Kitchen Stories
(Salmer fra kjokkenet)

Norwegen, 95min
R:Bent Hamer
B:Bent Hamer, Jörgen Bergmark
D:Joachim Calmeyer,
Tomas Norström,
Bjørn Floberg,
Reine Brynolfsson
L:IMDb
„Ihr Schweden ward ja auch im Krieg gute Beobachter”
Inhalt
Schweden in den 50er Jahren. Die Technik soll Einzug in die privaten Haushalte halten. Um den Werbefeldzug für die moderne Küche einleiten zu können, werden zuvor vom schwedischen Forschungsinstitut für Heim und Haushalt eingehende Studien zum Verhalten der Hausfrau in ihrer Küche vorgenommen. Am Ende der Versuchsreihe steht fest: Um ihrer Familie jeden Tag das Essen servieren zu können, läuft die schwedische Hausfrau jedes Jahr eine Strecke, die der zwischen Schweden und dem Kongo gleicht. Wenn man die Küche jedoch nach einem bestimmten Muster anordnen würde, dann müsste sie nur noch bis nach Norditalien laufen, um allen Küchenpflichten nachzugehen. Von diesem Erfolg beflügelt, sucht das Institut nun nach einer neuen Herausforderung. Diesmal sollen verlässliche Daten über eine weitere Zielgruppe eingeholt werden: Den männlichen Junggesellen. Zu diesem Zweck werden 18 Beobachter in das kleine Dorf Landstad in Norwegen geschickt, um an freiwilligen Probanden deren Küchenroutine zu studieren.
Kurzkommentar
Skurrilität ist seit längerem das Steckenpferd skandinavischer Filme und auch Bent Hamer feiert sie, gewissermaßen „traditionsbewusst“. Indem er den Komödiencharakter aber letztlich dem menschlichen Drama unterordnet, gelingt ihm mehr als ein subtiler Lacherfolg. Auch wenn die Schlüsse, die er zieht, nicht immer nachvollziehbar bleiben.
Kritik
Mit reduziertem Dialog und lakonischem Humor, mit Gesten und Blicken die Tiefe menschlicher Beziehungen auszuloten, war schon immer eine Besonderheit des skandinavischen Kinos. Insbesondere der finnische Regisseur Aki Kaurismäki gilt hier als eine Art Ikone, hat er doch mit Filmen wie „Leningrad Cowboys“, „Wolken ziehen vorüber“ und zuletzt „Der Mann ohne Vergangenheit“ maßgeblich das Erscheinungsbild des finnländischen Kinos geformt. Und diese sind in Deutschland gar nicht mal unbeliebt: sowohl sein „Mann ohne Vergangenheit“ als auch der letzte Publikumserfolg „Elling“ konnten jeweils knapp 300.000 Besucher in die deutschen Säle locken. Das ist verhältnismäßig viel, haben doch schon die meisten deutschen Filme arge Probleme, diese Marke zu erreichen.

Der Erfolg könnte darin begründet sein, dass im skandinavischen Film zwei scheinbar gegensätzliche Pole, lakonischer bis schwarzer Humor auf der einen und Melancholie und Einsamkeit auf der anderen Seite, oftmals erstaunlich gut verquickt werden. Denn sowohl Kaurismäki als auch Petter Næss und jetzt Bent Hamer sehen im (Galgen-)Humor auch immer das menschliche Verlangen nach Verständnis, Wärme und Freundschaft, nach Liebe und Geborgenheit. Auf diese Weise wirken ihre Figuren – und seien sie noch so „freakig“ wie Elling und Kjell Bjarne – eben immer noch sehr sympathisch und liebenswert. Man gönnt ihnen grundsätzlich ihr Happy-End.

Auch dem kauzigen Isac und seinem Beobachter Folke in „Kitchen Stories“ wünscht man ein glückliches Ende und das spricht wieder einmal für eine liebevolle Figurenzeichnung. Gestärkt durch das nostalgische 50er-Jahre Setting lebt „Kitchen Stories“ scheinbar von seiner Skurrilität und seinem Einfallsreichtum, aber der eigentliche Kern des Films ist auch hier mehr als eine bloße, humoristische Oberfläche, nämlich die zaghafte Annäherung zweier vereinsamter Menschen. Mit welchem Feingefühl Bent Hamer es hier versteht, das Bröckeln der Kommunikationsbarriere zwischen den beiden sicht- und nachvollziehbar zu machen, ist sehenswert, zumal er damit implizit auch eine sehr politische Ebene erreicht. Ob das nun die Reverenz an den Überwachungsstaat à la George Orwell ist und eine von Hamers Figuren sich sogar zu einem Ausbruch wie „Wie soll man sich verstehen können, wenn man nicht miteinander spricht?“ hinreißen lässt oder die zaghafte Kommunikation der beiden sinnbildlich für die Annäherung zwischen Norwegen und Schweden, Links- und Rechtsverkehr, Forellenessen und Kaffeetrinken steht. Ebenso liebevoll wie er die entstehende Freundschaft zwischen Isac und Folke zeichnet, versteht er es auf subtile Weise für die Kommunikation zwischen zwei Parteien zu plädieren und zu zeigen, dass kein Beisammensein ohne Emotionen möglich ist.

Auf diese Weise wird „Kitchen Stories“ zu mehr als einer bloßen Komödie, zu einem sehr universellen Film. Das macht ihn sehens- und liebenswert auch wenn das Ende in seiner Figurenkonstellation nicht nachvollziehbar erscheint und Hamer seinen Film noch zur Tragikomödie umfunktionieren möchte.

Lakonische Komödie – sympathisch und "typisch" skandinavisch


Thomas Schlömer