Autobahnraser

Deutschland, 87min
R:Michael Keusch
B:Robert Kulzer
D:Luke Wilkins,
Niels-Bruno Schmidt,
Thomas Heinze,
Alexandra Neldel
L:IMDb
„Ich dachte, sowas gibt´s nur im Pirelli-Kalender.”
Inhalt
Die Autobahnraser (die Guten) müssen die Bolidenschieber (die weniger Guten) von der Autobahn vertreiben, damit die Polizei (die Dummen) sie dort wieder in Ruhe Spaß haben lässt! Dabei gilt es nur eines zu verteidigen: DIE letzte Bastion von Freiheit und Individualität deutscher Lebenskultur – die Autobahn, die einzigen öffentlichen Teerdecken der Welt auf der es keine Geschwindigkeitsbegrenzung (nach oben) gibt!
Kurzkommentar
Wer glaubt, das deutsche Kino hätte die Talsohlen der Unterhaltung endgültig überwunden, sollte sich im „Autobahnraser“ ausnüchtern. Der Film ist schlimmer als sein Titel und nichts als eine armselige wie dreiste Provinzkopie von „The Fast and the Furious“ mit peinlichen Klamottenelementen. Die Umsetzung eines längst vergessenen Computerspiels versucht alles zu bedienen, was den feuchtöligen Träumen des deutschen Jungmachos heilig ist: dicke Schlitten, willige Boxenluder. Auch von der VIVA-Zielgruppe sollte dieses stillose Prollkino rasend schnell vergessen werden.
Kritik
Deutschland, deine Höhen, deine Tiefen. Das wir es mit der „Kultur“ haben, war und bleibt ja wohl eine schizophrene Angelegenheit. Kaum scheint der deutsche Film mit „Lenin“ und dem ersten Berlinale-Triumph seit 1986 mit „Gegen die Wand“ schon fast unheimlich erholt, legt Constantin-Film wieder einmal beharrlich tiefer und zeigt, was es wirklich heißt, am anderen Ende der Niveauskala mit voller Pulle gegen die Wand zu brettern – zurück in die andere Wirklichkeit des deutschen Kinos, das alles für die Zielgruppe und noch mehr für die Kopie eines schon im Original traurigen, amerikanischen Testosteronkinos gibt. So mussten mit bitterer ökonomischer Konsequenz drei Faktoren zum Zelluloidunfall „Autobahnraser“ führen: Zum Ersten die Erinnerung daran, dass man in Deutschland für den „Zeitgeist“ gerne und immer zahlt, und Autos, sei es als Spottobjekt oder Fetisch, huldigen diesem Geist immer. Das zeigen nicht nur die „Manta“-Klamotten, die so unsäglich wie erfolgreich waren.

Zum Zweiten mutiert dieser Großmaul- und Potenz-Kult seit geraumer Zeit ebenso erfolgreich in das Medium der Computer- und Videospiele. Hier kann jeder Möchtegern-Asphaltcowboy ungestraft echtes deutsches Savoir-vivre und gleichzeitig einen globalisierten wie ritualisierten Wertekanonen ausleben. Auf geschrumpfter nationaler Ebene lebt hier die Bleifussutopie, auf leeren deutschen Autobahnen die Tachonadel bis zum Anschlag zu treiben. Phantasiemaßstäbe dieser Güte mutierten dann jüngst wieder auf die Leinwand zurück und produzierten zünftiges Brunft- und Muskelkino mit protzigem Drehbuchverzicht. Der stilistische amerikanische Vorreiter wurde „The Fast and the Furious“. Dass dessen Erfolg im letzten Jahr sogar mit einem Sequel zu belästigen musste, zeigt, wie einträglich es auch weiterhin sein kann, wenn nur die geteerten Sehnsüchte nach halbnackten Frauen, dicken Schlitten und flachen Sprüchen bedient werden. Für „Autobahnraser“, der nichts als ein „Fast and the Furious“ für Arme und deutsche Staugeschädigte ist, war schon vor dem Start klar, dass der Film schrottreif würde – und das nicht nur wegen des programmatisch drohenden Titels.

Denn zum einen ist die Idee schon verwegen genug, ein Computerspiel tatsächlich zu verfilmen, das seinerzeit selbst schon am Bodensatz der Unterhaltungselektronik lag und natürlich völlig frei von jedem Erzählballast war. Aber es verkaufte sich. Die eigentlich längst verdrängte Publizität des Daddelmülls stellt, wie es bei Umsetzungen von Computerspielen ja immer ist, zumindest der Hoffnung nach ein potentiell großes, zahlungsbereites wie junges Publikum. Zum anderen war mit „Fast and the Furious“ das Level groß budgetierten Bolidengeprotzes, aufwendig geschnittener Verfolgsjagden und mächtig pubertierender Coolness nicht unerheblich erhöht. So viel Amerika mit deutschen Mitteln, nämlich einem runden Zehntel des Budgets, gleichzukommen, ist einfach dazu programmiert, blamabel in die Hose zu gehen. Zu oft ist der deutsche Film im stupiden Nachahmen des amerikanischen schon gescheitert. Und er tut es auf einem Niveau erneut, das auch die VIVA-Zielgruppe nicht erreichen dürfte. Dabei ist „Autobahnraser“ durch die Besetzung mit aufgebrezelten Nobodys, einigen Soap-Sternchen gerade für sie konzipiert.

Bekannte Gesichter gibt es nur zwei, was gleichzeitig schmerzhaft dokumentiert, wie tief man als Schauspieler sinken kann: So schafft es Alexandra Neldel tatsächlich, in einem noch größeren Machwerk als „Erkan und Stefan“ mitzuwirken. Besonders traurig ist jedoch der Fall Thomas Heinze, ehemals ein sehr respektabler Schauspieler. Chronischer Mangel an Rollenangeboten muss ihn zu einer „Rolle“ in einem Film getrieben haben, dessen Figuren und Plot de facto nicht existent sind. Michael Keusch, bisheriger Fersehregisseur, zitiert alle obligaten Genreklischees aufs Einfallsloseste, von den übertölpelten Provinzbullen zum Chromfelgenstolz. Schnitt und Musik versuchen ebenso offensichtlich wie peinlich, die Schauwerte von „The Fast and the Furious“ in deutsche Verhältnisse hinüberzuretten, aber Amerika ist doch einfach größer und besser, wir wissen es. Dass bei den bis zum Erschöpfungstod wiederholten PS-Protzereien dennoch ein für hiesige Möglichkeiten großer Aufwand getrieben wurde, mag man sehen, aber gerade das ist das größte Ärgernis dieses betont geistfreien Hormonstusses: die Verpulverung eines Budgets, das Leuten wie Fatih Akin oder Wolfgang Becker zustünde.

Schmerzhafte Bestandsaufnahme der anderen Seite deutscher Filmkultur


Flemming Schock