Fog of War, The

USA, 106min
R:Errol Morris
B:Errol Morris
D:Robert McNamara
L:IMDb
„Never answer the questions you've been asked. Answer the questions you wish you'd been asked.”
Inhalt
Ein Gespräch zwischen Regisseur Errol Morris und dem ehemaligen Verteidigungsminister der Vereinigten Staaten Robert S. McNamara. Das Gespräch geht den umfassenden und vielfältigen Erfahrungen von Robert S. McNamara nach, die vom Ende des 1. Weltkriegs, über den Verlauf des 2. Weltkriegs, dem Entstehen des Kalten Krieges, der Kuba-Krise bis nach Vietnam reichen. Wir werden aufgefordert, das 20. Jahrhundert als Außenstehende mitzuerleben, wobei uns der Regisseur und seine Hauptperson durch die Erfahrungswelt von Führungspersönlichkeiten, die in folgenschwere Ereignisse verwickelt waren, lenken. Ausführliche Archivaufnahmen der Ereignisse und erst kürzlich freigegebene Tonbandaufnahmen aus dem Weißen Haus ergänzen den Film.
Kurzkommentar
Der Dokumentarfilmer Errol Morris versucht sich am Unmöglichen und interviewt mit Robert S. McNamara eine der schillerndsten politischen Persönlichkeiten des 21. Jahrhunderts. Trotz großem Engagement und neu zugänglicher Tonmitschnitte aus dem Weißen Haus gelingt ihm aber kein Einblick in die Motivation McNamaras, sein persönliches Verantwortungsgefühl oder seine moralischen Vorstellungen. Morris streift durchaus existenzielle und hochinteressante Fragen, sein Hang zu übermäßiger Illustration und Emotionalisierung lässt "Fog of War" aber auch häufig als überfrachtetes Pamphlet erscheinen, das der gewiefte McNamara allzu leicht zu kontrollieren weiß.
Kritik
Eigentlich sollte man froh sein über den aufstrebenden Dokumentarismus im Kino, über die Bereitschaft eines breiteren Publikums, das Kino endlich auch als einen Ort der Auseinandersetzung und nicht nur der Unterhaltung zu begreifen. Gerade in Amerika, das immerhin das Mutterland des Entertainment ist. Dort ist derzeit die Welle der "Dokumentationen" beispiellos, natürlich angestachelt durch die Präsidentschaftswahl im November: "Uncovered: The War on Iraq", "Bush's Brain", "Going Upriver: The Long War of John Kerry" sind da nur einige. Nicht zuletzt der gigantische Erfolg von Vorzeige-Polemiker Michael Moore dürfte zu dieser Entwicklung seinen Teil beigetragen haben. Immerhin widmen sich schon komplette Dokumentation allein seiner Person: "Michael Moore hates America" hat sich zum Ziel gesetzt, Moore als ebenso elitäre Person zu entlarven wie die, die er zu kritisieren vorgibt.

Man ist aber nicht froh über die Entwicklung, die der populäre Dokumentarfilm eingeschlagen hat, weil bei den neueren Erscheinungen nicht das Protokollieren, also das eigentliche Dokumentieren im Vordergrund steht, sondern das mediale Bildgewitter, die Vermittlung sich schnell simplifizierender Zusammenhänge in möglichst komprimierter Form, weiterhin die Unterhaltung und nicht die Information. Das aber hebt den Dokumentarfilm vom szenischen Film ab. Wehe, eine Variable des Mediums Film steht einen Augenblick still, es könnte ja langweilig werden.

Errol Morris ("The Thin Blue Line", "Mr. Death") ist nun zweifellos zu routiniert und zu erfahren, um sich die einfachsten Vorwürfe gefallen lassen zu müssen und dennoch ist auch sein Hang zu kolorierenden Mätzchen und flotten Montagen reichlich fragwürdig, zugleich seinem großen Ziel der Wahrheitsfindung wenig zuträglich. Allerlei Aufwand betreibt er bei der Lenkung der Zuschauerkonzentration auf historische Aspekte, auf moralische Fragen, auf Robert McNamara in seiner Rolle als Verteidigungsminister. Atemlos springt das Archivmaterial vom ersten Weltkrieg zum Automobilhersteller Ford zur Kubakrise zur Eskalation in Vietnam, immer ein Ziel im Blick, das unfreiwillige Assoziationen zur Wahrheitssuche Bernd Eichingers beim "Untergang" weckt: den Menschen McNamara darstellen, darf man das?

Immerhin war es so, dass McNamara für die 68er Generation zur Ikone des Kriegstreibers wurde, zum Verantwortlichen für Brandbomben in Japan, für die Beinahe-Katastrophe in Kuba und für die sture und arrogante Haltung der Amerikaner während des Vietnamkrieges. Das geht an niemandem spürlos vorüber und auch dem berechnenden McNamara wird noch mulmig bei der Erinnerung, dass bei einer Großdemonstration vor dem Pentagon ein symbolisches Ebenbild seiner selbst direkt vor seinem Bürofenster verbrannt wurde. Für Regisseur Morris ist das Interview nicht weniger persönlich, zählt er sich doch unverblümt zu eben jenen Demonstranten, die in Morris damals die Wurzel allen Übels gesehen haben. Umso überraschter sei er gewesen, in McNamara nicht den eiskalten Zahlenjongleur, sondern eine durchaus zwiespältige Persönlichkeit entdeckt zu haben.

Das ist soweit schön und gut und man muss Morris zu gute halten, dass er es letztlich dem Zuschauer überlässt, in McNamara den Mann zu sehen, der mit Managermethoden die Opfer des Krieges durchkalkulierte oder den Mann, der für die Einführung von Sicherheitsgurten in amerikanischen Pkw's plädierte. Problematisch wird aber, dass sich Morris nicht so recht für ein Konzept für seinen Film entscheiden kann: einerseits lässt er McNamara reden und reden, provoziert ihn nicht mit allzu plakativen Fragen und gibt ihm somit Raum zur Selbstdarstellung (eine Methode, die eine Beurteilung McNamaras gänzlich dem Zuschauer überlassen hätte). Andererseits setzt Morris derart viele filmische Mittel ein, lenkt den Zuschauer so stark, dass eine unvoreingenommene Beurteilung kaum noch möglich scheint: jede Äußerung McNamaras wird visuell zerstückelt, unzählige Jump-Cuts entfernen Denkpausen, in denen man vielleicht den Menschen McNamara hätte ertasten können, zahlreiche Perspektivenwechsel wahren die Distanz von Zuschauer und Protagonist. Und das sind nur die Parameter, die Morris in den Interviewpassagen manipuliert. Hinzukommen animierte Zahlenkolonnen, Nahaufnahmen von Bandgeräten in Werbeästhetik, platte Bebilderungen von Eierkartons und menschlichen Schädeln, die auf dem Boden zerspringen, sowie umstürzende Domino-Steine, die auf doch reichlich plumpe Weise die Verkettung der Ereignisse sowie die alte Angst vor der Ausbreitung des Kommunismus erfassen (Domino-Theorie).

McNamara überlebt dieses Gewitter relativ unbeschadet: die Eingeständnisse, die er während des Interviews macht, waren mehr oder weniger eh schon bekannt. Etwa, dass es pures Glück war, das Amerika während der Kuba-Krise vor der nuklearen Apokalypse gerettet hat. Oder dass der berüchtigte Angriff der Nordvietnamesen auf den US-Zerstörer Maddox nie stattgefunden hat. Hier gelingt Morris also keineswegs, McNamara zu einer Ehrlichkeit zu bewegen, die er bislang immer im Verborgenen hielt und vor der andere Interviewpartner regelmäßig kapitulieren mussten. Phasenweise ist sogar das Gegenteil der Fall: mit großer Routine lässt McNamara entscheidende Fragen nach der persönlichen Verantwortung von sich abprallen und sagt, eigentlich habe der Präsident die volle Entscheidungsgewalt, er versuche nur, diesem zu dienen. Hinzu kommt, dass noch nicht mal die restlichen Aussagen McNamaras unbeschwert zu geniessen sind.

Aber natürlich ist es leicht, Morris mangelnde Hartnäckigkeit beim Interview sowie seinem Film geringen Erkenntnisreichtum vorzuwerfen, wenn diese Variablen doch nicht zur Gänze von Morris selbst gesteuert werden können. Immerhin kann er dem Zuschauer ja nur das präsentieren, was McNamara nun eben preis gegeben hat. Implizit stellt sich dadurch die Frage, inwieweit man an "Fog of War" das Verhalten McNamaras beurteilt und inwieweit die Leistung des Regisseurs. Hier ist eine klare Trennung womöglich nicht zu vollziehen, aber Paradebeispiele wie "Im toten Winkel" zeigen, dass es durchaus möglich ist, kluge Doku-Interviews mit Zeitzeugen zu führen und das große Ziel der Wahrheitsfindung nicht aus dem Auge zu lassen.

Natürlich hat man schon weit schlechtere, uninteressantere und weniger engagierte Dokumentarfilme wie "Fog of War" gesehen, denn trotz aller Fehltritte bleibt der Film ein diskussionswürdiges Stück Kino, das - sollte man sich nicht von ihm einlullen lassen - durchaus erhellende und faszinierende Einsichten bietet. Darüber hinaus muss man sogar ein Stück Verständnis für McNamara aufbringen, wenn er den wichtigen Fragen ausweicht und auch seinen familiären Hintergrund komplett ausblendet. Sein Argument, der (Vietnam-) Krieg beinhalte zu viele Variablen, um klare Antworten auf weitere Fragen zu geben, ist immerhin nicht ganz von der Hand zu weisen. Zumindest Morris aber muss sich die Frage gefallen lassen, ob die Tatsache, dass er McNamara eine Plattform zur Selbstdarstellung gegeben, diese aber für den Zuschauer dann nicht frei zugänglich gemacht hat, seinem Thema wirklich dienlich war. McNamara näher gekommen ist man jedenfalls nicht.

Zweifelhafter Dokumentarfilm, dessen Suche nach Wahrheit unter übermäßigem Beiwerk verschüttet wird


Thomas Schlömer