Kühe sind los, Die
(Home on the Range)

USA, 77min
R:Will Finn, John Sanford
B:Will Finn, John Sanford
L:IMDb
„Was ist das hier? Die Tiefkühlabteilung?”
Inhalt
Das Leben ist locker auf der Farm "Patch of Heaven", irgendwo im Wilden Westen. Die Tiere der herzensguten Farmerin Pearl fristen ein fröhliches, gemütliches Dasein - nur der streitsüchtige Ziegenbock Jeb stört manchmal den Frieden auf dem Hof. Doch dann spricht die vornehme Kuh Mrs. Caloway, inofiziell der Boss im Stall, ein Machtwort, und schon ist wieder Ruhe. Eines Tages jedoch wird diese Ruhe durch zwei Ereignisse empfindlich gestört: Zum Ersten zieht Maggie auf "Patch of Heaven" ein - eine mehrfach ausgezeichnete freche Show-Kuh, die den großen Auftritt liebt und gleich bei ihrer Kuh-Kollegin, der naiven Grace, und ein paar frechen Ferkeln mächtig Eindruck schindet. Zum Zweiten kommt Sheriff Brown mit einer Hiobsbotschaft auf die Farm: Wenn Pearl nicht innerhalb von drei Tagen ihre Schulden von 750 Dollar bei der Bank bezahlt, wird "Patch of Heaven" zwangsversteigert. Ausgerechnet die drei grundverschiedenen Kühe machen sich auf, ihr Zuhause zu retten: Zusammen mit Buck, dem etwas tollpatschigen Pferd des Sheriffs, das gern mal ein echter kerniger Westernheld wäre, wollen sie den berüchtigten Viehdieb Alameda Slim schnappen - auf dessen Kopf ist nämlich eine Belohnung von 750 Dollar ausgesetzt.
Kurzkommentar
Früher, da war alles besser, das gilt vor allem für die Disney-Studios. Nach "Bärenbrüder" steckt auch "Die Kühe sind los" irgendwo zwischen Tradition und Moderne fest und vermag nicht mehr zu bieten als solide Unterhaltung. Technisch einwandfrei gelingt den Regisseuren John Sanford und Will Finn ("Der Weg nach El Dorado") nur in wenigen Momenten ein Ausbruch aus den alten Formeln.
Kritik
Das deutlichste Zeichen, dass es mit den traditionellen Disney-Filmen wohl endgültig vorbei ist, dürfte gewesen sein, dass zum Starttermin der letzten, handgezeichneten Produktion "Die Kühe sind los" eigentlich niemand mehr über die Qualität des Streifens, sondern nur noch über den aktuellen Konflikt 2D/3D, die immensen Kosten von angeblich 110 Mio.$ und die Zukunft des Studios sprach. Noch vor zehn Jahren fuhr der Mickey Maus-Konzern mit "Der König der Löwen" den größten Erfolg ihrer Geschichte ein - der bis dato sogar größte Trickfilmerfolg überhaupt - um dann nun, vor wenigen Monaten, die Schließung ihrer Trickabteilung in Florida bekannt geben zu müssen. Viele Gründe wurden herangeführt, warum es mit dem Studio seit "Pocahontas" stetig bergab ging, angefangen von der fehlenden Modernisierung ihrer Geschichten und Charaktere über die streng-hierarchische Arbeitsteilung ihres Personals bis hin zum großen Bösen, Disney-Chef Michael Eisner, dem wenig Feingefühl für Kino und Film sowie zunehmendes Miss-Management nachgesagt werden. Zuletzt scheiterten die Verhandlungen zwischen ihm und Pixar-Chef Steve Jobs, die über den weiteren Vertrieb der Pixar-Filme mittels Disney hätten entscheiden sollen. Und sogar der letzte Walt Disney-Verwandte Roy Disney zog vor wenigen Jahren den Hut, um dann kürzlich gegen Eisner eine Hetzkampagne zu starten.

Wie schon "Bärenbrüder" war auch "Home on the Range" an den Kinokassen halbwegs gefloppt (50 Mio.$ Einspiel), auch wenn er keineswegs zu einer Nullnummer oder gar einem ernsten Finanzproblem für Disney werden wird; dazu sind VHS/DVD-Verkäufe und internationale Ergebnisse zu stark. Dennoch beobachtet man die Talfahrt der klassischen Disney-Filme mit einem weinenden Auge, da ja trotz beißender Formelhaftigkeit ihrer Geschichten, schmalziger Songs und mangelnder, künstlerischer Experimentierfreude hinter dem Label "A Walt Disney Picture" immer noch eine gewaltige Historie steckt, und zwar eine, die beinahe bis zu den Anfängen des (Trick-)Films zurückreicht und sich langsam dem hundertjährigen Bestehen nähert.

Ironischerweise erinnert dann auch eine Sequenz in "Die Kühe sind los" an die "guten, alten Zeiten" und ist - vielleicht sogar beabsichtigt - als nostalgisches Selbstzitat zu verstehen: der Bösewicht Alameda Slim vermag mittels eines Songs sämtliche Kühe zu hypnotisieren und seinem Willen zu unterwerfen. Wie ein totalitärer Herrscher dirigiert er die Herde bis die Szene immer psychedelischer und abstrakter wird und die Szenerie in pinkem Popart vor tiefem Schwarz seinen Höhepunkt findet - ein deutliches Verneigen vor der traumwandlerischen Seifenblasen-Szene aus "Dumbo".

Das ist aber auch die einzige Szene, die von "Die Kühe sind los" in Erinnerung bleiben dürfte, denn der Rest ist leider nur konventionelles, wenn auch sehr solides Entertainment. Man begegnet dem üblichem Kampf der Davids gegen Goliath, dem Plädoyer für Zusammenhalt und Teamgeist, dem Überwinden von Vorurteilen und den Stichwort-gebenden Sidekicks. Was "Die Kühe sind los" in seiner Machart maximal noch hervorhebt, ist der sehr cartoon'ige Look sowie die rasante Machart, die teilweise sogar Chuck Jones-Qualität erreicht - mit dem Vorteil, dass die Animationen nicht, wie Roger Ebert so schön schreibt, eher wie "1.5-D" wirken. Denn dieses Handwerk beherrschen die Studios immer noch nahezu perfekt: auch die Animationen in "Die Kühe sind los" sind auf gewohnt hohem Niveau, das allein beweisen schon die Martial-Arts Einlagen des heroischen Pferds Buck. So sind die "Kühe" insgesamt sicher noch einen Blick wert, begeistern können sie jedoch nicht.

Unterhaltsamer Disney-Spaß auf gewohnt-konventionellem Niveau


Thomas Schlömer