Erbsen auf halb 6

Deutschland, 111min
R:Lars Büchel
B:Lars Büchel, Ruth Toma
D:Fritzi Haberlandt,
Hilmir Snær Guðnason,
Harald Schrott,
Tina Engel,
Jenny Gröllmann
L:IMDb
„Ich bin nicht blind – ich kann nur nicht sehen”
Inhalt
Bevor Jakob Hoffmann bei einem Verkehrsunfall sein Augenlicht verliert, ist der ehrgeizige und erfolgreiche Theaterregisseur blind für die Gefühle seiner Mitmenschen. Natürlich ist er nicht bereit, sich mit seinem Schicksal abzufinden und treibt nun seinen Zynismus erst recht auf die Spitze. Ein schwerer Fall für die junge Therapeutin Lilly Walter. Sie ist von Geburt an blind und hat es sich zur Aufgabe gemacht, Licht ins Leben ihrer Leidensgenossen zu bringen. Unfreiwillig begibt sie sich mit dem widerspenstigen Patienten Jakob auf eine Abenteuer-Reise in seine Vergangenheit. Eine Reise voller skuriller Begegnungen und tragikomischer Wendungen, an deren glücklichem Ende Jakob die Welt buchstäblich mit anderen Augen sieht.
Kurzkommentar
Lars Büchel versucht sich an einer Mischung aus Caroline Link („Jenseits der Stille“) und den Brüdern Farrelly („Unzertrennlich“) und macht es dem Zuschauer wahrlich nicht leicht, seiner unkonventionellen Romanze auf rein logischer Ebene zu folgen. Mit einer ungemein charismatischen Fritzi Haberlandt gelingt ihm aber zumindest der mutige Versuch eines modernen Märchens abseits ordinärer, romantischer Komödien und gängigen Betroffenheitskinos.
Kritik
Und wieder macht die Werbung einem Lars Büchel-Film beinahe einen Strich durch die Rechnung. Wie schon sein letzter Erfolg „Jetzt oder nie – Zeit ist Geld“ wird „Erbsen auf halb 6“ in den Trailern als Außenseiter-Komödie verkauft, als fast vulgäre Nummernrevue im Sinne derber Farrelly-Komödien à la „Ich, beide und sie“ oder „Unzertrennlich“: Blinde, die vor Wände laufen, Blinde, die neben das Klo pinkeln, Blinde, die galgenhumoristische Kalauer von sich geben. Dabei sind Büchels Filme ebenso wie die meisten Arbeiten der Brüder Farrelly vor allem von der Liebe zu ihren Figuren geprägt und die Scherze, die auf ihre Kosten gehen, üblicherweise in einen tragikomischen Kontext gesetzt. Vor allem Büchel stellt das mit „Erbsen auf halb 6“ über weite Strecken unter Beweis.

So entpuppen sich die im Trailer noch als Slapstick verkauften Momente, in denen Jacob vor diverse Gegenstände, Türen und Wände läuft, zumeist als Verbildlichung seines seelischen Zustands, als haptische Bestätigung seiner mentalen Situation; eben der Sinneswahrnehmung die neben der auditiven nun zu seiner Hauptschnittstelle zur Welt geworden ist. Beispielhaft dafür ist etwa die Szene am Bahnhof: mit einem Ruck stösst er die Doppeltür zur Bahnhofshalle auf und eine sogartige Tonspur suggiert den immensen akkustischen Reichtum, der Jacob hier entgegenstösst. Vollkommen überwältigt und orientierungslos stolpert er die Treppe hinunter und kommt erst zum Stehen, als er direkt vor eine offene Wagontür läuft. Was üblicherweise ein einfallsloser Scherz ist, wird hier zur Beschreibung seiner Gefühlswelt.

Die Verbildlichung der Gefühle, vor allem aber auch deren Symbolisierung, scheint ohnehin ein großes Anliegen Büchels gewesen zu sein. Die relativ unorthodoxe Ausgangssituation – die Blindheit beider Protagonisten – ist genaugenommen nur Fundament für eine (im Kern) handelsübliche, romantische Komödie: zwei Menschen, die zunächst in festen Beziehungen stecken, müssen erst etliche Irrungen und Wirrungen durchleben, um zueinander zu finden. Aber was in mancher Konfektionsware aus den USA zur Posse wird (ganz extrem etwa in „Weil es dich gibt“), wird hier zumindest inhaltlich begründet: das permanente Sich-Verpassen, Nicht-Finden und Aneinander-Vorbeilaufen erhält durch den thematischen Hintergrund eine naive, tragikomische Logik – und dadurch auch eine größere, emotionale Resonanz.

Die symbolische Aufladung seiner Bilder, das macht schon die Credit-Sequenz klar, könnte man „Erbsen auf halb 6“ leicht zum Vorwurf machen: pathetisch verschränkt er auf einer Wasseroberfläche auftreffende Tropfen mit dem Unfall Jacobs und einem Kopfsprung Lillys in einem Schwimmbad und etabliert hier sogleich das Element, das immer wieder das Verbindungsstück zwischen Lilly und Jacob darstellen wird. Auch malerische Gegenden wie etwa das Rapsfeld oder die Strandwohnung von Jacobs Mutter könnte man als artifiziell abtun. Büchel aber erkauft sich die Legitimation für derartige Bilder, indem er seine Geschichte zunehmend märchenhafter werden lässt und auf äußere Logik verzichtet. Das irritiert lange Zeit, stolpern Jacob und Lilly doch von einer konstruierten Skurrilität in die nächste: bis sie sich glücklich in die Arme fallen dürfen, begegnet man einer resoluten Hausdame in einem 500 Seelen-Dorf, fährt mit einem zerrotteten Bus durch die russische Prärie, übernachtet zwischen verlassenen Häuserfassaden mitten im Nichts und nimmt an archaisch anmutenden, russischen Volksfesten teil.

Dass das konsequenten Märchencharakter hat, kommt zunächst nicht deutlich genug hervor, wirkt für die innere Logik der Geschichte aber ungemein befreiend: losgelöst von konventioneller Kinodramaturgie erlaubt dies Büchel, Überspitztheit an Überspitztheit zu reihen ohne penibel auf Nachvollziehbarkeit oder Realismus zu achten. In Klein Zastrow bei Greifswald fahren noch munter Oldtimer durch die Gegend, der Zug, den beide nehmen, hat Harry Potter-Charakter, Russland und seine Bevölkerung werden extrem idyllisiert, Lillys Mutter bleibt während ihrer „Verfolgungsjagd“ seltsam apathisch und sogar eine (narrativ) vollkommen zusammenhanglose Nebenhandlung um Lillys Schwester Alex und deren Wunsch nach Entjungferung leistet sich Büchel als wäre es selbstverständlich.

Diese erzählerischen Freiheiten mögen viele Zuschauer irritieren, vielleicht sogar verägern, zumal Büchel phasenweise etwas die Kontrolle verliert und misslungene Selbstmordversuche sowie diverse Pinkelscherze zum Lacher aufwerten möchte. „Erbsen auf halb 6“ ist im Kern aber von einer liebenswerten, spröden Naivität und dass Büchel das Herz am rechten Platz hat, spürt man spätestens in zurückhaltenden Dialogen, etwa wenn sich Jacobs Mutter an seine Kindheit erinnert oder Lilly davon erzählt, wie sie ihr fehlendes Sehvermögen im Kindesalter als selbstverständlich angenommen hat. Als mutigen Versuch, eine etwas andere, romantische Komödie zu schaffen, kann man „Erbsen auf halb 6“ jedenfalls hervorheben.

Krudes, doch liebenswertes Märchen jenseits gängiger Kinodramaturgie


Thomas Schlömer