Absolute Giganten

Deutschland, 80min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Sebastian Schipper
B:Sebastian Schipper
D:Frank Giering,
Florian Lukas,
Antoine Monot Jr.,
Julia Hummer
L:IMDb
„Es müsste immer Musik da sein, bei allem, was du machst. Und wenn´s so richtig scheisse ist, ist wenigstens noch die Musik da.”
Inhalt
Erzählt wird von drei Hamburger Freunden, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten: der sinnierende Floyd (Frank Gierung), der großspurige und doch sensible Ricco (Florian Lukas) und der gutmütige Automechaniker Walter (Antoine Monot Jr.). In heruntergekommenen Plattenbauwohnungen aufgewachsen, haben sie Höhen und Tiefen einer Freundschaft durchgemacht, bis Floyd (Frank Gierung) die Bombe platzen lässt: Er sieht seine Zukunft nicht in Hamburg und möchte die Stadt am nächsten Morgen mit einem Containerschiff in Richtung Singapur verlassen. Von überwältigenden Gefühlen des Abschiedes und Tatendrangs der letzten Nacht hin- und hergerissen, sollen die letzten Stunden etwas ganz Besonderes bieten.
Kritik
Die richtig guten Werke der Filmgeschichte, und damit meine ich die wahren Perlen, die Schmuckstücke cineastischer Schaffenskunst, offenbaren ihre Qualitäten erst beim zweiten oder dritten Mal. Dann, wenn man das Gesamtwerk kennt, den Aufbau und das Konzept des Films zu schätzen weiß, genau beobachten kann, mit welcher Absicht bestimmte Szenen hintereinander folgen, die Entwicklung der Charaktere und ihr Schicksal von Anfang bis zum Ende unter dem großen Blickwinkel betrachten kann, erst dann zeigt sich die wahre Klasse eines Films.

So hat "Absolute Giganten" zwar beim ersten Sehen aufgrund seiner witzigen Einfälle (Kickerspiel), seiner so nahestehenden Charaktere und der melancholischen Stimmung mehr als nur gewöhnlichen Eindruck hinterlassen, zeigt aber eben erst bei mehrmaligem Ansehen seine wahren Stärken. Das intensive Band der Freundschaft, daß Ricco, Walter und Floyd verbindet, der Gegenpol in Person von Telsa (ebenso charismatisch: Julia Hummer), ihre gemeinsamen Erlebnisse und Floyd's Hiobsbotschaft, er wolle Hamburg verlassen. Die Charaktere sind so bemerkenswert glaubwürdig, so exzellent und dermaßen ausdrucksstark verkörpert durch Florian Lukas, Frank Gierung und Antoine Monot Jr. und mit so herrlichen Situationen gezeichnet. Wer hat sich nicht schon mal eine "Einmal Alles!"-Bestellung im Fast-Food Laden um die Ecke durch den Kopf gehen lassen ?

Einen großen, wenn nicht gar den größten Anteil an dem überaus emotionalen und subtilen Charakter des Films, trägt dabei der unglaublich gute, weil bis auf's letzte i-Tüpfelchen passende Filmscore von "The Notwist". Ihre teils poppig-modernen, teils simpel gestrickten, aber ungemein effektiven Melodien bauen die perfekte Verbindung der drei Filmcharaktere zum Zuschauer auf. In "Absolute Giganten" fallen nicht viele Worte; oftmals verweilt die Kamera einfach auf den aussdruckstarken Gesichtern der talentierten Hauptdarsteller und baut, eben untermalt von der Musik, ein stärkeres Mitgefühl zu seinen Charakteren auf, als es noch soviele Tränendrüsenmomente diverser Hollywood-Streifen provozieren könnten. Sebastian Schipper's Regietalent und Franke Griebe's Kameraführung wirken dabei schon fast beängstigend erfahren und abgeklärt. Seinen nächsten Film "Liebeslied" (Arbeitstitel) erwarte ich wohl am Spannendsten von allen.

Denn wenn das unvorstellbar starke, weil auch offene Ende eine Bildkomposition sondergleichen offenbart, dabei der wohltuende Song "If Only" von Sophia ertönt und die Platte zu springen beginnt, ist man, gerade beim zweiten und dritten Erlebniss des Films, intensiver berührt und mehr bewegt, als es 99% aller anderen Filme der Geschichte jemals ausgelöst haben. Floyd hin- und hergerissen zwischen Freundschaft und Selbstverwirklichung, blickend in die ungewisse Zukunft, läßt Gefühle aufkeimen, der nur ein Wort gerecht wird: gigantisch.

Subtiler, charakterstarker Film mit ungeahnter emotionaler Wucht


Thomas Schlömer