Village, The - Das Dorf
(Village, The)

USA, 108min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:M. Night Shyamalan
B:M. Night Shyamalan
D:Bryce Dallas Howard,
Joaquin Phoenix,
Adrien Brody,
William Hurt,
Sigourney Weaver
L:IMDb
„Manchmal tun wir nicht das, was wir tun wollen, weil wir Angst haben, dass andere Leute dann wissen, was wir wollen”
Inhalt
Nur auf den ersten Blick erscheint dieses einsam in den Wäldern von Pennsylvania gelegene Dorf im Jahr 1897 als Hort der Harmonie. Tatsächlich wird der Frieden bedroht von Kreaturen, die im Wald lauern. Um den namenlosen Feind nicht zu erzürnen, ist es ungeschriebenes Gesetz im Dorf, dass die Dorfgrenzen nicht überschritten werden dürfen und der Wald nicht betreten werden darf. Alle halten sich daran und nehmen die Isolation von der Außenwelt in Kauf, um ein friedliches Leben führen zu können. Bis der neugierige und rebellische Lucius Hunt (Joaquin Phoenix) beschließt, den Schritt ins Ungewisse zu wagen. Die Folgen sind erschütternd. Denn der Waffenstillstand zwischen dem Dorf und den Kreaturen - er ist vorbei.
Kurzkommentar
Das Kino M. Night Shyamalans sorgt seit "Unbreakable" für gespaltene Reaktionen und auch "The Village" dürfte hier keine Ausnahme sein. Shyamalan spielt abermals mit Zuschauererwartungen und konstruierten, kruden Plotwendungen, aber wie schon seine Vorgängerfilme funktioniert "The Village" auf genügend anderen Ebenen: als politische Studie, als berührende Romanze, als einfacher Thriller. Darüber hinaus besitzt er eine elegische Qualität, die wunderschön anzuschauen ist.
Kritik
Es ist eine klare Grenze auszumachen im Schaffen des M. Night Shyamalan, dem indisch-stämmigen Amerikaner, dem 1999 mit "The Sixth Sense" einer der größten Überraschungserfolge der jüngsten Kinogeschichte gelang und dem seither vorgeworfen wird, er variiere mit jedem neuen Film nur sein etabliertes Erfolgskonzept: das des mystisch angehauchten Thrillers mit großem Plotgeheimnis. Bei "Unbreakable" stellten die Trailer die Frage, warum Bruce Willis wohl als einzige Personen ein Zugunglück überleben konnte, im Falle von "Signs" stand die Entstehung mysteriöser Kornkreise im Raum, nun, bei "The Village", konzentriert sich die Werbung auf die zentrale Frage nach der großen Bedrohung, die ein umliegender Wald für eine Gruppe von Dorfbewohnern bereithält. Mehr denn in allen sonstigen Kinokampagnen wird bei Shyamalans Filmen auf den unbändigen Willen des Publikums gesetzt, wissen zu wollen, worin das große Geheimnis besteht; was denn nun genau, und wieso und weshalb. Es wird ein Urtrieb des Menschen stimuliert, Neugier - eigentlich der simpelste Marketing-Mechanismus, den man sich vorstellen kann.

Und doch funktionierte er selten so gut wie bei den Filmen M. Night Shyamalans, was zum einen daran liegt, dass seine Geschichten simple und zugleich sehr effektive Ausgangsideen haben, zum anderen daran, dass Disney die Bewerbung der Streifen konsequent auf die Beantwortung dieser Fragen ausrichtet. So gesehen wundert es nicht, dass Shyamalans Filme - dessen Drehbücher und Macharten ja so gar nicht den gängigen Hollywood-Formeln entsprechen - derartigen Erfolg haben: es ist vor allem auch die hervorragende Werbung, die die Leute ins Kino lockt, nicht nur die erhoffte Überdrüssigkeit an gängigen Schemata. Das soll die Leistungen Shyamalans nicht schmälern, produziert er doch als einer der wenigen Angestellten Hollywoods (Mainstream-)Autorenkino mit eigener Handschrift - ein Umstand, der lobenswert ist, aber seit "Unbreakable" nicht alle glücklich macht.

Denn an dieser Stelle ist besagte Grenze zu finden: "The Sixth Sense" dürfte noch unter großem Druck des Studios entstanden sein, mit Bruce Willis als Star und Shyamalan unter den Fittichen der Produktionsgesellschaft. Mit anderen Worten: Shyamalan hatte - vermutlich im Gegensatz zu allen Folgefilmen (nachdem "Sixth Sense" knapp 300 Mio.$ einspielte) - noch keine freie Hand. Rückblickend würde das Sinn machen, weil "The Sixth Sense" eindeutig der glatteste und unkomplizierteste aller Shyamalan-Filme ist, aber auch der, der oberflächlich am besten funktioniert: Schocker hier, Schocker da, konsistente Geschichte, überraschendes Ende. Ein solider Thriller, aber nur dadurch im Gedächtnis bleibend, dass der junge Haley-Joel Osment Bruce Willis an die Wand spielt und das Ende zur Rekapitulation einlädt. Alle Arbeiten danach - sei es "Unbreakable", "Signs" oder nun "The Village" - funktionieren als Achterbahnfahrten längst nicht so gut wie "Sixth Sense" und doch sind sie die wesentlich besseren Filme: weil es Shyamalan hier um mehr geht als bloße Hitchcock-Ehrerbietung und weil er existenzielle Themen - über den Umweg des Horrorfilms - spannend verpackt: "Was bedeutet Heldentum?", "Wie kann ich angesichts des Leids den Glauben bewahren?" und nun "Was hält eine Gesellschaft zusammen? Angst oder Liebe?".

Das sind spannende Fragen und Shyamalan bearbeitet sie in seinem eigenen, wenn auch reichlich kruden Kosmos, gerne mal übermäßig kompliziert (vgl. Zitat) und über seinen Zwang stolpernd, seine Zuschauer auch oberflächlich (mittels zahlreicher Plotwendungen) bei der Stange halten zu wollen. Das irritiert häufig und dürfte der Grund dafür sein, dass bislang keiner von Shyamalans Filmen eine ähnliche Popularität erreicht hat wie sein Durchbruchsfilm, bei Kritik wie Publikum. Auch "The Village" dürfte etliche Kinogänger verärgern, ist die Frage, was denn nun da draußen sei, da im Walde, doch wieder nur ein McGuffin und sind auch die Plotwendungen, die da noch folgen, äußerst konstruiert. Dennoch zerstören sie weder den Kern der Geschichte, noch deren emotionale Tragfähigkeit. Neben politischen Fragen geht es um Opferbereitschaft, Verantwortung, Erziehung, Liebe: "Wie weit darf ich gehen, um Unschuld zu bewahren?", "Ist ein repressives System die Antwort auf das Glück der Gesellschaft?", "Ist Angst imaginär und kann durch Glauben aufgehoben werden?".

Die Antworten, die Shyamalan dabei in seiner amischen Gesellschaft findet, sind uramerikanisch, geradezu puritanisch-rein, aber doch nicht unkritisch in den Raum gestellt: Shyamalan macht etwa keinen Hehl daraus, dass eine zurückgezogene Gesellschaft, wie sie von den Dorfbewohnern hier praktiziert wird, nicht reibungsfrei funktionieren kann. So macht Ivy's Schwester Kitty dem verdutzten Lucius einen ziemlich spontanen Heiratsantrag, nur um dann in einer der nächsten Szenen den Dorfperfektionisten zu heiraten; eine Ehe, die keineswegs glücklich wirkt und durchscheinen lässt, dass die Qualität der Männer im Dorf vor allem eines ist: beschränkt. Auch macht Shyamalan mehr als deutlich, dass ein System, das auf Zurückgezogenheit, Angst und Geheimhaltung basiert, spätestens dann nicht mehr funktioniert, wenn existenzielle Krisen anstehen, hier der drohende Tod eines Menschen. Als schließlich der ganze Schwindel aufzufliegen droht und die Dorfältesten vor der Entscheidung stehen, ihren Idealismus aufgeben zu müssen, stellt Edward Walker die alles entscheidende Frage: sind die anderen bereit, das System auch unter wesentlich schwierigeren Bedingungen - nämlich dem der Offenheit anstelle der Repression - weiterzuführen? Und was in vergleichbaren Filmen geradezu subtil gewirkt hätte, mutet im kontemplativen Kino Shyamalans schon fast pathetisch an: in einer zentralen Sequenz stehen die Dorfrepräsentanten auf und bekunden somit ihre Zustimmung.

Diese Holzhammer-Allegorie auf die Situation Amerikas nach dem 11. September 2001 kann man unerträglich platt finden, es ist aber der Verdienst Shyamalans, dass sein Film nicht nur auf einer Ebene funktionieren muss. So kann man "The Village" auch wunderbar als einfachen, emotionalen Film genießen - trotz mancher Charaktere, die Kollege Wolfgang als "ziemliche Freaks" bezeichnen würde: Adrien Brody ist der durchgeknallte Dorftrottel, Joaquin Phoenix der sensible Dorftrottel und Bryce Dallas Howard der blinde Dorftrottel. Schwer-belastete Kost also und doch sorgt sie für Resonanz: wie Ivy und Lucius sich auf der Veranda ihre Liebe gestehen, wie Edward Walker seine Gefühle vor Alice versteckt hält und sie nie berührt, wie Lucius Ivy in einer Zeitlupensequenz vor den Angreifern rettet und an die Hand nimmt. Das dürfte der eine Zuschauer als lächerlichen Kitsch deuten, der andere als magischen Kinomoment, aber das solche Kategorisierungen immer äußerst nahe beieinander liegen, ist keine allzu neue Erkenntnis.

So sehr man also "The Village" die gleiche Konstruiertheit wie Shyamalans letzten beiden Filmen vorwerfen kann, so einfach es ist, seine handwerkliche Präzision als Manierismus abzutun, so leicht es fällt, den Film als "kolossale Misskalkulation" (Roger Ebert) einzuordnen, so vielfältig und komplex ist "The Village" auf der anderen Seite: er funktioniert als Liebesgeschichte, als Thriller, als politische Studie, als Historismus. Nicht nur sein Plot, auch seine Figuren halten Geheimnisse bereit und dass diese nicht nur Handlungs- sondern auch emotionalen Wert haben, ist das, was den Film - trotz aller Bedenken - sehenswert macht.

Ehrgeiziger, komplexer Genre-Mix mit fragwürdiger Handlung, aber funktionierendem Kern


Thomas Schlömer