Monster

USA, 109min
R:Patty Jenkins
B:Patty Jenkins
D:Charlize Theron,
Christina Ricci,
Bruce Dern,
Lee Tergesen
L:IMDb
„Wo es Leben gibt, gibt es Hoffnung.”
Inhalt
Die Prostituierte Aileen Wuornos (Charlize Theron) will ihrem Leben ein Ende setzten, trifft jedoch überraschend in der jungen Selby (Christina Ricci) die Liebe ihres Lebens. Um Geld für Selby zu beschaffen, will sie ein letztes Mal auf den Strich gehen, bringt den Freier jedoch in Notwehr um. Die Spirale von Abhängigkeit gegenüber Selby und Gewalt nimmt ihren Lauf.
Kurzkommentar
Mit „Monster“ parodiert sich Hollywood ein Stück weit selbst. Das berechnende Schaulaufen einer übergewichtigen Charlize Theron ist das einzig Erwähnenswerte in Petty Jenkins´ Biographie der männermordenden Prostituierten Aileen Wuornos. Der simpel gestrickte und gradlinige Film reduziert die seelischen Abgründe der Hauptfigur auf allzu bekannte Muster, entschädigt aber darstellerisch mit Bären- und oscarprämierter Leistung.
Kritik
Hässlichkeit ist wieder salonfähig. Ihr berechneter Aufwind in Hollywood ist wohl die Quittung für den alten Bannspruch, dass schöne Schauspieler sich selbst genügen und nicht viel mehr können mit ihren falschen, weißen wie unwirklichen Zähne Schau zu laufen. Jetzt kehrt sich das Ideal um, denn „ernste“ Filme brauchen den Realismus der Unansehnlichkeit der Welt und nicht den falschen, makellosen Schein, dem Hollywood seine Existenz verdankt. Wirklich ehrlich ist dieser Zug aber nicht, denn die Zähne sind deswegen noch lange nicht echter. So gibt es ein treffendes Symbol, wenn das Ex-Model Charlize Theron über ihre weißen Zähne für „Monster“ nun die entstellte Zahnprothese steckt. Mit geschminkter Schäbigkeit haben ja schon zwei Schauspielgrößen jüngst äußerst effektvoll vorgelegt - Nicholas Cage in „Adaption“ und Nicole Kidman in „The Hours“ – und ihren Karrieren damit Schwung gegeben.

Damit das auch bei der schauspielerisch bisher weniger gefeierten Theron funktionieren und am besten auch gleich der Oscar in Reichweite kommen würde, musste der Mutationsmut noch radikaler, sozusagen als körperlicher Superlativ von Robert De Niros „Method Acting“ betrieben werden: Theron hatte im wahrsten Sinne dick aufzutragen, eine bisher ungekannte nicht-computeranimierte Ganzkörperfettmaske. Dass die Schönheit dann schön entstellt und Theron tatsächlich kaum wieder zu erkennen ist, ist gewichtig und da mögen schon die körperlichen Strapazen die Oscarjuroren dann auch erwartungsgemäß überzeugt haben. Charlize Theron hat die Auszeichnung als beste Hauptdarstellerin erhalten, wohl zu Recht. Überzeugend ist sie aber nicht aufgrund der zwanghaft wirkenden Fettmaskerade. Sollte diese etwa für „Authentizität“ insofern bürgen, als die kurz vor Drehbeginn hingerichtete Prostituierte Aileen Wuornos, von den Medien in den 1980er Jahren nur noch als „Monster“ benannt, mehr durch ihre Körpermaße als durch ihre Taten schockierte?

Außerdem lässt obiger Umstand Patty Jenkins Kinodebüt in anderer, ziemlich zynischer Weise charakteristisch für Hollywood erscheinen: die Tatsache, dass die Unterhaltungsindustrie mit der theatralischen Ausschlachtung eines menschlichen Lebens beginnt, kurz vor oder nachdem diesem von der amerikanischen Justiz ein Ende gesetzt wurde. In der Randexistenz der männermordenden Prostituierten steht Theron allein im Zentrum des Films, so dass Monster“ ein ausgesprochener Oscarstreifen ist. Er ist sehenswert wegen der Chemie der beiden Hauptdarstellerinnen und seiner unkonventionellen Thematik. Was Petty Jenkins aber, die auch das Drehbuch schrieb, um den Mittelpunkt Theron an Beiwerk aufrichtet wie „Monster“ mit seiner Hauptfigur umgeht, ist letztlich genauso gradlinig und konstruiert wie der Weg von der Fettmaske zur Oscarübergabe. Denn der Interpretations- und Erklärungsansatz der Taten der „ersten Massenmörderin der Geschichte“ ist eindimensional geraten und wirkt psychologisch teils doch arg schematisch.

„Monster“ scheint nur selten hinter dem effektreichen Fett die Seele erkunden zu wollen. Die Entwicklung der Figur Wuornos´ hält nur den gängigen Blick parat und ist frei von Widersprüchlichkeiten, von Geheimnissen: Damit die Tragik auch arbeiten kann, schlägt sich Jenkins letztlich moralisch auf die Seite von Wuornos, die uns hier geglättet als Opfer der Gesellschaft erscheint, als Opfer, das schließlich, erst aus Notwehr, dann aber um der Liebe wollen selbst zum Täter wird und das Gesetz der Straße nur bis zum Ende ausbuchstabiert. Einleitend entwirft Jenkins den kaum originellen Kontrast von kindlichen Träumen eines glanzvollen Lebens und ihrer schmerzvollen Endes am Bodensatz der Gesellschaft. Die Bewusstseinsaufnahmen der erwachsenen Aileen Wuornos durch Kommentare aus dem Off schmücken die Atmosphäre mit der nötigen Portion Fatalismus und konstruieren eine allzu typische Charakteristik.

Das denkbar einfache Muster wird weitergesponnen, sobald die von der Männerwelt Missbrauchte mit Besessenheit sicher ist, die bisher nie erfahrene Liebe in einer naiven Lesbe gefunden zu haben, für die sie alsbald zu töten beginnt, weil es der Männerwelt ja ohnehin noch einiges heimzuzahlen und die anspruchsvolle Liebe zu finanzieren gilt. Dumm nur, dass mit dem fortdauernden Morden das schweinische Mannsbild dem mitfühlenden weichen muss und das Opfer erst dann Menschlichkeit erfährt, sobald es kein Entkommen aus dem Sog mehr gibt. Insgesamt entwickelt sich ein im Kern nicht sonderlich aufregendes Lesbendrama und Roadmovie, das einbahnstraßengleich auf das melodramatische Finale hinläuft. Dass aus „Monster“ letztlich doch noch ein überdurchschnittlicher Film wurde, liegt daran, dass Christina Ricci und Charlize Theron innerhalb der abgegriffenen Interpretationsmuster des Drehbuchs Bestes leisten. Theron ergeht sich zwar in manierierten Gesten, vermittelt den kompromisslosen Glauben an die treibende Kraft der Liebe eindrücklich. Fettärmer wäre das Ergebnis aber das gleiche gewesen.

Düsteres wie simples Psychodrama mit starker Hauptdarstellerin


Flemming Schock