Troja
(Troy)

USA, 162min
R:Wolfgang Petersen
B:David Benioff
D:Brad Pitt,
Eric Bana,
Orlando Bloom,
Brian Cox
L:IMDb
„War is young men dying, old men talking”
Inhalt
Im alten Griechenland provoziert die Leidenschaft eines der legendärsten Liebespaare aller Zeiten jenen Krieg, der eine ganze Zivilisation in den Untergang stürzen wird: Paris, der Prinz von Troja (Orlando Bloom), raubt Helena (Diane Kruger), die Frau des Königs Menelaos von Sparta (Brian Gleeson) – eine Beleidigung, die der König nicht hinnehmen kann. Die Sippenehre gebietet: Wenn Menelaos provoziert wird, trifft die Provokation auch seinen Bruder Agamemnon (Brian Cox), den mächtigen König von Mykene, der alsbald die starken Stämme Griechenlands zusammenruft, um Helena seinerseits den Trojanern zu rauben und so die Ehre seines Bruders wiederherzustellen. Doch in Wahrheit schiebt Agamemnon die Familienehre nur vor – tatsächlich ist seine immense Habgier das Hauptmotiv: Er muss Troja unterwerfen, um die Ägäis unter seine Kontrolle zu bekommen und so die Vorherrschaft seines bereits riesigen Reiches zu sichern.
Kurzkommentar
Ridley Scotts „Gladiator“ legte ästhetisch vor und wer nachzieht, muss drauflegen. Wolfgang Petersen läutet mit „Troja“ die Saison der Männer- und Sandelenepen ein („Alexander“ wird folgen). Kaum jemand wird Petersens mit aller Macht aufgeblähtes Spektakel nach den Trailern überschätzt haben. „Troja“ hat die notwendigen Blockbuster-Qualitäten, aber eben auch nicht mehr. Die erste Großdichtung abendländischer Literatur dient vor allem dazu, einen überlangen Gottesdienst für Brad Pitt zu inszenieren. Schlachten und Kriegsgebrüll gibt es satt, hölzerne Dialoge unbeschäftigter Stars vor phantastisch-kitschiger Kulisse nicht minder. „Troja“ ist funktionstüchtiges, aber beliebiges Heldenkino ohne jede charakteristische Handschrift des Regisseurs. Die Tage, in denen Petersen noch eindringliche Filme drehte („Das Boot“), sind endgültig gezählt.
Kritik
Mit Troja und der Geschichte verhält es sich in etwa so wie mit dem Film, der modernen Mythenmaschine, und der Wirklichkeit, die diese Maschine übersteigen oder abbilden will: Die Grenzen scheinen seit langem klar, aber die Faszination, sie durchlässig zu machen, ist ungebrochen. Und weil Wolfgang Petersen nur einen Film über den „größten Mythos der abendländischen Literatur“ drehte, hat er Freiheiten und darf den einen Krieg anderen überlassen. Aber außerhalb der Zunft dürfte der kaum jemanden jucken. Seit langem behaken sich zwei Gruppen von Altphilologen und Althistorikern: Auf der einen Seite jene, die in der heutigen Türkei nach dem handfesten geschichtlichen Beweis für den Trojanischen Krieg buddeln, auf der anderen Seite die starken Skeptiker; für sie fand die Mutter aller abendländischen Kriege niemals statt.

Beste Voraussetzungen für einen Film also, der natürlich die Dichtung ganz Wahrheit sein lässt und dabei nicht nur bei der „Werktreue“ rein gar kein Problem hat: „das“ Homersche Original hat es sowieso nicht gegeben (lange wurde auch die Geschichtlichkeit des Dichters selbst in Frage gestellt), denn schon die „Ilias“ verarbeitete, heißt es, bereits vorige Epen und mythisch tradierte Bestände. Und so ging es weiter. Dass in der „Ilias“ zudem gar nicht vom Fall der Stadt Troja berichtet ist, ist auch unwichtig. Denn zwei Dinge lassen alle Troja-Debatten, die wieder aktuell die Feuilletons bevölkern dürften, zur akademischen Dehnübung werden, die Petersens Film eigentlich gar nicht motivieren will. In einem Satz: Er ist bloß die Idee Hollywoods von Troja, ein Blockbuster, mehr nicht, und kaum der Versuch, klassisch verstaubte Hochkultur, 16000 schwer zugängliche Verse ins triviale Massenkino hinüberzuretten. Und zu behaupten, der Mythos Troja hätte heute jenseits fieser Viren noch irgendeine Relevanz für (massen)kulturelle Identität Europas, wäre eh verstiegen.

Genau definierte Vorstellungen und Sehgewohnheiten hat Petersen zu bedienen und sicher nicht einen kaum mehr greifbaren Mythos vom Ursprung, der im gesamten Wust der Troja-Tradition mitdämmert. Der Regisseur hat damit umsatzträchtigen Tendenzen gerecht zu werden und erst dann womöglich, wo es passt, auch einem wie immer gearteten „Geist“ der kaum beizukommenden Vorlage. Lange Zeit galt sie sowieso als unverfilmbar, bevölkert mit einer verwirrenden Zahl an Helden, tragischen Verstrickungen und göttlichen Interventionen. Jetzt aber war die Zeit aus mehreren, besonders kalkulierten Gründen reif. Sie zeigen auch, wie konstruiert und glatt „Troja“ funktioniert, nichts wirklich verkehrt, aber eben auch nichts wirklich richtig macht. Zu spät ist ja ohnehin eigentlich alles, wenn die Besetzung des Achilles, des größten Kriegers des trojanischen Mythos, ganz profan im Grunde nur ein Ziel verfolgt: Den seit zwei Jahren leinwandabstinenten Brad Pitt nicht schauspielerisch in Szene zu setzen, sondern Pitt, den Überbeau, als schönsten Mann Hollywoods zu vergöttlichen.

Insofern war ohnehin klar, dass der befürchtende wie viel zitierte Triumph der Form über den Inhalt (bedenklich vorexerziert in Petersens letzten Streifen „Der Sturm“) in diesem Fall deutlicher als je zuvor auch der Triumph des männlichen Körpers, ja des Mannes als Herr der Schöpfung an sich, auch und gerade in der Geschichte. Den Körperkult nach klassischem Ideal feiert „Troja“ in epischer Breite, mehr gelingt nicht, mehr brauch nicht. Petersen lebt Hollywood und schreibt, wo Pitt mit seinen Schauwerten als Gesamtkunstwerk durchgeht, eine Tendenz konsequent fort, die gerade eine bemerkenswerte Renaissance feiert: Das Männer-Epos oder „male epic“. Ein längst begraben geglaubtes Rollenverständnis und noch mehr wird hier wieder salonfähig. Der Kriegsfilm ist der klassische Behauptungsraum des Mannes, der ganz klar Geschichte macht. Die Frau ist bloßes Objekt. Aber noch mehr: Durch die bestimmte Körperlichkeit des Sandalenkinos dürften Mann und Frau vereint in Petersens Streifen ziehen, wenn auch aufgrund unterschiedlicher Attraktivitätswerte.

Ohne Ridley Scotts „Gladiator“ hätten kurze Röcke und schweißglänzende Muskeln nie diese Rückkehr gefeiert. Das zweite große Vorbild sind – man ahnte es – die kolossalen Massenschlachtszenen aus Jacksons „Herr der Ringe“, schon hier allerdings das einzig Epische des Films. Die eklektische Gestaltung von „Troja“ verrät sich hier völlig, was sich von Beginn an vor allem in der Musikuntermalung niederschlägt: James Horners Score verliert sich, sobald Achilles herumturnt, gerne im schal heroischem Gebläse, das nicht selten ins unfreiwillig Komische kippt. Die Schlachtpausen aber sind mit ätherischem Frauensingsang schon dreist von Hans Zimmers „Gladiator“-Score abgekupfert. In Synthese mit Scotts großartiger Bildsprache entstand seinerzeit daraus eine wirksame Weihe jedes Bildes. Auch in „Troja“ mindert die sakrale Unbedingtheit den Genuss letztlich nicht, aber Petersen ist nicht Scott und so hinkt die visuelle Kraft hinterher. Und noch etwas Wesentliches fehlt Petersens Fast Food-Epik: Ein Schauspieler wie Russell Crowe, der seine Figur in „Gladiator“ mit Leben füllte, sie glaubwürdig machte.

Denn „Troja“ reduziert den ausufernden Charakterzirkus der Vorlage zwar auf ein doch sinnvolles und wesentliches Mindestmaß und zentriert den Konflikt zwischen Hector und Achilles. Aber bei Petersen ist der versammelte Heldentrupp noch deutlicher als in Jacksons „Herr der Ringe“ bloßer Erfüllungsgehilfe der Technik, die statt Geschichte nur noch Schlachten generiert. Die Gebrochenheit und Zwiespältigkeit eines Achilles zwischen menschlicher Selbstbestimmung und göttlicher Fügung wird allenfalls angedeutet, aber Leben erfüllt den Streifen allenfalls in zwei Momenten: Als Achilles über das Beneidenswerte der Endlichkeit des menschlichen Lebens sinniert und schließlich die Versöhnung zwischen Achilles und Priamos. Der Rest ist im Vergleich zum „Geist“ der Dichtung vor allem eines, nämlich die totale Streichung des antiken Götterhimmels, der „Troja“ zum beliebigen Krieg im Nirgendwo und – gewollt oder ungewollt – im Jetzt macht. Dass der durchgeknallte Agamemnon mit seinem privaten Eroberungskrieg an Bush erinnert, werden nicht wenige behaupten. Andererseits forciert der Götterverzicht die Aushöhlung des Streifens.

Wer dann im platten Chaos von Tragik, Niedertracht, Ehre und Ruhm nun wirklich tugendhaft ist, interessiert fast ebenso wenig wer fällt. Nur beim stolzen Hector, den der zornige Modell-Achilles nach einem wirklich sensationellen Schwertkampf ins Jenseits befördert, ist es anders. Aber auch hier gilt: Jenseits körperlicher Leistungen wird Eric Bana nichts abverlangt, alle Figuren wirken samt markig-dummer Sprüche ecken- und kantenlos in die computerdominierte Szenerie gestellt. So läuft der Rest der Schlacht vor den Toren Trojas unmotiviert vor sich hin und auch die Massenszenen mit den obligatorischen Kameraflügen sind technisch perfekt und damit ebenso beliebig, ja ermüdend. Der „Herr der Ringe 3“ bleibt hier weiterhin unerreicht, „Troja“ fällt hier auch ab, eben weil er bedingungslos „säkularisiert“ ist: Petersen kann „nur“ Menschen in den Krieg schicken. Unter den vielen namhaften Darstellern ist es dann ironischerweise Sean Benn als Odysseus, der am überzeugendsten wirkt – vielleicht hätte Petersen lieber die „Odyssee“ mit ihm verfilmen sollen.

So ist „Troja“ notwendig kolossal, aber nicht nur die Stadt – eine etwas klapprig bis lächerliche Zusammensetzung aus Stilelementen verschiedener Epochen - wirkt trotz oder wegen aller Pixel nicht bevölkert. Mit dem Script von David Benioff („25th Hour“) gelingt weder dramatisch noch episch überzeugendes Großkino. Zu sagen hat man sich wenig, die Frauen weinen also, die Männer schlachten, pausieren, sterben – natürlich für Liebe oder den ewigen Ruhm. Achilles liegt dazwischen, referiert aber zum Ende mit der gebührenden und programmgemäßen Theatralik, in welcher großen Zeit er gelebt habe. Die schien aber nur von dem gradlinigen „Muss“, von dem Zusteuern auf das Ende Trojas bestimmt, dekoriert mit gewohnt kitschigen Einzeilern („You give me peace in a lifetime of war“) und prallen Kostümen. Als Achilles fällt, schlägt sich die „Entzauberung“ Petersens durch den Verzicht auf die Götterdimension auch filmlogisch nieder – als Paris, der hier munter entkommt, den vorher schier unüberwindlichen Achilles mit bloß stinknormalen Pfeilen zur Strecke bringt. Wer Seele will, darf sich an das dreitausendjährige Original wagen. Denn mehr als Brad Pitt bleibt dank „Troja“ nicht hängen, der Film wirbelt keinen Staub auf. Petersen liefert beliebiges Event-Kino mit großen, aber tiefenlosen Bildern.

Glattes, kurzlebiges Heldenspektakel mit wenigen Höhepunkten


Flemming Schock