemming Schock