Frühling, Sommer, Herbst, Winter... und Frühling
(Bom, Yeoreum, Gaeul, Gyeowool, Geurigo, Bom)

Südkorea/Deutschland, 103min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Kim Ki-Duk
B:Kim Ki-Duk
D:Yeong-su Oh,
Jong-ho Kim,
Jae-kyeong Seo,
Young-min Kim,
Yeo-jin Ha
L:IMDb
„Wieso betest du so plötzlich?”
Inhalt
Niemand ist immun gegen die Mächte der wechselnden Jahreszeiten und des jährlich wiederkehrenden Zyklus von Geburt, Wachstum und Verfall. Auch nicht der alte Mönch und sein Schüler, die sich eine Einsiedelei teilen, welche inmitten eines von Bergen umgebenen Sees liegt. Während um sie herum die Jahreszeiten ihren Lauf nehmen, ist jede Lebensphase der beiden Mönche von einer Intensität durchdrungen, die sie zu einer tieferen Spiritualität führt – und in eine Tragödie. Denn auch ihnen ist es nicht möglich, sich dem Strudel des Lebens zu entziehen, den Begierden, dem Leiden und den Leidenschaften, die von uns allen Besitz ergreifen.
Kurzkommentar
Aus deutschen Produktionsmitteln und koreanischem Regietalent ist ein Film entstanden, der so außergewöhnlich ist wie der Ort, an dem er spielt. Kim Ki-Duk gelingt eine buddhistisch seelenruhige und anmutig langsame Parabel über die Natur des Menschen und den Mensch in der Natur. Manche Momente wirken überakzentuiert, aber „Frühling, Sommer, Herbst, Winter…und Frühling“ behandelt die existentiellen Themen von Schuld, Sühne und Frieden in einer meditativen Bildersprache, in der Natur auf malerische Weise ästhetisiert und zum Spiegel der Seele wird. Ein klarer Fall fürs Kunstkino.
Kritik
Korea mag mehr als nur exotisch, ja weitgehend unbekannt sein. Aber in der Ikonographie der Lebensalter überschneiden sich christlich-westlicher und östlich-buddhistischer Kulturkreis auf sinnfällige Weise: Den Rhythmus und die Kernphasen des menschlichen Lebens, Jugend, Blüte und Alter mit dem Jahreszeitenwechsel der Natur allegorisch in zu verbinden, ist auch in Europa eine alte Leier. Bis heute hat sich der Mensch allerdings eine Freiheit gegenüber der Natur erkämpft, die auch einen emotionalen Leerraum mit sich brachte. Zurück zur Natur! Dieses Konzept ist im Film des Koreaners Kim Ki-Duk aber keine naive Rückzugsbewegung einer sinnentleerten und rational-grausamen Moderne, sondern einfach schon da, zeitlos, unangestrengt gegeben: Inmitten eines idyllischen Sees einer asiatischen Tallandschaft liegt – es wirkt traumhaft entfernt und seelenruhig – eine Pagode.

Auf der diesjährigen Berlinale gewann Ki-duk den Silbernen Bären für „Die Samariterin“, einen Film, dessen Stoff realistischer scheint: zwei Mädchen, die sich als Gelegenheitsprostituierte durchschlagen. Es geht um den Verlust der Unschuld. Die Wirklichkeit in der Parabel von „Frühling, Sommer, Herbst, Winter…und Frühling“ wirkt enthoben und jede Schuld zu Beginn weit entfernt. Ki-Duk inszeniert seinen Film dem umständlichen wie klaren Titel nach in fünf Episoden, von der die letzte, der erneute Frühling, den ewigen Kreislauf der Dinge bezeichnet. In ihm liegen, am Ende weiß man es nicht, Erlösung und Schuld zugleich. In den Zyklus der Natur bettet bettet sich der menschliche. Von Beginn an operiert Ki-Duks Film mit einer simplen Symbolik, die im Grunde ständig Gefahr läuft, in kulturellen Kitsch abzurutschen. Aber das Bemerkenswerteste an der Eremitenmeditation von „Frühling, Sommer, Herbst, Winter…und Frühling“ ist, dass der Film dagegen völlig immun ist.

Ki-Duk markiert das wunderschöne Nirgendwo des Mönchs und seines Ziehkindes nicht nur durch die Metapher der Pagodeninsel inmitten des Sees. Denn zu Beginn und Ende eines jeden Kapitels öffnet und schließt ein kunsthaft bemaltes Tor den Zugang zur Einsamkeit. Schon hier schwingt Surrealität mit, denn zum Tor fehlt die dazugehörige Mauer und zu den beiden Türen in der Pagode selbst die jeweiligen Wände. Und trotzdem bedient man sich ihrer. Was die ersten Bilder als Bewegungsprinzip des Films nahe legen, setzt Ki-Duk mit traumhaft sicheren Bildern auch konsequent um: eine Kriegserklärung an die Sehgewohnheiten des heutigen Kinos. Ohnehin scheint die Zeit eine komplett andere Begrifflichkeit schon deswegen zu haben, weil auf eine Einführung der Figuren, die als Meister und Schüler eher Typen sind und namenlos bleiben, komplett verzichtet wird. Der alte Mönch ist einfach, das junge Kind mit ihm.

Ki-Duk hebelt jede Verpflichtung konventioneller Erzählung aus, wenn er mit schon fast penetranter Langsamkeit in den ersten Szenen das Sein der beiden beobachtet und die Kamera lange auf Gegenständen mit starkem Symbolcharakter ruhen lässt. Einen äußeren Antrieb braucht die Geschichte noch nicht, zuerst geht es nur um die innere Welt – und ihre fatalen Verstrickungen. Zeigen die ersten Momente den menschlichen Lebensrhythmus im Einklang mit der Natur, wo jedes der wenigen gewechselten Worte nur die Eintracht zu zerschneiden scheint, greift Ki-Duk darauf ein für ihn konstitutives Motiv auf: die mögliche Schuld der menschlichen Natur. Als nämlich das Kind aufbricht, um Kräuter zu sammeln, findet es bald sadistischen Spaß daran, einen Fisch, eine Kröte und eine Schlange durch einen an den Körper gebundenen Stein zu malträtieren.

Der Meister beobachtet, was der Mensch der Natur anzutun im Stande ist, entsetzt und greift daraufhin – was auch die Essenz des ersten Lebenskapitels ausmacht – zu drastischen Erziehungsmethoden, die aber die Schuld nicht aufheben können, da zwei der Tiere verendet sind. So bricht recht unerwartet und drastisch das Thema des Todes in den enthobenen „Fluss des Lebens“ ein, dessen Sommerkapitel das nächste existentielle Kernthema aufgreift: die Liebe. Die dringt bezeichnenderweise aus der „Zivilisation“, der „Welt der Menschen“, in die asketische Pagodeneinsamkeit in Gestalt eines kränkelnden jungen Mädchens. Auf unterhaltsame wie subtile Weise zeigt Ki-Duk die erst verhaltenen Annäherungen zwischen dem jetzt herangewachsenen Jungmönch und dem Mädchen, bis die Lust beide überwältigt, aber, wie der Meister prophezeit, gleichzeitig den Kern künftigen Unheils in sich trägt, weil sie das Verlangen nach Besitz schürt.

Das gesamte Weltbild in „Frühling, Sommer, Herbst, Winter…und Frühling“ mag damit genauso spartanisch sein wie der Einsatz der Musik. Aber mit dem Sichversenken in den atemberaubend schönen wie kontemplativen Bildern, in denen Ki-Duk seine (Lebens)Geschichte langsam voran fließen lässt, erhalten auch die transportierten Botschaften den nötigen Zug „tieferer Wahrheit“, die ungekünstelt und puristisch in der Bildsprache wirken. Da verzeiht man Ki-Duk gerne, dass diese Wahrheiten um der Kunst willen überstrapaziert werden. So führt die Liebe der äußeren Welt dann nicht nur in den Sumpf niederer Instinkte, sondern tatsächlich unanwendbar zu Mord, der einen weiteren Kreislauf lostritt, der ewig ist: den von Schuld und Buße. Hier entwickelt der Film gradlinig im Folgekapitel Sühne und Läuterung des Heimgekehrten, der schließlich im Schlusskapitel, trotz des Steins, der weiterhin auf seinem Herz lastet, endlich Frieden findet. So schließt sich der Kreis, wenn der ältere Mönch, den Ki-Duk selbst spielt, seinerseits zum Ziehvater eines Kindes wird.

In diesem Rahmen spiegelt sich das Allgemeine im Einzelfall, große Themen im Kleinen. Wie Ki-Duk diese auf der Folie des einzigen und einzigartigen Schauplatzes entwickelt, macht den großen Reiz von „Frühling, Sommer, Herbst, Winter…und Frühling“ aus. In der virtuos bebilderten Daseinsparabel vereint sich ein Stück Eskapismus mit einer Meditation, die fast ohne Dialoge auf den erzählerischen Gehalt der Aufnahmen setzt und eine seltene emotionale Dichte erzeugt. Generell erreicht Ki-Duk sehr gut, was er beabsichtigt: Auf einem Strom der Bilder, in der Balance von Landschaftsbildern und Stimmungen, entwickelt diese Jahreszeiten- und Lebensalterallegorie eine magische Anziehungskraft und Ruhe, wie man sie im Kino fast nicht mehr für möglich gehalten hätte.

Erzählerischer Mikrokosmos mit meditativ-magischen Bildern


Flemming Schock