Träumer, Die
(Dreamers, The)

Italien / England / Frankreich, 114min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Bernardo Bertolucci
B:Gilbert Adair
D:Michael Pitt,
Eva Green,
Louis Garrell
L:IMDb
„Was würdest du tun, wenn deine Eltern es herausfänden?”
Inhalt
Paris 1968: Zeit des Aufbruchs und der Utopie, der Hoffnung, die Welt verändern zu können. Aber auch Hochzeit der Cinéasten, die Abend für Abend wie süchtig in der Cinémathèque Francaise Filme aus dem alten Hollywood und der Nouvelle Vague verschlingen. Das wahre Leben findet auf der Leinwand statt! Als de Gaulles Kulturminister André Malraux den beliebten Leiter der Cinémathèque, Henri Langlois, entlässt, kommt es zu ersten Demonstrationen. Auch Theo (Louis Garrel), seine Zwillingsschwester Isabelle (Eva Green) und der junge, schüchterne Amerikaner Matthew (Michael Pitt) mischen sich unter die friedlich Protestierenden. Da die Eltern der Geschwister für ein paar Wochen ans Meer fahren, ziehen sich die Drei in die große Altbauwohnung im Quartier Latin zurück und beginnen ein harmloses Film-Ratequiz, das sich peu à peu in ein gefährliches Spiel um Lust und Begierde wandelt. Es gibt weder Tabus noch Pardon in dieser „Ménage à trois“, die Träumer überschreiten die Grenzen bürgerlicher Moral, stellen in ihrer hermetisch abgeschlossenen Welt eigene Regeln auf. Ohne sich darum zu kümmern, was draußen passiert, lieben und quälen sie sich, entdecken die Freiheit der Sexualität, entblößen nicht nur ihren Körper, sondern auch die Seele.
Kurzkommentar
Als Mischung aus liebevoller filmischer Hommage, provokantem Inzest-Drama und politischem Lehrstück vermag Bertoluccis »Die Träumer« nicht so recht zu überzeugen. Während die filmischen Zitate bisweilen zu selbstverliebt ausfallen, scheitert die angestrebte tabufreie Darstellung an den inneren Tabus, und die politische Moral an der filmimmanenten Inkonsequenz. Faszinierend bleibt der Film dennoch, formal wie inhaltlich.
Kritik
Schon oft genug wurde angekündigt, auch das letzte Tabu werde bald gebrochen sein: eine erschreckende Vorstellung. Ganz offensichtlich ginge Filmemachern eine reizvolle Grenzen verloren, ohne die zahlreiche Filme weit weniger interessant wären. Im Gegenzug gehört natürlich das immer weitere Verschieben dieser Grenze gerade zum Instrumentarium eines Regisseurs, so dass notwendigerweise irgendwann das Ende erreicht sein muss.

Tabubruch ist jedoch gar nicht das eigentliche Ziel Bertoluccis, obwohl er sich in diesem Grenzbereich gut auskennt; sein berühmtestes Beitrag: Der letzte Tango in Paris. Was ihm ganz offensichtlich vielmehr vorschwebt, ist, eine Geschichte ohne Rücksicht auf Tabus zu erzählen. Also keine frisierte, an gesellschaftliche Moralvorstellungen angepasste Version der Wirklichkeit, sondern die Wirklichkeit selbst, eine möglichst unverfälschte Widergabe einer Geschichte, sei sie nun real oder erdacht. Gerade zur Betonung der Unverfälschtheit setzt er in diesem Fall die Nacktheit seiner Protagonisten ein. Verstärkt und in gewisserweise gebrochen wird diese Direktheit durch die zahlreichen historischen Filmzitate, in den noch alles Andeutung war, Sehnen statt Vollzug. Diese hypnotische Vermengung zweier verschiedener Bildwelten zeigt so auch den Wandel - und die Wandelbarkeit - gesellschaftlicher Moral.

Obwohl man im Kino der Anständigen, Gebildeten und Nicht-Pornographischen, in unserer Kinowelt also, selten mehr Nacktheit oder mehr sexuelle Akte gesehen hat, ist der mitteleuropäische Kinobesucher davon kaum mehr zu beeindrucken; allenfalls auf einer analytischen Ebene, in der er das Abendprogramm der Privaten von der Kinoleinwand scheidet und eine weitere kleine Verrückung der Grenze erkennt. Optisch ist »Die Träumer« die Steigerung von »Intimacy«, zumal auch das Element des Ungehemmten, des Animalischen, des gefährlich Triebhaften weiter verstärkt wird.

Bertolucci war sich wohl bewusst, dass er in Europa damit allenfalls milde Abgeklärtheit ernten würde, und so ist die Geschichte denn auch, um den Kontrast zu verstärken in den Jahren der Studentenrevolte in Paris angesetzt und - Tabu!, Tabu! - mit ein wenig Inzest durchsetzt. Gab's aber auch schon, vor ein paar Jahren in »Verbotene Liebe«, 18:55, ARD, Vorabendprogramm.

Hier ergibt sich denn auch ein Problem für Bertolucci: Die Idee des tabufreien Films scheitert an Tabus: selbstauferlegte, ökonomische. So rufen mindestens zwei Szenen doch eher spöttisches Lächeln hervor: Die Masturbationsszene, bei der sich die Kamera zwanghaft so positioniert, dass man nichts sieht, und der große Akt: Ausreichend becirct von der weiblichen Schönheit lässt der männliche Gegenpart alle Hüllen fallen - und enttäuscht zunächst durch mangelnde Manneskraft. Dass er sich aber in der nächsten Einstellung bereits dem wilden Liebesspiel hingibt, verblüfft, spart Bertolucci hier doch entscheidende Momente aus. Dieses lächerliche Details ist insofern interessant, als Bertolucci sonst eigentlich nichts der Fantasie des Zuschauers überlässt. Somit ergibt er sich hier der kulturgeprägten, äußerst fragwürdigen Trennung, dass die Pornographie beginnt, sobal erigierte männliche Geschlechtsteile ins Bild geraten. Mit reizvollem Weglassen hat all dies indes nichts zu tun: Der Ablichtung weiblicher Intimzonen widmet sich Bertolucci dafür umso ausgiebiger.

So muss sich auch Bertolucci in seiner vorgeblich freien, wahrhaftigen Darstellung den gesellschaftlichen Konventionen -historisch gesprochen: bürgerlichen Moralvorstellungen- beugen. Auch in Sachen Inzest behauptet der Trailer weit mehr, als der Film schließlich vollzieht - Details seien hier aber noch nicht verraten. Vielleicht ist es gut so, dass einmal mehr deutliche Tabugrenzen bleiben, nur leider führt sich der Film damit in einem gehörigen Maße selbst ad absurdum.

Einen weiteren Bestandteil bildet die politische Aussage: Die Ausnutzung der neuen Freiheit der 1968er Jahre ist für die Protagonisten hauptsächlich eine Rechtfertigung für ihre sexuelle Selbsterkundung. Den politischen Idealen fühlen sie sich nicht tatsächlich verbunden, ihre politische Argumentation bleibt naiv. Seien es die Proteste gegen die Schließung der Cinematheque oder die Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg: Im Strudel hormoneller Aufwallung der sexuellen Selbstfindung verblasst all dies. Und an einem lässt Bertolucci keinen Zweifel: Die geistige Orientierungslosigkeit seiner Protagonisten lässt diese sich in der Schlußeinstellung gegen all das wenden, woran sie zu glauben vorgegeben haben, im Todeswunsch gar ihre eigene Freiheit verleugnen. Eine passable Moral für einen Film, nur leider: Auch Bertolucci hält sich nicht an das, was er durch seinen Film zu tun vorgibt. Insofern scheitert auch er, gemeinsam mit seinen Filmfiguren.

Sehenswert bleibt der Film dennoch, zumal Bertolucci gerade auf der formalen Ebene, und hier sei insbesondere die Photographie erwähnt, die verschiedenen Realitätsebenen meisterhaft miteiander vermengt. Und diskussionswürdig ist der Film allemal.

Vermeintlich tabuloses, inkonsequentes Lehrstück über Moral und Politik.


Wolfgang Huang