Sie haben Knut

Deutschland, 107min
R:Stefan Krohmer
B:Daniel Nocke
D:Valerie Koch,
Hans-Jochen Wagner,
Alexandra Neldel,
Daniel Nocke
L:IMDb
Inhalt
Eigentlich wollte Ingo mit Lydia einen ruhigen Urlaub verbringen, und die geruhsame Zeit zu einer Neuordnung der Beziehung nutzen. Doch dann trifft eine ganze Gruppe entfernter Bekannter ein, um die Hütte für ihren Skiurlaub zu nutzen. Dann kommt die Schreckensbotschaft: ein Freund wurde während einer Demonstration festgenommen und sitzt nun im Gefängnis. Wie soll nun verfahren werden? Urlaub oder Abbruch, Spaß oder Politik? Und Ingo steht noch immer vor seinem Beziehungsproblem...
Kurzkommentar
Unnötig, erkenntnislos, nervtötend, unterhaltungsfrei - das sind die treffendsten Attribute für diesen Film. Die Frage, warum er gedreht wurde, wird nur noch durch die Frage, warum er finanziert wurde, überboten.
Kritik
Wie produziert man einen schlechten Film? Am besten man verzichtet auf Inhalt, Handlung, Aussage und Schauwert. Die blamable technische Qualität kaschiert man geschickt indem man den Film als Pseudo-Dogma-Version dreht. Katastrophale Beleuchtung, indiskutabler Ton und ein jämmerlicher Schnitt gilt dann als schick, en vogue, nicht Mainstream sondern Kunst. Diese ganzen Hollywood-Verdorbenen Kinogänger die nach 10 Minuten die Vorführung verlassen brauchen wir eh nicht, wir sind intellektuell, jawoll.

Weiterhin nehme man möglichst ein Thema, das keinen interessiert, weil es eigentlich schon endlos durchgenudelt ist. Um aber dennoch den Anschein einer inhaltlichen Auseinandersetzung zu erwecken, bürstet man den Versuch der Botschaft auf radikal gegen den Trend: Die 70er waren eben keine Zeit von Peace, Love und Happieness, wie sich dann im Erwachen in den 80ern zeigt. Beziehungsunfähig, asozial, undurchdacht, inkonsequent, so zeichnet Autor Wolfgang Nocke die Überlenden der Hippie-Generation. Das ist neu, das ist anti-konsum, das ist ja so aufregend! Welch radikale Neuinterpretation!

Oder auch nicht. Die sozialen Leistungen und Fehlleistungen der 70er und 80er Jahre sind auf allen Ebenen des gesellschaftlichen Diskurses hinreichend analysiert, ja seziert. Die filmische Aufarbeitung mag dabei vielleicht tatsächlich hintan stehen - doch der Beitrag des Duos Krohmer/Nocke ist wahrlich keine Erleuchtung.

Die Figuren, die sich in der verschneiten Schneehütte tagelang auf die Nerven gehen, sind klischeehaft, eindimensional. Das mag vielleicht noch nicht mal so unrealistisch sein, filmisch-dramatisches Potential birgt die Konstellation aber kaum: Von den beiden Pointen des Filmes ist die erste absehbar, die zweite unglaubwürdig. Mit dem ersten vermeintlichen Höhepunkt hat auch die Alibi-Story ein Ende - nur läuft der Film ab diesem zeitpunkt leider noch eine Stunde. Die ist schließlich angefüllt mit verdrießlichen Gestalten, die sich mißmutig ihrer eigenen sozialen Desintegration hingeben - sonderlichen Spass macht das Zusehen nicht gerade. Das fiel wohl auch den Filmemachern auf, weshalb sie auf brutalste Mittel zurückgreifen, um den Zuschauer wachzuhalten: Direkte Schnitte von Nachtszenen (die dank Dogma komplett schwarz ausfallen) auf die schneeweiße Landschaft reissen den Zuschauer aus seiner resignierenden Lethargie. Einmal wäre das ja ganz nett, die Häufung zeigt aber die dramaturgische wie auch die formale Hilflosigkeit von Regisseur und Autor.

Das Paradoxe: In seiner griesgrämig-besserwisserischen Gelehrsamkeit vollzieht "Sie haben Knut" genau jene argumentativen Strategien, die anhand der Figur des überpolitisierten Wolfgang im Film selbst demontiert wird.
Der sorgt mit seiner kollektiven, zwangspolitischen Betroffenheit nämlich regelmäßig gezielt für schlechte Stimmung in der Skihütte - genau das gleiche Muster, dem sich der Film hingibt.

Bleibt nur eine interpreatorische Rettung des Ganzen: Der Film als Meta-Kommentar zu sich selbst, als geniale Parabel auf Miesmach-Deutschland. Diese gedankliche Leistung wäre schon wieder so beeindruckend, dass der Film geradezu lohnenswert wäre. Nur leider ist das den Machern kaum zuzutrauen. Wer sich zwei Stunden Mißmut und Langeweile ohne nennenswerten Erkenntnisgewinn ersparen will, verzichte daher lieber auf diesen Film.


Der neue deutsche Gurken-Standard des Jahrzehnts.


Wolfgang Huang