Wunder von Bern, Das

Deutschland, 117min
R:Sönke Wortmann
B:Sönke Wortmann, Rochus Hahn
D:Louis Klamroth,
Peter Lohmeyer,
Johanna Gastdorf,
Mirko Lang
L:IMDb
„Ihr müsst noch einmal fünfundvierzig Minuten brennen!”
Inhalt
Sommer 1954: In einer kleinen Bergarbeitersiedlung in Essen sieht der elfjährige Matthias Lubanski mit seiner Mutter und seinen Geschwistern voller Hoffnung und Sorge der Rückkehr seines Vaters aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft entgegen. Christa Lubanski hat sich und ihre Kinder unter großen Entbehrungen durch Krieg und Nachkriegsjahre gebracht. Längst hat der fußballbegeisterte Matthias in seinem Idol, dem Nationalspieler Helmut Rahn, einen Ersatzvater gefunden: Als Taschenträger vom "Boss" verdient sich Matthias ein paar Groschen dazu und Rahn bestätigt ihm, dass er nur gewinnen kann, wenn Matthias als ein Maskottchen bei den Spielen dabei ist. Das nimmt Matthias natürlich für bare Münze. In der Schweiz erwartet man zu gleicher Zeit das Aufeinandertreffen der besten Fußballmannschaften der Welt. Während Sepp Herberger und seine Elf zur WM fahren, steht in Essen die Familie Lubanski vor einer Zerreißprobe: Vater Richard bleibt nach seiner Rückkehr verschlossen und aggressiv. Als die deutsche Mannschaft überraschend ins Finale einzieht, will Matthias unbedingt nach Bern, um Rahn Glück zu bringen - doch Richard Lubanski hat für die Träume seines Sohnes kein Verständnis. Am 4. Juli 1954 muss sich alles entscheiden.
Kurzkommentar
Es ist ein Spiel, aber auf dem Feld der Ehre. Dass ein Film über den historischen Sieg der deutschen Fußballelf 1954 in Heldenmalerei enden würde, gehört zu den Spielregeln Sönke Wortmanns. Sein womöglich letzter Film ist keine differenzierte Bewusstseinsaufnahme des Nachkriegsdeutschlands, sondern dramaturgisch starres Rührseligkeitskino mit Tränenverpflichtung. „Das Wunder von Bern“ ist damit Teil einer nicht unproblematischen Erinnerungskultur, aber noch einmal Heulen und Jubeln wie damals, das leistet dieses familiäre Erbauungskino auf tragfähige Weise.
Kritik
Vor runden zehn Jahren war Sönke Wortmann mit dem „Bewegten Mann“ in aller Munde, von da an ging es mit dem Erfolg allerdings auch beharrlich bergab. „Das Superweib“ von 1996 sprach schon im Titel Bände, Wortmanns letzter Film, das ziemlich unerfreuliche Kiezportrait „St. Pauli Nacht“, bekam entschlossen die rote Karte. Der Unbeirrte kehrte Deutschland den Rücken, drehte in Amerika „The Hollywood Sign“ mit abgehalfterten Stars und geringem Budget. Der Streifen wartet hierzulande weiter darauf, einen Verleih zu finden. Vielleicht klappt es ja jetzt, wenn nicht nur mit dem Fußball alles vorbei ist: Wortmann hat angekündigt, keine Filme mehr drehen zu wollen. Ein Wunder? Mit dem „Wunder von Bern“ hat er sich wenigstens noch, wie er publicityträchtig verriet, seinen Kindheitstraum erfüllt. Und worum geht es in deutschen Träumen, vor einem halben Jahrhundert und jetzt: um elf Männer, das Rund und die Kiste.

Über nichts lässt sich seit 1954 die Nation besser vereinen als über dem Leder. Auf diesem Feld fällt niemand wirklich, darf auch der Stärkste weinen. Friedliche Siege in weißen Uniformen, das birgt integrative Kraft. Und tatsächlich hätte, wo nun auch die deutschen Frauen nicht mehr der „natürliche Feind des Fußballs“, sondern in diesem Sport selbst wer sind und nebenbei die Last mit dem Krieg die Deutschen selbstbewusst auch als Opfer erinnert, der Moment nicht besser sein können. „Das Wunder von Bern“ lädt alle ein, nicht nur die, die sich vielleicht noch selbst daran erinnern, wie Fritz Walter und Co. in einem legendären Endspiel das Selbstbewusstsein der zertrümmerten Nation wieder in Siegeslaune schossen. Generationen entsinnen sich des 3:2. Das war was, Deutschland ausgeblutet, aber endlich nicht nur eine Schlacht, sondern auf diesem Feld gleich den ganzen Krieg gewonnen.

Schön rührig, der Stoff, aus dem die Helden sind. Natürlich war dieses Tournier, das sich neun Jahre nach dem Jahrhundertkrieg dezidiert unpolitisch gab, ganz das Gegenteil. Aber komplexen Verwicklungen geht Wortmann aus dem Weg, seine Botschaft muss, wie jede Form des unverdächtigen Patriotismus, simpel sein, nur das Gefühl ansprechen, damit sie Zugkraft hat: Deutschland hat das Kriegsspiel verloren, jetzt ist der Sieg, der befreiende Schrei an der Reihe. Schön. Aber da Fußball so schrecklich filmuntauglich ist, muss die Wiederinszenierung des Berner Siegestaumels dramaturgisch notgedrungen mit einer Kriegsheimkehrergeschichte verknotet werden. Dass sich beide Handlungsstränge, die der Heldenelf und die des individuellen und doch stellvertretenden Familienschicksals, in der Figur des fußballvernarrten Heimkehrersohnes berühren, ist gut gedacht. Sie reizt Wortmann aber vor allem dazu, tief in die Kolorierungs- und Klischeekiste zu greifen.

Naturgemäß ist der Ruhrpott das schlammigste Grau, der Rest, die Fifties, die Schweiz, aber München schon ist in Postkartenkitsch und Bonbonfarben getaucht. In der Bayernmetropole schaltet der Plot zudem ein verzichtbares Sportreporterpärchen hinzu, das mit der Brechstange um Auflockerung bemüht ist. Immerhin beweist sich ein hoher Produktionsstandard und gern gefallen lässt man sich die stilecht an Heimatfilme erinnernden Bilder dann doch. Die Entwicklungen im Ruhrpott sind weniger erfreulich, das Familiendrama, die Psychose des armen Vaters, die Vater-Sohn-Konflikte, laufen in schematischen Bahnen, wo alle nur Opfer sind. Hier zeigt sich, dass das Wunder gar nicht tief dringen will. Die Schauspieler sind zwar allesamt tadellos, bleiben wegen der dramaturgischen Mittelklasse des Drehbuchs aber durchweg hölzern. Louis Klamroth hat möglichst herzensrein aus der Wäsche zu schauen, mehr nicht.

Aber das spielt kaum eine Rolle, zählt nach dem Schlusspfiff – jeder weiß es – sowieso nur der alles ausbügelnde, finale Jubel. „Das Wunder von Bern“ ist also nur eines: eine schon nicht unverdächtige, aber immerhin noch originelle Grundidee, die gradlinig die emotionale Teilnahme aus dem Zuschauer herauspressen will. Natürlich will er nicht nur ein Film über Fußball sein, will das Pathos der damaligen Zeit aufleben lassen, will von Idealen, Mut und Hoffnung erzählen. Das Wunder wird dann schlussendlich wirklich eines, wenn die Mär vom Endspiel zum Märchen mutiert und der Rahn mit kindlichem Segen das Rund versenkt. In diesen Momenten geht es einfach nicht ohne Tränen und darauf hat Wortmann seinen Film natürlich programmiert. Wir sind Teil der Mannschaft, das wird nicht erst in der Kabine klar. Zum Vorwurf reicht das nicht, denn letztlich wird mit diesem belanglosen, handwerklich sauberen Tränendrücker die Erwartung bedient. Hoch war sie ohnehin nicht.

Arglos tränenseliger Heldenkult mit schwacher Dramaturgie


Flemming Schock