Blueprint

Deutschland, 113min
R:Rolf Schübel
B:Claus Cornelius Fischer
D:Franka Potente,
Ulrich Thomsen,
Hilmir Snær Guðnason,
Katja Studt,
Justus von Dohnanyi
L:IMDb
„Du solltest dir nicht so viele Gedanken machen wegen dem bisschen Klonopoly”
Inhalt
Siri ist die Tochter ihres Mutterzwillings Iris (beide gespielt von Franka Potente). Die weltberühmte, an Multipler Sklerose erkrankte Pianistin Iris Sellin ist besessen von dem Wunsch, ihr Talent fortleben zu lassen. Gemeinsam mit dem Reproduktionsmediziner Martin Fischer (Ulrich Thomsen) schloss sie einen geheimen Pakt; Siri ist der erste geklonte Mensch der Welt. Das Geheimnis fliegt auf, als Siri 13 Jahre alt ist. Erst jetzt erfährt sie von ihrem besonderen Schicksal. Die innige Seelenverwandtschaft zwischen Mutter und Tochter schlägt um in eine komplizierte Feindschaft. Siri verzweifelt an dem Gefühl, nur die Kopie ihrer Mutter, ihre Blaupause zu sein. Die Suche nach ihrer eigenen Identität führt sie weit weg von ihrer Mutter in die Wildnis Kanadas. Erst Jahre später findet Siri mit Hilfe des Architekten Greg Lukas (Hilmir Snaer Gudnason) den Weg zu sich selbst.
Kurzkommentar
Manche Kritiker werfen „Blueprint“ vor, er würde der Klonthematik nicht ausreichend gerecht, dabei trifft Regisseur Rolf Schübel die einzig richtige Entscheidung, wenn er wissenschaftliche und gesellschaftliche Aspekte weitgehend ausklammert und ein Einzelschicksal herausgreift. Schübel zeigt sich allein an der Gefühlswelt einer solchen Person interessiert und vermittelt diese durchaus differenziert. Dass sein Film dabei in das ein oder andere melodramatische Fettnäpfchen tritt, kann man angesichts sonstiger, vor allem der darstellerischen Leistungen verkraften.
Kritik
Es ist eine faszinierende Grundidee, die „Blueprint“ zugrunde liegt: wie würdest du dich fühlen, wenn herauskommt, dass du ein bloßes, genetisches Abbild eines anderen bist? Dass du – entscheidender – doch eigentlich nur existierst um das Leben eines anderen fortzusetzen, ein vorangegangenes Leben zu verlängern. Inwieweit hat der Klon dann noch die Möglichkeit zur „freien Entscheidung“, inwieweit maßt sich der Mensch hier an, die Gesetze der Natur (oder Gottes Willen) zu überlisten, um das eigene Wesen über den Tod hinaus existieren zu lassen. Und noch eine weitere entscheidende Frage: kann mit der genetischen Übereinstimmung überhaupt der identische Lebensweg verknüpft sein wie es Iris hier mit ihrer Tochter Siri beabsichtigt?

Rolf Schübels neuer Film geht diesen Fragen nach und nutzt die Klonproblematik (trotzdem viele Kritiker dies bemängelt haben, ist es die erste Stärke des Films) primär zur Erörterung menschlichen Empfindens und geht nur untergeordnet auf ethische, moralische oder wissenschaftliche Aspekte ein. Das ist klug, denn mit der Auseinandersetzung der Gefühlswelt eines „Klons“ geht automatisch ein ethisch-moralisches Statement einher. Aber nicht nur die Kopie interessieren Schübel, Drehbuchautor Fischer sowie (ursprünglich) Romanautorin Charlotte Kerner. Es ist ebenso das selbstsüchtige „Original“ und die Frage nach den Qualitäten, die eine solche Personen haben muss, um sich selbst duplizieren zu wollen, die hier im Mittelpunkt stehen.

Beide Seiten behandelt Schübel dabei psychologisch durchaus differenziert. Auf den ersten Blick scheint Iris Sellin jedoch noch relativ eindimensional: eine egoistische, selbstverliebte, auch skrupellose Frau, die immer nur zum eigenen Vorteil handelt: der Wissenschaftler, dem sie den Kontakt zu ihrem gemeinsamen „Werk“ verbietet, das Kindermädchen, das sich voll und ganz um sie zu kümmern habe, das Konzert, das sie „Für Siri“ – und damit letztlich nur für sich – schreibt. Eine echte Diva also. Bis Siri von ihrer Herkunft erfährt, in ein Schockkoma fällt und schließlich beginnt zu rebellieren. Hier bemerkt Iris zum ersten Mal, was ihre Erziehung überhaupt für Auswirkungen hatte. Dass Siri überhaupt in Erwägung ziehen könnte, vielleicht keine Pianistin zu werden, war ihr bislang noch nicht in den Sinn gekommen. Und als ihre Tochter sie verlassen hat und sie sie fortlaufend per Videonachricht darum bittet, ihr doch kurz vor dem Tode noch mal einen Besuch abzustatten, wird ihr zum ersten mal klar: das, was bei der Erziehung gegen ihren Plan verlaufen ist, ist genau das, was sie bei sich selbst vermisst.

Für Siri hingegen geht es vor allem um die Suche nach Identität. Wie sich im „Wünschelturm“ zeigt ist ihr das als Kind noch relativ gleichgültig und ihre kindlichen Wünsche sind vollkommen von ihrem großen Vorbild geprägt: mit der Mutter ein gemeinsames Konzert spielen. Davon befreit sie sich erst als sie von ihrem Klonhintergrund erfährt und damit ihr bisheriges Leben mehr oder weniger als eine Lüge – eine Lüge der Liebe – entblößt sieht. Auch wenn nachvollziehbar ist, dass Iris für ihre Tochter Mutterliebe entwickelt hat, so entpuppt sich der vergangene Kinderwunsch doch als egoistischer und so bricht für Siri eine Welt zusammen und sie fällt in ein Schockkoma. Danach ist dann nichts mehr wie zuvor und – das ist intelligent montiert – Siri sucht Verbindung zu allem Natürlichen, Unverfälschten, Reinen: sie flüchtet in die ruppige Natur Kanadas. Dort, wo sie niemand erkennt und schließlich auch eine Person trifft, die sie um ihrer selbst willen liebt, kann sie erst zu sich selbst finden. Auch wenn dazu noch der entscheidende Schritt getan werden muss: die Egoismen, die ihre Mutter so sehr geprägt haben, überwinden, sie – trotz der herzlosen Vergangenheit – an ihrem Sterbebett besuchen und damit Selbstlosigkeit beweisen. Und trotzdem der letzte Satz des Films etwas makaber klingt („Ich hab meinen eigenen Tod überlebt“), fasst er doch treffsicher zusammen: erst nach dem Tod ihrer Mutter kann Siri eine eigene Identität finden, endlich „einzigartig“ sein.

Diese Summe von Entwicklungen verpackt Schübel nicht ohne Geschick und beweist nach „Gloomy Sunday“ erneut, dass er sein Filmhandwerk durchaus versteht. Auch wenn manche Elemente, ob nun dramaturgisch wie der Klon-Anstecker in Judenstern-Form, oder bildlich wie die etwas plumpe Referenz an Michelangelos „Erschaffung des Adam“, deutlich zu melodramatisch ausgefallen sind. Aber das verzeiht man Schübel gerne, denn er behandelt sein Thema mit Menschlichkeit, verzettelt sich nicht in wissenschaftlichen Geblubbere, bindet die wenigen Science-Fiction Elemente (Video-Telefonie und Fingerabdruckidentifikation) realistisch und dezent ein und vermittelt letzten Endes noch eine zutiefst menschliche Botschaft: Mitgefühl übersteigt jedwede Grenze, Verzeihen kann man immer. Kurz vor dem Tod sind alle Menschen gleich, ob nun genetisch oder nicht.

Ambitionierte Klongeschichte mit verzeihlichen Anflügen von Melodramatik


Thomas Schlömer