Fabelhafte Welt der Amélie, Die
(Le Fabuleux destin d'Amélie Poulain)

Frankreich 2000, 122min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Jean-Pierre Jeunet
B:Jean-Pierre Jeunet,Jean-Pierre Jeunet
D:Audrey Tautou,
Yolande Moreau,
Mathieu Kassovitz,
Rufus
L:IMDb
„Sie dürfen sich jetzt ins Leben stürzen”
Inhalt
Amélie (Audrey Tatou) ist nicht ganz von dieser Welt. Aber das macht nichts, denn Amélie hat ihre eigene, fabelhafte Welt. Amélie liebt die kleinen Dinge, die leisen Töne und die zarten Gesten. Amélie arbeitet in einem Café in Montmartre. Eifersüchtige Liebhaber, gescheiterte Genies, tragisch verunglückte Artisten und sehnsuchtskranke Hypochonder bevölkern dieses skurrile kleine Universum. Sie alle tragen schwer an ihrem Schicksal, während Amélie kleine silberne Tabletts an ihre Tische trägt und ihnen stets ihr großes Herz serviert. Amélie ist eine Träumerin, aber sie hat einen wachen Blick. Und als sie eines Tages beschließt, als gute Fee in das Leben ihrer Mitmenschen einzugreifen, weiß sie genau, was sie zu tun hat. Alles scheint ihr zu gelingen, aber als sie Nino, den Mann ihrer Träume, trifft, weiß sie nicht, wie sie sich selbst zum Glück verhelfen soll. Mit tausend Dingen bezaubert sie Nino aus der Ferne; doch mutig aus dem Schatten ihrer Fantasie zu treten, ist ihre Sache nicht - bis ein guter Geist ihr auf die Sprünge hilft.
Kurzkommentar
Amélie gehört definitiv zu den sehenswertesten Filmen des Jahres - dennoch nerven einige Details, die das Bild des vorgeblich so sensiblen Kunstmärchens trüben.
Kritik
Wohin man auch blickt: begeisterte Kinogänger(innen), die "Die fabelhafte Welt der Amélie" in höchsten Tönen loben. Und zweifellos ist ein Kinobesuch sehr lohnenswert, schon allein deshalb, weil der Film weitab jeglichen Mainstreams rangiert und so die mitunter etwas abgestumpften Gehirnzellen wieder zu mehr Bewegung anregt. Der Film entspricht nicht den üblichen Rastern, Mustern und Schablonen, sondern geht seinen ganz eigenen Weg. Doch so ganz ohne Stolpersteine ist auch der nicht.

Visuell gibt sich Jeunet auch hier wieder alle Mühe, nicht in das bereits zu oft Dagewesene zu verfallen. Doch das Ergebnis ist eine zwanghafte Formalisierung, die ein bisschen an "L'art pour l'art" erinnert, was aber doch zum restlichen Film in einem gewissen Missverhältnis steht. Die mit aller Macht auf alt getrimmten, mit schweren Farben überzeichneten Bildern entwickeln zwar einen ganz eigenen Reiz, doch wozu eigentlich, das bleibt unklar. Sicher, sie lassen eine Atmosspähre entstehen, die man metaphorisch für die introvertierte, ganz eigene Welt Amélies sehen kann, doch als sich der Film ändert, und auch Amélie, da ändert sich die Bildersprache nicht, verharrt in einem festgefahrenen formales Schematismus, der Bedenken aufkommen lässt, ob all die aufwendige Inszenierung letzlich nicht doch nur dem Manierismus des Machers entspringt.

Oft konnte man lesen, dass der abrupte Wandel im Stil, in der Geschichte und auch in der Aussage Jeunets erstaunt - hat er doch zuvor düstere bis makabre Welten inszeniert, die so gar nichts Zartes oder Gefühlvolles bieten. Und obwohl diese Feststellung zweifellos richtig ist, kann man auch in Jeunets neuem Film Teile seines Sadismus finden, mit dem er den Zuschauer in seinen vorigen Werken quälte. Das setzt eine gewisse Lesart des Filmes voraus, denn man kann natürlich auch alles ganz anders interpretieren - doch nach lauter Lobliedern sei auch mal ein wenig Kritik erlaubt.

Am Auffälligsten sind die Späße, die Amélie mit dem bösartigen Gemüsehändler treibt. Ob es gerechtfertigt ist, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, sei mal aussen vorgelassen, ebenso wie die Frage, ob man von edlen Motiven sprechen kann, wenn man sich auf das Niveau des Gegners begibt. Zweifellos aber haben Amélies Aktionen etwas Sadistisches, etwas Quälendes an sich. Während man es beim ersten Mal noch als witzig empfinden mag, so tritt besonders durch die Wiederholung doch ein negativer Beigeschmack hinzu. Ähnliches gilt für die Photos des Gartenzwerges. Auch wenn Amélie am Ende ihr Ziel erreicht, ein nobles Ziel, und diese Episode für die Zuschauer sehr erheiternd ist, so hat sie aus Sicht des Vaters etwas ziemlich Grausames. Auch Amélies ewiges Spiel mit ihren Mitmenschen geht in diese Richtung. Es gehört zu ihrem Charakter, dass sie nicht den direkten Weg nimmt. Aber ihre Begeisterung für Telefonspielchen und das Herumhetzen anderer Menschen ist etwas zweifelhaft. Das gilt für ihr gesamtes Wirken, ob sie nun Briefe fälscht oder verstörende Videos bastelt - immer tritt ein leiser Zug von Sadismus hinzu. Amélie liebt es, ihre Mitmenschen wie Fische an der Angel zappeln zu lassen, sie nach Luft schnappen und sich winden zu lassen, und sie, wenn überhaupt, erst im letzten Moment zu retten. Ob das mit einer schönen Seele vereinbar ist, mag dem Urteil des Lesers überlassen bleiben.

Apropos schöne Seele: Da wäre noch ein Punkt. Um es hart zu sagen: Alle Figuren in Jeunets Film sind irgendwie ziemliche Freaks. Und auch wenn man das natürlich als notwendig für die Geschichte oder als geniale Allegorie auf die Realität des Menschseins sehen kann, so kann man es auch als ein böses Wollen des Autors gegenüber seinen Figuren sehen. Ein jeder ist mit einem Makel behaftet, mit einer Schrulle geschlagen. Entweder ein sympathischer Gegenentwurf zum keimfreien Hollywood-Charakter, oder ein gemeiner Charakterzug des Autors, der seine Welt mit lauten Gestörten bevölkert, die sich nicht wehren können.

Eine gewisse Stereotypizität ist Jeunet so oder so nicht abzusprechen. Denn was bei "Die fabelhafte Welt der Amélie" mit am Faszinierendsten ist, ist zugleich auch sehr störend. Die ungeheure Dichte und der Einfallsreichtum, mit dem sich ein aussergewöhnlicher Gedanke an den anderen, ein magischer Moment an den nächsten reiht, hat auch etwas von Verschwendung und Zerstörung. Indem Jeunet für seinen Film zahlreiche dieser einmaligen Momente aufgreift und diese in einer schier unglaublichen Menge aneinander reiht, entwertet er sie zugleich. Die schiere Menge, in der der Zuschauer mit Aussergewöhnlichem bombardiert wird, zerstört das Besondere jedes einzelnen Moments. Sensible Augenblicke, jene Momente, von denen andere Filme nur ein oder zwei verfügen, werden rücksichtslos und am laufenden Bande verheizt, ohne den Blick auf das Einzelne zu richten.

So ergibt sich ein Film, der auf den ersten Blick durch seine positive Stimmung zu begeistern vermag. Doch es zeigen sich einige Brüche, die offensichtlich werden lassen, dass unter der Oberfläche ein Ansatz ruht, der eine gewisse Zanghaftigkeit, etwas Getriebenes und auch etwas Übelwollendes beinhaltet, der die Leichtigkeit und Unbeschwertheit zunichte machen kann. So oder so aber ist "Die fabelhafte Welt der Amélie" in jedem Falle sehenswert, und wer sich, scharf formuliert, von der Oberfläche blenden lässt, kann sogar unbeschwerten Genuß finden. Allerdings kann die thematisch monotone Dauerwerbesendung des naiven Glücks durch ihre versteckten Spitzen aber auch ein gewisses Unwohlsein aufkommen lassen.

Überfrachtete, artifizielle Dauermetapher - aber sehenswert


Wolfgang Huang