Auberge espagnole, L' - Barcelona für ein Jahr
(Auberge espagnole, L')

Frankreich / Spanien, 122min
R:Cédric Klapisch
B:Cédric Klapisch
D:Romain Duris,
Judith Godrèche,
Audrey Tautou,
Cécile De France,
Kelly Reilly
L:IMDb
„Ich bin wie Europa. Ein totales Chaos.”
Inhalt
Xavier (Romain Duris), 25-jähriger Wirtschafts-Student aus Paris, landet nach tränenreichem Abschied von Dauerfreundin Martine (Audrey Tautou) in der sommerlichen Metropole Barcelona, um hier dank europäischem Austausch-Programm Erasmus sein letztes Studienjahr zu absolvieren – und Spanisch zu lernen. Was gar nicht so einfach ist, wo doch die Mitbewohner seiner neuen, buntgemischten, gesamteuropäischen WG aus Italien, England, Dänemark, Belgien, Deutschland und Andalusien kommen. Sie alle verfolgen das gleiche Ziel: feiern, leben, lieben - ach ja, und studieren.
Kurzkommentar
Der Franzose Cédric Klapisch vereint europäische Stereotype in einer internationalen WG und formt daraus eine sympathische, flotte Komödie. Das macht nicht zuletzt dank der sprachlichen Vielfalt durchaus Spaß, hätte aber das Potenzial zu wesentlich mehr gehabt. Denn während zum einen das Zusammenraufen verschiedener Gewohnheiten und Kulturen politisch gelesen werden kann, macht Protagonist Xavier eine der wichtigsten Lektionen des Lebens durch: die Suche nach der eigenen Identität. Und diese Auseinandersetzung setzt Klapisch etwas zu zaghaft um.
Kritik
Die Loslösung von der elterlichen Obhut, von eigentlich grundsätzlich zu penibler Fürsorge, aber vor allem auch von familiären Strukturen und meist konservativen Wertvorstellungen war schon immer (Unter-)Aspekt des „typischen“ Jugendfilms. Hinzu kommen Themen wie Freundschaft, erste Liebe, erster Sex, aufbrechende Konflikte, bittere Enttäuschungen und schließlich die erste Erkenntnis, dass es im Leben bei weitem nicht so malerisch zugeht wie man das als Kind immer empfunden hat. Diesen Kanon decken dann auch die meisten „Coming of Age“-Filme ab, ob nun deutscher (von „Nach Fünf im Urwald“ bis „Nichts bereuen“), mexikanischer („Y tu mama tambien“), amerikanischer („Einsam, Zweisam, Dreisam“) oder sonst weder Herkunft. Was jedoch nach Beendigung der Pubertät, quasi nach der ersten „Lebensprobe“, mit den Protagonisten geschieht, das bleibt zumeist unabgedeckt. Und wenn es thematisiert wird, dann bereits mit großem Abstand zur reinen „Pubertätsphase“, nämlich dann, wenn die Protagonisten bereits 30 sind und erkennen, dass sie bislang keine Ordnung in ihr Leben gebracht haben (wie jüngst in „Liegen lernen“ oder etwaigen Nick Hornby-Verfilmungen).

Dass nun gerade die Phase nach dem Schulabschluss immense emotionale Schwankungen zur Folge haben kann, wird filmisch seltener verarbeitet, in Deutschland etwa zuletzt von Marco Petry mit „Die Klasse von `99“. Cédric Klapisch, französischer Regisseur und Autor von Publikumserfolgen wie „…und jeder sucht sein Kätzchen“, nimmt sich der Thematik nun im Rahmen von „L’auberge espagnole“ an und verbindet das sogleich mit einer Parabel über das sich Schritt für Schritt vereinende Europa. Als eigentlichen Kern stellt sich in „L’auberge espagnole“ dann auch die eigene Identitätssuche, die Suche nach emotionalem Halt, die Wahl des „richtigen“ Berufs; auf den Punkt gebracht, die Antwort auf die Frage „Welchen Platz soll ich in der Welt einnehmen?“, heraus. Dass da überhaupt Klärungsbedarf besteht, ahnt Xavier bei seiner Abreise nach Spanien noch nicht. Die ursprüngliche Intention ist das Erlernen bzw. die Perfektionierung der Sprache, um später als Wirtschaftsmanager mit entsprechenden Auslands- und Spracherfahrungen punkten und so den besseren Job einsacken zu können. Zweifel ob seiner Zukunftsplanung kommen ihm erst als sich die Beziehung zu seiner langjährigen Freundin Martine als weniger gefestigt herauszustellen scheint als in seiner Gedankenwelt bislang angenommen. Und natürlich in dem Moment, als er zum ersten Mal vor seiner zukünftigen WG sitzt und lakonisch anmerkt: „Ich wollte unbedingt in diese WG. Sie war so durcheinander und chaotisch, genau so sah es in mir auch aus“.

Klapisch erfasst die Gegenüberstellung der „beiden Welten“ dabei durch geschickte Konterkarierung: einmal die vor Lebensfreude (aber auch Chaos) übersprudelnde, internationale WG, einmal das vermeintlich gefestigte, „sichere“ Familienleben repräsentiert durch das konservative Ehepaar Anne-Sophie/Jean-Michel, bei denen der Neurologe den angesehenen Beruf ausübt und die Frau darum gebeten wird, Kaffee zu machen, die Koffer auszupacken und daheim zu bleiben. Sie bleibt nur ein Kleinkind, das beschäftigt werden muss solange der Mann nicht da ist und wird deshalb mit Xavier auf Erkundungstour durch Barcelona geschickt. Diese Touren haben dann wiederum zur Folge, dass Xavier sich mehr und mehr mit seiner Lebenssituation, mit seiner Beziehung zu Martine, mit der Wahl seines Berufs, mit seinem „wahren Ich“ beschäftigt: ist er der konservative Familienvater, der (zwingend) mit seiner ersten Liebe glücklich werden will oder doch noch nicht am Ende seiner Identitätssuche angekommen?

Es stellt sich letzteres heraus und das ist der Kern des Films; die Angst, die er dramaturgisch zu verarbeiten versucht. Als Xavier zu halluzinieren beginnt und urplötzlich Erasmus sieht soll das primär ein (gelungener) Gag sein, aber es ist doch viel mehr: die Vereinigung der Studenten Europas steht für das Konglomerat an Einflüssen und Kulturen, die Xavier in seinem Jahr in Spanien begegnen und ihn in seiner Gesamtheit definieren: „Ich bin wie Dänemark, wie Deutschland, wie England, wie Italien, wie Spanien, wie Europa: das total Chaos“. Bemerkenswert hier auch: die Tränen fließen nicht beim ersten Abschied von Martine, auch nicht beim endgültigen Abschied von seinen Freunden in Spanien; die Tränen fließen in dem Moment als er ziellos durch die Straßen Barcelonas läuft und er sich verzweifelt fragt: „Wer bin ich? Was will ich? Wo ist mein Platz in dieser Welt?“.

Das klingt alles ganz gut soweit und man möchte Klapisch durchaus zugestehen, dass er mit seinem Film mehr erreichen wollte als eine einfache, studentische Komödie, zumal Xaviers Suche nach Identität und Einordnung in dieser Welt stellvertretend für das aktuelle Europa gelesen werden kann. Damit schießt man jedoch deutlich über das Ziel hinaus, denn (leider) ist „L’auberge espagnole“ dann doch nur im Subtext eine ernsthafte Auseinandersetzung mit essentiellen Themen des Lebens – auch wenn die Absicht deutlich zu erkennen ist. Primär ist und bleibt der Film eine glasklare Komödie, inkl. allen denkbaren Klischees. Das beginnt bei den einzelnen WG-Mitgliedern, die mit größtmöglicher Stereotypie gezeichnet wurden (der Deutsche ist korrekt, der Italiener unordentlich, die Engländerin verklemmt, der Amerikaner primitiv) und endet bei der Charakterisierung des „üblichen“ Studentendaseins: saufen, kiffen, fremdgehen, sexuelle Abenteuer. Hinzu kommen abgedroschene Komödienelemente wie etwaige Schwulen- und Lesbenwitze sowie die Bewältigung von Sprachschwierigkeiten. Zum Glück wirken diese dann aber dank der allesamt sympathischen Darsteller und des erfrischend-munteren Sprachwechsels (jede Landessprache bekommt ihren „Gastauftritt“) noch unaufdringlich genug, um nicht enervierend zu werden. Und kompetent inszeniert sind sie schließlich auch, wie die Szene, in der sich alle WG-Mitglieder furchtbar ins Zeug legen, um Wendys „kleines“ Geheimnis zu bewahren, unter Beweis stellt.

Dem gelungen Unterhaltungsfaktor zum Trotz, „L’auberge espagnole“ hätte (gleichzeitig) mehr sein können als amüsantes Entertainment: die Loslösung von gesellschaftlichen Zwängen, den vermeintlichen Konventionen des (westlichen) Lebens, die Abnabelung von bis dato absolut betrachteten Werten, das alles hat Klapisch nur unterschwellig erfasst. Die Entwicklung, die Xavier im Laufe des Films durchmacht, ist schließlich nicht unbedeutend und belanglos: er lernt, dass nach dem Schulabschluss seine „Laufbahn“ bei weitem noch nicht bestimmt ist, dass sich eine Person nicht durch eine einzige Eigenschaft erfassen lässt, dass auch mal das Chaos die eigentliche Ordnung sein kann. So was kann eine tief greifende Erfahrung sein, aber Klapisch geht nur zaghaft darauf ein, obwohl er sich dann nicht scheut, am Ende ein optimistisches Fazit zu ziehen: Xavier steht am Flughafen, direkt auf der Start- und Landebahn. Er breitet die Arme aus und blickt grinsend in die Kamera. Die Welt steht ihm offen und die Richtung scheint noch nicht bestimmt.

Sympathische, amüsante Komödie, die ihr innewohnendes Potenzial leider nicht vertieft


Thomas Schlömer