Lilo & Stitch

USA, 85min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Dean Deblois, Chris Sanders
B:Chris Sanders
D:Shir Hommelsheim,
Bob van der Houven,
Vanessa Petruo,
Tilo Schmitz
L:IMDb
„Sicher, dass es ein Hund ist? - Hmm, vielleicht eher ein Koala... ein böser Koala.”
Inhalt
Er ist raffiniert, er ist gefährlich, er ist absolut schräg und er kommt aus einer anderen Galaxie: Stitch, Ergebnis eines illegalen Experiments - ein Außerirdischer im Hundepelz. Nach einer Odyssee im Weltraum landet er ausgerechnet auf der Trauminsel Hawaii und trifft dort auf Lilo. Lilo ist ein freches kleines Mädchen, das Surfen liebt und einfach anders ist als alle Kinder um sie herum. Ihre Leidenschaft: Elvis-Songs. Das etwas seltsame Aussehen und Benehmen von Stitch fasziniert Lilo so sehr, dass sie kurzerhand beschließt, ihn zu adoptieren. Eine Entscheidung, die ihr Leben auf den Kopf stellt, denn es dauert nicht lange und Stitch stürzt seine neue Umgebung ins absolute Chaos und zerstört hemmungslos, was ihm in die Hände kommt - bis er eines Tages die eine Sache entdeckt für die er nicht programmiert ist.
Kurzkommentar
So sehr "Ein Königreich für ein Lama" damals für eine angenehme Überraschung gesorgt hat, so konsequent haben die Disney-Studios ihr Konzept, tricktechnisch zu stagnieren und dafür inhaltlich eine Schippe draufzulegen, mit "Lilo & Stitch" weiter ausgebaut und verfeinert. Auch wenn der Film zum Ende hin etwas an Fahrt verliert, so ist er doch jedem Freund eines guten Cartoons zu empfehlen.
Kritik
Eines muss man den Walt Disney-Studios lassen: sie haben, vielleicht etwas spät, mittlerweile durchaus erkannt, dass die klassischen Trickabenteuer mit ihrem märchenhaften Heldentum und den obligatorischen Gesangseinlagen nicht mehr in die heutige Zeit passen. Seit "Tarzan" 1999 vollzieht sich innerhalb der Disney-Produktionen ein Wandel, der zuletzt mit "Atlantis" und "Ein Königreich für ein Lama" ihren vorläufigen Höhepunkt gefunden hat: tricktechnisch back to the roots, erzählerisch "erwachsener" und ideenreicher. Der Erfolg der animierten Filme aus dem Hause Pixar und PDI/Dreamworks weist da nicht nur aus Sicht der Einspielergebnisse in eine neue Richtung: es ist weniger die Faszination für computergenerierte 3D-Welten, die den Filmen derartige Summen beschert haben, sondern eher ihr Erzählwitz, ihre Gagdichte, ihr flotter, ungezwungener Charakter. Das macht sie vollkommen Familienkompatibel, denn so werden nicht nur Tochter und Sohn, sondern auch Mama und Papa bestens unterhalten.

"Lilo & Stitch" ist nun am ehesten mit Disney's letzter freudiger Überraschung "Ein Königreich für ein Lama" zu vergleichen, sowohl inhaltlich als auch künstlerisch. Und er macht fast genauso viel Spaß. Dabei scheint die Maxime der beiden Regiedebütanten Dean Deblois und Chris Sanders (der die Idee zu "Lilo & Stitch" schon seit seiner Jugend mit sich rumträgt) ganz einfach gewesen zu sein: verbinde möglichst originelle Charaktere mit möglichst ungewöhnlichem Plot ohne die Familienbotschaft zu vergessen. Und auch wenn letzteres den Film in der zweiten Hälfte leider zu sehr drosselt und weniger subtil rübergebracht wird als bei der Konkurrenz (vorbildlich: "Die Monster AG"), so ist "Lilo & Stitch" doch ein äußerst gelungenes, witziges Abenteuer.

Allein das titelgebende Paar ist dabei den Eintritt wert: ein außerirdisches Killerwesen, dass mal ziemlich hässlich, mal knuffig süß sein kann, und ein kleines, hawaiianisches Mädchen, das sich täglich mit Selbstmordgedanken konfrontiert sieht und ihrer alleinerziehenden, großen Schwester allerlei Probleme macht. Gelungen ist dabei vor allem der Einfall, die Story auf der Trauminsel Hawaii stattfinden zu lassen, denn abgesehen davon, dass die kleine Lilo mit ihrer leicht bräunlichen Haut, den pechschwarzen Haaren und ihrem goldigen Gesicht einfach irre knuddelig ist, kommt ihr Faible für Elvis Presley so irgendwie noch gewitzter rüber. Dessen Musik nutzen Dean Deblois und Chris Sanders, der die paar Worte von Stitch in der Originalversion sogar selber sprechen darf, dann auch gnadenlos aus und lassen den extraterrestrischen Stitch hier und da einen Elvis-Song zum Besten geben. Und wenn die Stücke des King dann am hawaiianischen Sonnenstrand die Untermalung für etliche Slapstick- und sonstige Cartoon-Einlagen darstellen, kommt das schon besonders cool rüber. Gerade, wenn Lilo ihrem neuen Freund doch eigentlich etwas Benehmen beibringen wollte. Aber auch sonst haben sich die Macher allerlei Mühe gegeben, ihr Abenteuer etwas erwachsener und origineller zu gestalten: da wird ein Behördenmitglied von einem bulligen "Man in Black" repräsentiert, eine komplette, außerirdische Regierung erschaffen und Lilos Schwester zunächst als ziemliche Zicke charakterisiert. Nach eigener Auskunft lag den Regisseuren genau diese Ambivalenz der Charaktere am Herzen.

Problematisch wird "Lilo & Stitch" nur dann, wenn dem Zuschauer zum 85. Mal "Ohana heißt 'Familie', 'Familie' heißt 'Zusammenhalten und niemand wird zurückgelassen' " vor den Latz geknallt wird und so das flotte Slapstick-Tempo voller kleiner und netter Anspielungen unterbrochen wird. Auch die Surfeinlagen machen mit leicht traditioneller, hawaiianischer Musik nicht immer den erfrischendsten Eindruck (sowohl inszenatorisch als auch tricktechnisch), von Traumboy und Baywatch-Verschnitt David ganz zu schweigen. Ansonsten gibt es glücklicherweise nicht viel zu bemängeln. Im Gegenteil: dank der nichts desto trotz liebenswerten Animationen, der guten Gagdichte, der ein oder anderen Anspielung und nicht zuletzt der sympathischen Charaktere ist "Lilo & Stitch" erzählerisch wieder ein Schritt nach vorne für die etwas gebeutelten Disney-Studios.

Ambitioniertes, niedliches Abenteuer mit originellen Charakteren


Thomas Schlömer