Sylvia

Großbritannien, 110min
R:Christine Jeffs
B:John Brownlow
D:Gwyneth Paltrow,
Daniel Craig,
Jared Harris,
Blythe Danner
L:IMDb
„Sterben ist eine Kunst.”
Inhalt
Cambridge 1956: Die amerikanische Studentin und angehende Lyrikerin Sylvia Plath (Gwyneth Paltrow) lernt Ted Hughes (Daniel Craig), gleichfalls Poet, an der Universität kennen und lieben. Bald heiratet das vermeintliche Traumpaar und zieht nach Amerika. Während Sylvias literarischer Durchbruch jedoch auf sich warten lässt, ist Ted bereits ein gefeierter Dichter. Zunehmend beginnt Sylvia unter dessen Erfolg zu leiden und entwickelt aus der Angst, Ted zu verlieren, Eifersuchtsgefühle, die die Beziehung einer immer stärkeren Belastung ausetzen.
Kurzkommentar
Nach „Flight Girls“ betreibt Gwyneth Paltrow Schadensbegrenzung und setzt auf kontrastierenden Anspruch. Dass dieser in der Rolle der amerikanischen Lyrikerin Sylvia Path (1932-1963) nicht eingelöst wird, liegt auch weniger an ihr. Das biographische Portrait von Regisseurin Christine Jeffs kommt über eine solide Bedienung sämtlicher literarischer und psychologischer Klischees nicht hinaus. Als konsequent depressives Drama bewegt es sich behäbig und steif auf die finale Tragödie zu, wobei die historischen Figuren teils fragwürdig zusammengestutzt werden. Wer Literatenstereotypen und satte Schwermut nicht scheut, wird dem gut besetzten Film dennoch etwas abgewinnen.
Kritik
Dichterbiographien sind heikel, weil Leben und Sterben der Dichter oder das, was uns davon erreicht, zuweilen selbst wie Drehbuchsinszenierungen wirkt. Mehr oder weniger absichtliche Selbststilisierung gehört hier zum dramatischen Programm, das Leben und Person gleichermaßen umfasst und den oder die Dichterin ja irgendwie praller und echter im Leben stehen lässt als die unpoetischen Zeitgenossen. Das macht die Viten von fiktionalen oder nichtfiktionalen Schriftstellern für den Film und seine melodramatischen Wirkmittel so interessant, wobei die Trennlinie zwischen Dichtung und Wahrheit ebenso schemenhaft verläuft wie im Leben der Personen es häufig selbst der Fall zu sein scheint. Sich bekannten und unbekannten Heroen der Literatur mit den Mitteln des Films zu nähern birgt wesentliche Risiken: Einerseits ruft eine überdehnte Psychologisierung des Innenlebens der Figur normalerweise umgehend Kritiker auf den Plan, andererseits kann der Film als bildliches Ausdrucksmittel der „schriftlichen“ Tiefe der Personen ohnehin nur schwer beikommen. Das kann dann schnell darin münden, dass gesellschaftliche Erwartungs- und Klischeemuster über „den“ Poeten mechanisch abgearbeitet und abgebildet werden.

„Sylvia“ ist so ein Fall biographistischer Verkürzung. Die tragische Titelheldin, die amerikanische Dichterin Sylvia Plath, dürfte allerdings nur Lyrikverliebten ein Begriff sein. Sie wurde nur 31 Jahre alt, nahm sich 1963 in England das Leben. Dennoch hinterließ sie ein recht umfangreiches Oeuvre, so alleine mehrere hundert Gedichte. Wie viele andere auch gelangte sie erst posthum zu Ruhm. Anders erging es ihrem Ehemann, dem englischen Lyriker Ted Hughes. Über die Liebe zwischen Plath und Hughes versucht sich Regisseurin Christine Jeffs in ihrem zweiten Film der Titelfigur zu nähern. Überraschend ist da von Beginn an vielleicht nur die Besetzung durch Gwyneth Paltrow. Nach ihrem peinlichen Stewardessenausrutscher „Flight Girls“ versucht sie mehr als nur auszubessern, haben Schriftstellerrollen doch den „Anspruch“ par excellence für sich reserviert. Und immerhin, dass „Sylvia“ nicht mehr als eine Durchschnittstragödie geworden ist, liegt nicht an ihr. Mit Paltrow und Daniel Craig als Hughes sind die Hauptrollen zweifellos gut besetzt. Dass nicht mehr möglich ist, liegt allein am behäbig ausgelatschten Drehbuch, das brav das ganze, für die Konstruktion des Bildes vom Poeten obligate Klischeeensemble hervorkramt und durchdekliniert.

Anfangs interessiert sich Jeffs weder für das geistige Klima von Cambridge, dem Ausgangsort, noch für den Funken der Liebe zwischen Plath und Hughes. Er scheint allein der hiesige Poetenkönig, sie die amerikanische Gaststudentin, die ihm ein kurzes wie plattes Kompliment über seine Lyrik macht und schon kann die Romanze beginnen. Man schmachtet sich gegenseitig mit Shakespeare als unverzichtbaren Mittler an und zitiert Chaucer für ein paar verdutzt dreinblickende Kühe, das alles untermalt vom gewohnt verbindlichen Pianotönen. So scheint das Schwärmen nicht mehr als eine manieriert literarische Attitüde. Hinzu kommt die Feststellung, dass wahre Gedichte so kraftvoll wie Bomben seien. Wie originell. Ohne dass die Figuren Substanz gewonnen hätten, schreitet Jeffs in der Beziehungswicklung schnell voran, worüber das Innenleben der Hauptprotagonisten, das Weites zugelassen hätte, mehr und mehr zum simplen, schwermütigen Eifersuchts- und Depressionsdrama zurechtgestutzt wird. Sicher ist es im Film ein Schweres, Person und Werk gleichermaßen zu Wort kommen zu lassen. Doch Jeffs gelingt diese Balance nie.

Vom Schaffen Paths ist nur in dekorierend eingestreuten Verszitaten oder dann die Rede, wenn die Lyrik von einem noch vermeintlich kleinen Kreis der Verehrer auf eine im Kern verängstigende Qualität zu reduzieren, um so eine allein biographische Deutung nahe zu legen. Werk und Person determinieren sich hier in jeder Einstellung. Paths gebrochen dunkle Psyche wird dabei in vergröbernden Eifersuchts- und Geltungsmustern erklärt. So scheint sie sich über und durch den Schatten ihres erfolgreichen lyrischen Ehemannes zu definieren, der ihr beim Kampf gegen die obligate kreative Blockade zur Seite steht. Langsam tritt damit das für den Schriftsteller oder sein Klischee unabdingbare Leiden an die Stelle des Liebens, das Jeffs unterkühlte Inszenierung auch nicht plausibel machte. Generell ist „Sylvia“ nicht reich an dem, was Dichtung ausmachen sollte: bemerkenswerte Momente. Gwyneth Paltrow hat sich mehr und mehr in die apathisch abweisende Selbstzweiflerin zu verkehren, deren psychotische Eifersuchtszenarien ihren Ehemann schließlich aus schierer Verzweifelung in eine tatsächliche Affäre zu treiben scheinen. Die schriftlichen Beweise dafür müssen klischeegemäß und schön drapiert direkt im Schreibtisch zugänglich sein, worüber es zum Bruch, schließlich aber auch zur momentanen Selbstbefreiung der Dichterin kommt.

Und diese braucht, so die Essenz, natürlich erst Schmerz und Wut als Katalysatoren zur Kunst, wobei unklar bleibt, ob die narzisstische Liebe zu sich selbst oder die zu Hughes der treibende Moment ist. Die inneren Konflikte deuten sich nur in einigen viel sagenden Blick zwischen Paltrow und Craig an, darüber hinaus ist „Sylvia“ viel zu behäbig und plakativ schwermütig, um wirklich zu bewegen. Das Ende ist dann ebenso typisierter Teil dessen, was die Vorstellung von einer konsequent literarischen Existenz als Klimax wohl verlangt, und zudem Einlösung des ersten, zynischen Satzes zu Beginn. Damit ist fragwürdig, ob „Sylvia“ als undifferenziertes, nie unter die Oberfläche greifendes Psychodrama der historischen Sylvia Path auch nur in Ansätzen gerecht wird. Christine Jeffs Film ist für seichte Abende unbedingt ungeeignet. Hier bedeutet Dichtung ästhetisierter Schmerz. Wer Unterhaltung sucht, sei also gewarnt. Und dennoch kann diese filmische Untergangsinszenierung trotz Längen dank der Darsteller und eines überwiegend dezenten Tons immerhin halbwegs interessieren; für die Hauptdarstellerin fraglos ein Fortschritt.

Gut besetztes Depressionskino ohne dramatische Höhepunkte


Flemming Schock