Sommersturm

Deutschland, 98min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Marco Kreuzpaintner
B:Marco Kreuzpaintner, Thomas Bahmann
D:Robert Stadlober,
Kostja Ullmann,
Alicja Bachleda-Curus,
Tristano Casanova,
Miriam Morgenstern
L:IMDb
„Du kannst dich nicht dein Leben lang verstecken. Dann findest du dich irgendwann nicht mehr.”
Inhalt
Es ist Hochsommer. Tobi (Robert Stadlober) und Achim (Kostja Ullmann) sind seit langem die besten Freunde und zugleich die Hoffnungsträger des örtlichen Ruderclubs. Dem bevorstehenden Sommerzeltlager sehen die beiden voller Vorfreude entgegen. „Glaubst Du, dass wir mit 40 immer noch was zusammen losmachen?“ will Tobi wissen, als sie am Vorabend der Abreise im Bootshaus sitzen. „Na klar, was soll uns denn auseinanderbringen?“ entgegnet Achim. Der anstehende Wettkampf ist für beide der Höhepunkt des Sommers. Und das nicht nur, weil sie ihr sportliches Können unter Beweis stellen müssen: Auch das Mädchenteam ist mit am Start und Achim freut sich auf die gemeinsame Zeit mit seiner Freundin Sandra (Miriam Morgenstern). Angekommen im Zeltlager sieht Tobi die immer enger werdende Beziehung der beiden mit gemischten Gefühlen – hatte ihm Achim nicht versprochen, dass sich nichts und niemand zwischen sie stellen könnte? Tobi ist hin und hergerissen - und dass die hübsche Anke (Alicja Bachleda-Curus) aus dem Mädchenteam ganz offensichtlich in ihn verliebt ist, macht die Sache auch nicht einfacher. Anstelle der von allen Jungs heiß ersehnten Mädchengruppe aus Berlin sind die "Queerschläger" angereist, ein schwules Ruderteam. Die sind nicht nur unerwartet gute Ruderer, sondern auch bemüht, endlich mal mit den gängigen Klischees aufzuräumen. Tobi ist verwirrt von alldem, was um ihn herum passiert.
Kurzkommentar
Marco Kreuzpainter erzählt die übliche Geschichte des Coming-Out und des Coming-of-Age, dazu noch mit ziemlicher Süße. Dass "Sommersturm" trotzdem sympathisch wirkt, liegt an der aufrichtigen Inszenierung, den glaubwürdigen Darstellern und der kompetenten Regie. Für einen Film, der trotz des vergleichsweise mageren, finanziellen Hintergrunds, auf den Mainstream zielt, kann man deshalb die faustdicke Stereotypie tolerieren.
Kritik
Schon wieder eine Schwulengeschichte, mag man denken, ist das Thema denn nicht schon zu genüge filmisch aufbereitet worden? Sind denn die täglichen Coming-Outs in Popliteratur, Fernsehserien und gar Nachrichten (Berlin: Wowereit) kein deutliches Zeichen für die mittlerweile nahezu selbstverständliche Tolerierung sexueller Orientierung? Offenbar nicht, denn wenn man genauer hinschaut, fällt auf, dass es kaum explizite Homosexuellen-Geschichten im deutschen Mainstream gibt. Dafür aber einige Coming-of-Age Dramen: "Crazy", "Herz im Kopf", "Nichts bereuen" oder - immer noch der beste - "Nach Fünf im Urwald" sind da nur einige Beispiele. Und von dieser Sorte ist "Sommersturm" schließlich auch. So gesehen bezieht Marco Kreuzpaintners erste Regiearbeit nach seinem Debüt "Ganz und Gar" ihre "Existenzberechtigung" hauptsächlich aus der Aufbereitung des Themas für ein größeres Publikum. (Spitz formuliert als eine Art seriöser Gegenpol zu Spackereien wie "Traumschiff Surprise".) Und unter diesen Voraussetzungen schneidet er gar nicht mal schlecht ab.

Der größte Pluspunkt von Kreuzpaintners Variation bekannter Themen dürfte die Aufrichtigkeit sein, mit der er die Knackpunkt der Geschichte anpackt: sei es die sehr direkte und glücklicherweise nicht gezwungen wirkende Liebesszene zwischen Leo und Tobi, sei es der entscheidende Dialog, mit dem Tobi sich endlich seine Homosexualität eingesteht oder sei es die Bekanntmachung seiner Neigung vor der Gruppe ("Darf ich jetzt kein Mädchen mehr küssen?"), die wichtigsten Stationen der Geschichte meistert Kreuzpaintner mit Bravour, wohl nicht zuletzt, weil er sie selber durchlebt hat. Entscheidend tragen dazu sicher auch die nahezu makellos agierenden Darsteller bei: Kostja Ullmann gibt die große Liebe Achim etwas profillos, aber souverän, Hanno Koffler hat mit dem "Heten-Knacker" Malte wohl die charismatischste Rolle und auch Alicja Bachleda-Curus merkt man ihre Sprachprobleme wieder mal kaum an (sie ist Polin und wurde in der Postproduktion nachsynchronisiert). Von äußerster Wichtigkeit ist auch, dass Hauptdarsteller Robert Stadlober seine gelegentlichen Manierismen ablegen konnte und wieder mit der gleichen Sensibilität wie in seinem Durchbruch "Crazy" agiert - der Film wäre sonst hoffnungslos verloren gewesen.

Denn trotz der darstellerischen Glaubwürdigkeit und Sensibilität des Regisseurs gibt es da immer noch das zentrale Problem eines jeden Films, der für Toleranz bzgl. Andersdenkender plädiert: allein in der expliziten Thematisierung eines solchen Stoffs stellt man ihn als erwähnenswert und nicht "normal" heraus - immerhin hat man dort ja dramaturgisches Potenzial gesehen. Homosexualität natürlich wirken zu lassen ist aber nur über Beiläufigkeit möglich, dann etwa, wenn ein schwules oder lesbisches Paar auftaucht, ihre Neigung aber nie thematisiert wird. Zu Gute halten muss man "Sommersturm" in dieser Hinsicht aber, dass er darum bemüht ist, das Thema nur als Weg zu benutzen, nicht als Ziel: zwar wurzeln die zentralen Konflikte in Tobis Homosexualität, die eigentlichen Kraftakte, die er vollziehen muss, sind aber die eines jeden Coming-of-Age Films: Selbstfindung, Ausbruch aus der träumerischen Jugend, Überstehen der ersten Enttäuschungen, die Erkenntnis, dass eine Freundschaft nicht ewig hält.

Deshalb und weil Kreuzpaintner keinen Hehl aus seiner Absicht macht, das Thema Homosexualität massentauglich zu vermitteln, ist ihm ein sympathischer Film gelungen. Trotz photographischem Kitsch (Sommer, Sonne, See, Sturm), trotz anderweitiger Randgruppenwitze (Bayern, Sachsen, ja, auch Schwule), trotz dramaturgischer Schemata (Er liebt ihn, sie auch; sie muss schlucken, dass er nicht auf Frauen steht). Tolerieren kann man das, zum einen, weil die Gefühl nichts desto trotz echt wirken, zum anderen, weil die Jugend ja auch irgendwie so ist: übermäßig romantisch, reichlich kitschig, ziemlich verblendet - und sehr humorvoll. So wie der Film.

Kitsch und faustdicke Klischees, aber sehr ehrlich inszeniert


Thomas Schlömer