Ararat

Kanada / Frankreich, 116min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Atom Egoyan
B:Atom Egoyan
D:David Alpay,
Arsinée Khanjian,
Christopher Plummer,
Charles Aznavour,
Marie-Josée Croze
L:IMDb
„Es ist die Lizenz des Poetischen”
Inhalt
Der junge Raffi (David Alpay) wird an der kanadischen Grenze vom Zollbeamten David (Christopher Plummer) mit Filmbüchsen aus der Türkei und einem Geheimnis aufgehalten. Hat er wirklich Aufnahmen für einen Film mitgebracht, der gerade in Toronto gedreht wird? Der alte Mann am Vorabend der Pensionierung will wissen, was Raffi verbirgt. Vor dem Hintergrund des Verhörs entfalten sich die Geschichten von Liebe und Hass, Vorwurf und Verleugnung im Schoß der Familien, im Schatten der Mutter Ani (Arsinée Khanjian), die lieber das Werk des grossen Malers Arshile Gorky erklärt als den Tod des Vaters, und Davids, der sich mit dem Liebhaber seines Sohns nicht abfinden will. Über allem spukt die Erinnerung an ein untergegangenes Volk: Der Film, den der alte armenische Regisseur Saroyan (Charles Aznavour) dreht, will der Welt den abgestrittenen Völkermord an den Armeniern im Jahre 1915 vor Augen führen - im Stil Hollywoods.
Kurzkommentar
Der kanadisch-armenische Regisseur Atom Egoyan („Das süße Jenseits“) versucht mittels gekonnt verschachtelter Erzählebenen einem der größten Verbrechen des 20. Jahrhunderts gerecht zu werden und sowohl die eigentlichen Ereignisse als auch dessen Folgen zu bebildern. Das gelingt ihm auf kluge wie herausfordernde Weise, denn im Gegensatz zu vielen bequemen Vorbildern sinniert Egoyan nicht nur über das Vergehen an sich, sondern auch über die Rolle der Kunst in dessen Verarbeitung.
Kritik
Wie kann man einem der größtmöglichen, menschlichen Verbrechen, dem Genozid, künstlerisch gerecht werden? Wie kann man den unvorstellbaren Hass auf der einen und das daraus resultierende Leid eines ganzen Volkes auf der anderen Seite in Bilder einfangen ohne zu simplifizieren oder zu banalisieren? Ist das überhaupt möglich? Oder folgt mit der Kadrierung des Kinobildes nicht auch schon automatisch Parteiergreifung, Meinungsäußerung oder zumindest ein Zurechtrücken der „Wahrheit“? Fragen wie diese müssen dem kanadisch-armenischen Regisseur Atom Egoyan viele schlaflose Nächte bereitet haben, denn er ließ sich mit der Aufarbeitung eines der größten Verbrechen des 20. Jahrhunderts nicht nur knapp zwanzig Jahre Zeit, sondern kämpfte innerlich auch mit historischen Fakten, subjektiven Augenzeugenberichten, einseitigen Darstellungen und purer Propaganda. Denn auf jedem Regisseur, der sich mit dem armenischen Völkermord um 1915 auseinandersetze, laste schließe – so gibt er zu – der Druck, „’alles zu erzählen’, den Film zu machen, der allen zeigen wird, was ‚wirklich geschah’“. Aber was „wirklich geschah“ könne eben niemand sagen, jede Erzählung, jede Familiengeschichte vermische persönliche, moralische, gesellschaftliche Ansichten und den Standpunkt einer einzelnen Person zur allgemeingültigen Perspektive zu machen, wäre krasse Verfälschung.

Allein die Erkenntnis dieser Tatsache hebt Egoyan bereits über all die Polanskis und Spielbergs dieser Filmwelt hinweg, denn Betroffenheitskino im Stile des „Pianisten“ oder „Schindlers Liste“ zu machen, ist, zumindest dramaturgisch, recht einfach. In einem Holocaust aber wesentlich mehr zu sehen als einen sinnlosen, problemlos in Gut und Böse unterteilbaren Akt grenzenloser Unmenschlichkeit, weniger. Und Egoyan sieht im Genozid von 1915 wesentlich mehr als die Tatsache, dass über einen Zeitraum von wenigen Jahren über eine Millionen (die Zahlen reichen bis 1,5 Mio. - bei einer Gesamtbevölkerung von 2,5 Mio.) Armenier von den damals im osmanischen Reich herrschenden, jungtürkischen Ittihadisten gezielt verfolgt und ermordet wurden. Denn im Falle Armeniens liegt der Horror nicht nur in der Tat an sich, sondern vor allem auch in dessen kontinuierlicher Verleugnung und Tabuisierung, in der bis in die heutige Zeit ungemein problematischen Thematisierung und der extremen Sensibilität, mit der manche Menschen auf den Konflikt reagieren. Aber nicht nur die Türkei selbst lehnt eine uneingeschränkte Anerkennung der Ereignisse ab, auch Deutschland oder die Schweiz haben – im Gegensatz zu etwa Frankreich, Kanada oder den USA – bislang keine offiziellen Stellungnahmen veröffentlicht. Und das ja immerhin zu einer Zeit, in der sich die Türkei bereits seit längerem um die Aufnahme in eine Staatengemeinschaft wie der EU bemüht.

Indem Egoyan nun die Aufarbeitung des Themas mittels einer direkten, narrativen (und dadurch fiktionalisierenden) Verfilmung meidet, diese Art der künstlerischen Auseinandersetzung sogar einer seiner Figuren (ein alternder, armenische Regisseur – sozusagen Egoyans Alter Ego) überlässt und seinen Film in mehrere Handlungsstränge und –ebenen unterteilt, gelingt ihm vielleicht die einzig mögliche Durchdringung, die ein Thema wie „Völkermord“ künstlerisch zulässt. Von direkter Berührung mit dem Thema (die Schauspieler, der Regisseur) bis hin zu indirekter (der Zollbeamte, der zum ersten Mal – am Ende seiner Arbeitszeit – wirklich Interesse an der persönliche Geschichte eines Verdächtigen hat) versucht Egoyan möglichst umfassend das Spektrum möglicher Konfrontation abzufangen. Das könnte man einerseits als Feigheit abtun (denn immerhin scheut er ja die direkte filmische Auseinandersetzung mit dem Genozid), tatsächlich ist es aber dreierlei: der Versuch, dem „wahren Horror“, nämlich der Leugnung, auf den Grund zu gehen, die Möglichkeit, auch was über die Rolle der Kunst bei der Verarbeitung „wahrer Begebenheiten“ vermitteln zu können und auch das einfache Zugeständnis, keine simple Möglichkeit der Auseinandersetzung gefunden zu haben.

Manche Kritiker, wie etwa Roger Ebert von der Chicago Suntimes, werten die Konfusion, die die Szenenfolge hinterlässt, als unnötig und unbefriedigend. Ebert hält den Plot für "too much, too heavily layered, too needlessly difficult, too opaque" und kritisiert, dass Egoyan nicht primär die erwartete Botschaft (die Welt solle das Verbrechen an den Armeniern endlich anerkennen) vermittelt, sondern vielmehr, dass es ungemein schwierig sei, die Wahrheit aus überlieferten, historischen Begebenheiten herauszufiltern; dass alle Überlieferung vom subjektiven Standpunkt eines Zeugen stammen. Damit hat Ebert exakt den Kern von "Ararat" und Egoyans Botschaft erkannt, wertet es aber kurioserweise nicht als Stärke. Freilich macht es einem ein Film wie "Schindlers Liste" wesentlich einfacher, in „Geschichte“ einzusteigen, aber nur mittels der extrem verschachtelten Erzählebenen, den kollektiven Schicksalsverknüpfungen, kann Egoyan sowohl dem Ausmaß als auch der Tragik des heutigen Zustandes vieler Armenier gerecht werden.

Genau das ist es, was „Ararat“ zu einem mutigen wie klugen Film macht, zumal die angesprochene „Konfusion“ eigentlich gar keine ist. Denn nicht zuletzt dank hervorragender Darsteller, exquisiter Photographie und einer überraschend profilstarken Musik Mychael Dannas macht es Egoyan dem Zuschauer nicht allzu schwer, Zeit und Raum seiner Erzählebenen auseinander zuhalten. Wenn er jetzt noch die Perspektive verschiedener türkischer Betroffenen explizit eingebaut hätte, wäre „Ararat“ wohl als Musterbeispiel engagierten politischen wie humanistischen Kinos in die Geschichte eingegangen.

Komplexe wie intelligente Auseinandersetzung mit einem Stück vergessener Geschichte


Thomas Schlömer