Mädchen mit dem Perlenohrring, Das
(Girl with a Pearl Earring)

USA, 95min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Peter Webber
B:Tracy Chevalier,Olivia Hetreed
D:Colin Firth,
Scarlett Johansson,
Tom Wilkinson,
Judy Parfitt
L:IMDb
„There are colours in the clouds”
Inhalt
Niederlande, Delft, 17. Jahrhundert: Aus einfachen Verhältnissen kommt Griet (Scarlett Johansson) als Dienstmagd in das Haus des berühmten Malers Johannes Vermeer (Colin Firth). Ihre Arbeit führt sie auch in das Studio des verschlossenen Künstlers, wo sie nicht nur eine Affinität zu seinen Bildern, sondern Vermeer selbst sie bald als Modell entdeckt. Aufgrund der Eifersucht der Ehefrau Vermeers muss das entstehende Bild, Auftragsarbeit eines lüsternen Mäzen, unter Geheimhaltung entstehen. Währenddessen erfährt Griet zunehmende Missgunst von den Familienangehörigen.
Kurzkommentar
Der Stoff des Romans von Tracy Chevalier bot sich an, barg allerdings auch Gefahr. Peter Webbers Kinodebüt strickt die Geschichte hinter dem berühmten wie mysteriösen Gemälde „Das Mädchen mit der Perle“ Jan Vermeers. Im Bemühen, nicht in eine groschenartige Romanze abzurutschen, entwirft der wunderbar fotografierte Film in leisen Tönen die Spekulation von Muse und Maler – oder die Geschichte eines Bildes. Gerade die Figur Vermeers bleibt in dem eher beobachtenden als forcierten Film erstaunlich schematisch, aber letztlich geht die Rechnung auf: Der Film hält mit guten Schauspielleistungen und satter, oscarnominierter Ausstattung weitgehend die Balance zwischen Melodrama und Nichtverratens des Enigmatischen hinter den Figuren. Insofern funktioniert er wie ein Gemälde, das auf Assoziationsvielfalt statt auf fester Bedeutung beharrt.
Kritik
Etwas spekulativ wird ja oft die Renaissance, verstanden nicht nur als Elitenbewegung, sondern auch gleich als gesamtkulturelles Phänomen, mit dem Beginn der Frühen Neuzeit insofern gleichgesetzt, als behauptet wurde, erst das 14. und 15. Jahrhundert habe die Geburt des „modernen“ Subjektivismus per se gebracht. Vorher sei „das“ Individuum noch gar nicht entdeckt gewesen. Im Hinblick auf die Malerei ist dies aber immerhin auffällig: Beginnend mit dem 15. Jahrhundert stieg das Interesse an Portraitarbeiten, die einzelne Gesichter im Profil oder frontal zeigten, enorm. Neben allen ästhetischen und komplexen Mentalitätsursachen gab es dafür auch einen ganz profanen Grund – die überwiegende Anzahl der Personenportraits von Malern der Renaissance und späterer Kunstepochen entstand als Auftragsarbeiten Adeliger oder Angehöriger des reichen Stadtbürgertums.

Es entstand zum ersten Mal so etwas wie „Künstlerkult“: bekannte Maler, deren Leben kein Geheimnis mehr war, portraitierten weltliche und geistliche Persönlichkeiten. Wer malte und wer dargestellt war, ist in den meisten Fällen bis heute geklärt. Das Rätsel des Bildes mag dann weniger fesselnd sein. Berühmteste Ausnahme: die „Mona Lisa“. Die Biographien über Da Vincis Leben füllen Regale, ebenso die Spekulationen über die Identität der gemalten Frau. Anders auch im Fall von Johannes Vermeer. Über den niederländischen Meister des 17. Jahrhunderts, dessen Bilder mit Vorliebe die Intimität von Innenräumen mit meditativ versunkenen Personen verbanden, weiß man erstaunlicherweise kaum etwas; nur, dass er wohl seinerzeit in der Stadt Delft bereits mehr als nur eine lokale Größe war und im „Goldenen Zeitalter“ der Niederlande ein ganz stattliches Auskommen hatte.

Bis heute konnten Jan Vermeer nur etwas über dreißig Bilder sicher zugeschrieben werden, „Das Mädchen mit der Perle“, entstanden ungefähr 1665, ist eines davon. Die Berühmtheit des Bildes gründet nun darin, dass Vermeers Leben weitgehend im Dunkeln liegt und die Identität der Dargestellten bis heute nicht geklärt werden konnte. Dem modernen Betrachter mit seinem zugespitzten Interesse an Individualität ist der Fall als besonders enigmatisch und faszinierend, weil Konzeption des Bildes und der fast beiläufig über die Schulter zugeworfene Blick ja so offensichtlich einladen, mit Assoziationen und Geheimnis zu spielen, zu fragen: Wer war die Dargestellte, was dachte sie in „jenem“ Moment, der das Bild flüchtig wirken lässt; was dachte der Maler? Der Kult um dieses einzige Bild ist ausladend, ebenso sind es die Theorien: war die barocke Portraitschönheit die Tochter des Künstlers, seine Geliebte, eine namenlose Magd?

Diese mysteriöse „Aura“ brachte Tracy Chevalier auf die Idee zu ihrem Bestseller „Girl with a Pearl Earring“. Peter Webber hat daraus nun seinen ersten Kinofilm gemacht, der sich trotz des Kitschpotentials der Geschichte letztlich glücklicherweise damit begnügt, den Grundton von Vermeers Bilder in vertonte Bilder zu übersetzen: Webbers Film mag zusammen mit Chevaliers Buch die Frage von Identität und Antrieb des Bildes auf Trivialniveau herunterrechnen, aber es ist gut, dass er hier insgesamt wirkt wie ein Vermeer – andeutend und meditativ, als ob er das Rätsel ausbuchstabieren will, ohne es vollends preiszugeben. Der schwierigste Moment ist dabei völlig gelungen, nämlich die Besetzung des „Modells“ mit der jungen Scarlett Johansson, seit „Lost in Translation“ im extremen Aufwind. So handelt der Film primär davon, Griet, wie die Unbekannte hier getauft ist, als Magd und schließlich als Modell verschüchtert und berührend schön vorzuführen und das Nichtgesagte zu sagen.

Denn damit, dass das „Mysterium“ der Portraitierten zum – zugegebenermaßen nahe liegenden – Meister- und Magdverhältnis banalisiert wird, liegt gleichzeitig unausgesprochen die faktische Unmöglichkeit einer (körperlichen) Liebesbeziehung: Vermeers Frau ist praktisch genauso omnipräsent wie das eiserne Regiment der Mutter, viel wichtiger aber noch sind die durch die Geburt fest definierten sozialen Grenzen. Dass Webbers Film sich in diesen Schranken bewegt statt sie stürmerisch wie schmalzig in einer Art Ausbruchsromanze zu kippen, tut dem Streifen gut, ist aber auch notwendig, weil die Annahme einer möglichst leidenschaftlichen Liebe als Grund des Bildes die Geschichte desavouiert und lächerlich gemacht hätte. Andererseits ist die „historisch begründete“ Annahme, dass ein triebbesessener Mäzen das Portrait der Schönen in Auftrag gab, ohne den das Bild niemals entstanden wäre, ein Stück zu ordinär und eigentlich enttäuschend.

Es ist aber wirkungsvoll, wie Webber die Assoziationen der Portraitmalerei in seine Bildsprache übersetzt, für deren Genauigkeit und Ruhe sich der Portugiese Edouard Serra verantwortlich zeigt. Gesprochen wird in „Girl with a Pearl Earring“ nur das Notwendigste, um die entrückte Atmosphäre des Künstlerischen nicht zu brechen – und ohnehin: wie will Sprache dem Maler beikommen? Viel leistet hier der subtile Pianoscore. So liegt die Kamera lange studierend auf Gesichtern, ohne dass die dahinter stehenden Figuren wirklich völlig fasslich würden. Sehnsüchte und Charakteristiken verraten sich dennoch und dass sie schematisch wirken – die verschüchterte Aufrichtigkeit der Griet und die fast aggressive Introvertiertheit Vermeers -, ist auch zu verkraften. So bleiben in den wortkargen Begegnungen der Beiden, die zudem etwas spät einsetzen, viele Möglichkeiten ungenutzt, aber gerade darum geht es Webber: mit dem Ungenutzten zu spielen und darüber die Annäherung von Künstler und „Objekt“ zu gestalten und nicht nur in einer klaren Gefühlsbeziehung zu banalisieren.

Denn da das „Mysterium“ um die Dargestellte ja doch gelöst scheint, hilft sich der Film mit einem Kunstgriff, um das Geheimnisvolle wieder aufzurichten. Natürlich muss der Künstler der Schönheit des „Objekts“ in gewisser Weise verfallen, aber der Film lässt offen, welche Liebe nun dominierte, die der sozial Unmöglichen oder die gemeinsame Leidenschaft zur Malerei. Während die Mutter Vermeers Bilder nur verkaufen will und „von Kunst an sich“ offensichtlich nichts versteht, ist Griet die Einzige, die vor Vermeers Kompositionen innehält und sie sichtbar studiert. Dann mischt sie auch gemeinsam mit dem Meister Farbe, was schon den intimsten Moment des Filmes bildet. Die sexuelle Komponente, durch die bei Ausbuchstabierung aus dem Streifen schnell ein dämliches Eifersuchtsdrama geworden wäre, spielt klugerweise kaum eine Rolle und so rettet sich das Meister-Magd-Verhältnis vor übelsten Klischees. Kitschig-peinlich wird es im Grunde nur einmal, als Vermeers Frau das „obzöne“ Portrait entdeckt und des theatralischen Effekts wegen eine hysterische Szene hinlegt.

Colin Firth überzeugt als verschlossenes Genie Vermeer, wenn auch die Anlage der Rolle ziemlich stereotyp ist und dem Schauspieler letztlich wenig abverlangt. Über das Denken und Fühlen des Künstlers erfahren wir im Grunde nichts. Johansson als Griet ist über alle Zweifel erhaben, aber auch hier gilt, dass die berechtigt schematische Dienstmädchen-Rolle der Muse sich hier und dort in Gemeinplätzen erschöpfen muss. Völlig überflüssig ist zudem die Einflechtung einer zweiten, „standesgemäßen“ Beziehung, die der möglichen Liebe zwischen Griet und dem Sohn eines Schlachters, dem sie sich jedoch entzieht und dadurch in der Schwebe bleibt. Der Film wirkt unentschlossen zwischen Drama und Romanze, aber letztlich ist es nur klug, nicht zu dick aufzutragen, sondern alles wiederum einem Gemälde gemäß zu entwerfen: der Zuschauer hat sich Zeit zu nehmen. Belohnt wird er dann auch mit der Einladung zum Versinken in zum Teil traumhaften Bildern, die dank eines perfekten Setdesigns, die Stimmung der Niederlande jener Zeit zu bannen scheinen. Abgerundet endet der Film mit der Aufnahme von Vermeers Original. Es spricht für den Film, dass er die Gedanken hinter dem Bild nicht auf Groschenromanniveau denunziert, sondern unverbindlich in Szene setzt.

Kontemplatives Künstlermärchen, üppig bebildert, gut gespielt


Flemming Schock