Spider-Man 2

USA, 120min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Sam Raimi
B:Alvin Sargent
D:Tobey Maguire,
Kirsten Dunst,
Alfred Molina,
James Francko,
Elizabeth Banks
L:IMDb
„Go get'em Tiger”
Inhalt
Zwei Jahre ist es her, dass Peter Parker (Tobey Maguire) auf eine gemeinsame Zukunft mit seiner geliebten Mary Jane Watson (Kirsten Dunst) verzichtete, um seiner Bestimmung zu folgen: als Spider-Man für das Gute zu kämpfen. Mittlerweile hat der College-Student alle Hände von zu tun, um sein Privatleben mit seiner geheimen Identität als Superheld in Einklang zu bringen. Keine leichte Aufgabe: Peters Tante May (Rosemary Harris) braucht ihren Neffen, seine Freundschaft zu Harry Osborn (James Franco) steht unter einem schlechten Stern, denn Harry macht Spider-Man für den Tod seines Vaters verantwortlich und hat blutige Rache geschworen. Doch damit nicht genug: ein Experiment des brillanten Fusions-Forschers Dr. Otto Octavius (Alfred Molina) schlägt auf fatale Weise fehl – und Doctor Octopus wird geboren. Aus dem Wissenschaftler ist ein Wahnsinniger geworden: Als „Doc Ock“ verfolgt der gefährliche Superschurke, ausgestattet mit vier mächtigen, metallenen Tentakeln, einen diabolischen Plan.
Kurzkommentar
Sam Raimi spinnt noch ein paar Fäden mehr und macht „Spider-Man 2“ noch wuchtiger, noch gewitzter, aber auch noch gehaltvoller als seinen Vorgänger. Trotzdem sich natürlich auch er nur innerhalb der Grenzen der massenkompatiblen Unterhaltung bewegt, erstaunen die Ernsthaftigkeit und Themenvielfalt, die er zusammen mit Drehbuchautor Alvin Sargent in seinem Blockbuster unterzubringen vermag. Als reiner Unterhaltungsfilm funktioniert „Spider-Man 2“ jedenfalls sehr gut, als ambitionierte Comic-Umsetzung ist sie bislang vielleicht sogar die beste.
Kritik
Es ist ein Trend auszumachen im neuen Blockbuster-Kino aus Hollywood: statt Attributen wie „kakuliert“, „manipulativ“ oder „inspirations- und seelenlos“ erhält ein neues Adjektiv Einzug in den alltäglichen Sprachgebrauch im Umgang mit dem Mainstream-Kino Amerikas: das Wort „ambitioniert“. Denn nach den „Haunted Mansions“, „Liga der außergewöhnlichen Gentlemen“ und „Van Helsings“ kristallisiert sich in letzter Zeit fast so etwas wie Einsicht heraus. Die Einsicht diverser Produzenten, dass wohl nur ein guter Film auch ein erfolgreicher sein kann. Und so wurden einige der letzten Mega-Investitionen Hollywoods doch eher unbescholtenen, dafür wohl umso kreativeren Regisseuren überlassen: dem Splatterfreund Peter Jackson wurde der „Herr der Ringe“ anvertraut, dem „üblichen Verdächtigen“ Bryan Singer die „X-Men“, dem Spezialisten für subversive Familiendramen Ang Lee der „Hulk“, dem Independent-Regisseur Alfonso Cúaron der dritte „Harry Potter“ und dem ebenso nicht gerade durch Massenkompatibilität auffallenden Sam Raimi Amerikas liebstes Comic-Kind „Spider-Man“. All diesen Filmen ist nun gemein, dass sie sowohl als überdurchschnittlich ehrgeizig als auch als überdurchschnittlich erfolgreich gelten können und beinahe die leise Hoffnung bestätigen, dass im amerikanischen Mainstream-Kino endlich wieder mehr zählt als das reine Kassenergebnis. Und immerhin stehen uns auch noch die Ergebnisse von so untypischen Engagements wie die Realisierung einer „Batman“-Neuauflage von „Memento“-Regisseur Christopher Nolan ins Haus.

Auch Hollywoods neuester Versuch, alle Kassenrekorde zu brechen, erweist sich als überaus ehrgeizig. Sam Raimis „Spider-Man 2“ ist – freilich innerhalb der Grenzen des gängigen Mainstream-Kinos – in seiner emotionalen Komplexität wohl die vorläufige Krönung der dramatisch interessierten Comic-Umsetzungen. So ziemlich jeder Figur wohnt hier etwas Zerissenes und Zweifelndes inne, so ziemlich jede Figurenkonstellation ist durchsetzt von Konflikt und Zwiespalt. Raimi und Drehbuchautor Alvin Sargent sehen in Mary Jane, Harry Osborn, Dr. Octavius und natürlich Peter Parker zuerst immer das Tragische, erst dann das Spektakuläre.

Besonders Spider-Mans neuer „Gegner“, der tentakelhafte „Doc Ock“, wird überdurchschnittlich detailreich skizziert: eigentlich ein idealistischer Wissenschaftler und liebevoller Ehemann (dem gar eine isolierte Szene mit seiner Frau gegönnt wird), wendet sich seine Erfindung gegen ihn und beraubt ihn seiner Vernunft. Das ist natürlich nur die alte Frankenstein und Dr. Jekyll und Mr. Hyde-Thematik, aber das und die Tatsache, dass er mit seinen acht Armen ja zunächst mal zum klassisch-klischierten „Comic-Villain“ wird, wird dadurch geschickt überdeckt, dass er Spider-Man nicht per se bekämpfen möchte. Viel mehr verfolgt er stur seine eigenen Interessen, wird vom altruistischen Weltverbesserer zum egoistischen Weltzerstörer und geht nur gegen Spider-Man vor, weil er dadurch an das von ihm begehrte radioaktive Material herankommt. Bezeichnenderweise besiegt ihn Spider-Man – und darin manifestiert sich der größte Unterschied zum ersten Teil – dann auch nicht mit technischem Firlefanz oder unmenschlicher Körperakrobatik, sondern mit einfacher Überzeugungskraft. Nämlich dem Appell an die eigene Vernunft.

Auch Mary Jane und Harry Osborn sind mehr als einfache Pappfiguren. Während Mary Jane auf schmerzhafte Weise feststellen muss, dass sich ihre Liebe vor ihr verschließt, entpuppt sich ausgerechnet Spider-Mans engster Freund als sein größter Gegner. Wie derweil George Lucas' Anakin Skywalker steht Harry Osborn vor der Schwelle zum Bösen und kann seinen Hass kaum noch im Zaum halten. Nach dem Tod seines Vaters sind Peter Parker und Mary Jane alles, was ihm an Familie geblieben ist; zuhause warten nur der Butler und eine Firma, von dessen Arbeit er keine Ahnung hat. Seinen Vater hat Peter Parker aber trotzdem auf dem Gewissen.

Steckt darin nun noch nicht genug an shakespeare'scher Tragödie, so bleibt ja immer noch Peter Parker selbst. Geplagt von seiner Doppelidentität und der moralischen Verpflichtung, das Wohl der Menschheit vor sein eigenes zu stellen, kreist der Film immer wieder um das Thema Identität und die Position innerhalb der Gesellschaft: Parkers größtes Problem ist, dass er nicht weiß, wer er ist bzw. sein soll; dass er das Gefühl hat, nicht losgelöst von seiner Superheldenstatus eine Bedeutung zu haben. Zieht er das blau-rote Spinnenkostüm an ist er der Held der Massen und die Ikone der Gesellschaft, der Feind aller Verbrecher und der Schwarm von Mary Jane. Schlurft er hingegen als Peter Parker durch die Straßen, ist er der College-Streber und Stubenhocker.
Genau daran koppeln Raimi und Sargent aber letztlich seine Superkräfte: zum Supermann wird man nur mit Super-Selbstbewusstsein. Vielleicht eine allzu amerikanische Botschaft, aber letztlich doch eine wichtige, weil sie auch das Zurückstellen der eigenen Träume und Vorstellungen impliziert: Peters größte Leistung ist die, dass er seine eigenen Bedürfnisse hinter die der anderen stellt, dabei aber zu dieser Entscheidung steht. Nicht ohne Grund ist Mary Janes Theaterstück Oscar Wildes „The Importance of Being Earnest“, eine Arbeit, die die Denk- und Verhaltensmuster der Gesellschaft seziert und den äußeren Schein ironisch aufbrechen möchte.

Das klingt nun alles schrecklich überladen, fast so, als habe Raimi 150 Mio.$ für ein theaterhaftes Lehrstück ausgegeben. Aller Ernsthaftigkeit zum trotz zeichnet „Spider-Man 2“ aber doch auch immer noch die Leichtigkeit eines Hollywood-Blockbusters aus und lässt die sporadisch notwendige Ironie durchblitzen: Spider-Man liefert Pizza, Spider-Man wird von untalentierten Straßenmusikern besungen, Spider-Man verliert seine Superkräfte und muss Aufzug fahren. Neben den erstaunlich raren, aber umso wuchtigeren Action-Sequenzen sorgen solche Momente für das konstante Maß an Unterhaltung, obwohl Raimi und Drehbuchautor Sargent offensichtlich mehr vermitteln wollten als die Tatsache, dass hier ein genmanipulierter All-American-Boy ganze Straßenbahnen zum Stillstand bringen kann. Symptomatisch dafür dann auch das Schlussbild des Films: nach dem obligatorischen Schwingen durch die Schluchten New Yorks folgt – leise, aber sehr pointiert – noch eine letzte Einstellung von Mary Jane: trotzdem sie endlich das erreicht hat, was sie erreichen wollte, schaut sie ganz und gar nicht glücklich drein, blickt viel mehr mit großer Sorge in die Zukunft.

Engagierte Comic-Umsetzung nahe der Blockbuster-Perfektion


Thomas Schlömer