Invasion der Barbaren, Die
(Invasions Barbares, Les)

Kanada / Frankreich, 99min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Denys Arcand
B:Denys Arcand
D:Rémy Girard,
Stéphane Rousseau,
Dorothée Berryman,
Louise Portal,
Dominique Michel
L:IMDb
„Ich will nichts weiter als kräftig gebumst werden, und Schluss. Sensibel und intelligent bin ich selbst”
Inhalt
17 Jahre sind vergangen seit Rémys Freundesclique – damals alle thirtysomething – im schmucken Landhaus am Memphremagog-See über den Untergang des amerikanischen Imperiums philosophierte. Jetzt ist Rémy Mitte fünfzig und seit vielen Jahren von Louise (Dorothée Berryman) getrennt. Sébastien (Stephane Rousseau), ihr gemeinsamer Sohn, zögert einen Moment, als seine Mutter ihn bittet, wegen des angeschlagenen Gesundheitszustandes seines Vaters aus seiner Wahlheimat London, wo er eine erfolgreiche Karriere als Börsenmakler betreibt, zurück nach Montréal zu kommen. Zuwenig hatten sich Rémy, der lebenslange Sozialist und Sébastien, der erfolgsverwöhnte Kapitalist, in den letzten Jahren zu sagen. Aber kaum angekommen, setzt der smarte Sébastien Himmel und Hölle in Bewegung. Er nutzt seine Kontakte und sein Geld, um seinen Vater zu unterstützen.
Kurzkommentar
Denys Arcands „Die Invasion der Barbaren“ gewann in Cannes den Preis für das beste Drehbuch und es leicht einzusehen wieso. Seine ambivalenten Charaktere sind lebhaft, die Dialoge äußerst würzig, die unterschwellige Polemik teilweise sehr subtil. Trotzdem er phasenweise Probleme hat, den Zynismus und Sarkasmus seiner Figuren mit sentimentaleren Momenten in Einklang zu bringen, zeichnet sich sein Film genau dadurch aus: er lädt in existenziellen wie politischen und religiösen Fragen zu nachhaltigen Diskussionen ein.
Kritik
Es ist eine Fortsetzung mit großem Abstand zum Original, die uns der frankokanadische Regisseur Denys Arcand mit „Die Invasion der Barbaren“ vorlegt. Vor 17 Jahren gelang ihm mit „Der Untergang des amerikanischen Imperiums“ der dringend benötigte Erfolg, sonst wäre er nach eigenen Worten „weg vom Fenster“ gewesen. Sein dialogstarkes Drama gewann seinerzeit den FIPRESCI-Preis in Cannes, wurde als „bester fremdsprachiger Film“ für den Oscar nominiert und heimste 9 kanadische Genie-Awards ein. Es ging dabei um eine Gruppe engagierter Idealisten, die sich über die zunehmende Verwahrlosung der westlichen Welt (insbesondere den USA) mokierte und deren Zerfall vorhersagte. Jetzt, zu einer Zeit, in der die Intellektuellen von damals selber vor dem „Zerfall“ stehen, will Arcand so etwas wie ein Fazit ziehen. Die Hauptfigur, der lüsterne Rémy, steht kurz vor seinem Tod; es ist klar, dass er nur noch wenige Woche zu leben hat.

So ist die Ausgangssituation zu Beginn von „Die Invasion der Barbaren“ und man könnte annehmen, dass Arcand seinen Figuren eine Läuterung abverlangt. Denn, Idealisten hin oder her, sie waren und sind allesamt libidinöse Lustmolche, die weder moralische noch gesundheitliche Bedenken hatten, sich jedem sexuell hinzugeben, Ehen zu brechen, Beziehungen zu zerstören oder auch ungewollte Kinder in die Welt zu setzen. Dabei pflegen sie – was das eigentlich verwerfliche ist – einen unverblümten Zynismus: sie feiern einerseits die Literatur, die Philosophie, allgemein ihre Intellektualität, regen sich über die Hektik, die Anonymität der Welt mit ihrem Medien-Hype, ihrem Konsumverhalten, ihrem Egoismus auf, zeigen selber aber kaum Anzeichen eines Besserungsverhaltens, noch nicht mal Moral. So nimmt Rémy die Angebote seines verhassten, kapitalistischen Sohnes dankend an, ihm durch Unsummen eine eigene Etage im Krankenhaus einrichten zu können und hat auch keine Probleme damit, der Tochter einer Freundin (indirekt) beim Kauf ihres Heroins behilflich zu sein. Im Gegenteil: sie genießen es sogar, gemeinsam zu fixen, auch wenn der Umstand mehr oder weniger „nur“ aus der Not geboren ist.

Diese Charakterisierung könnte Rémy nun derart unsympathisch machen, dass man sich allenfalls noch über seine sarkastischen Kommentare amüsieren könnte, aber Arcand malt nicht Schwarz-Weiß. Genauso wie er es vermeidet, die „Mit Geld kann man alles kaufen“-Einstellung des Sohnes als bloße Unmoral oder gar Korruption darzustellen (sogar zum Gegenangriff übergeht und ihn – trotzdem er „noch nie ein Buch gelesen hat“ – die einzige moralisch gefestigte Figur des Films sein lässt; ein Charakterzug, der auch in der Episode mit dem Kriminalkommissar wunderbar ausgearbeitet wurde), genauso unterbindet er eine einfache Läuterung des bisweilen sogar rassistischen Rémy. So gibt es immer wieder Momente, in denen Arcand innehält und Rémy konstatieren lässt: „Ich habe jede Sekunde in meinem Leben geliebt, aber ich bin nicht stolz darauf“. Einmal muss er sogar die bittere Erkenntnis zulassen, in seinem Leben rein gar nichts erreicht oder bewegt zu haben und man möchte ihm bedenkenlos zustimmen. Er war ein hedonistisches Arschloch, dass nur nach dem eigenen Vergnügen gelebt hat, nur hinter Frauen her war, aber keine höheren Ziele hatte, ein Universitätsprofessor, dessen Studenten bezahlt werden müssen, um ihm noch mal einen Besuch abzustatten, ein Ehemann, der seiner Frau die Treue geschworen, sich aber weitem nicht daran gehalten hat, und ein unsäglicher Zyniker, der es fertig brachte, in einem Satz den Islam, die katholische Kirchen und Mutter Theresa zu beleidigen.

Dass Arcand nun diese Person nimmt, ihm dank seiner Freunde sowie der Finanzkraft seines Sohnes den Tod ermöglicht, den er sich gewünscht hat (das Sommerhaus am See ist der geliebte Ort aus „Der Untergang…“), ist die eigentliche Botschaft des Films: im Angesicht des Todes erkennt man Sinnlosigkeiten ebenso wie vergangene Freuden (der Filmausschnitt), wird gegenseitige Liebe nicht dadurch zunichte gemacht, dass man sich im Leben auch häufig gegenseitig verletzt hat, ist Versöhnung immer noch möglich: mit der Frau, die immer noch zu ihm hält, mit dem Sohn, der sich zu ihm trotz allem verbunden fühlt, mit der Tochter, die genau das gemacht hat, was dem Vater damals zuwider lief, und nun zusammenfassend feststellt: „Ich bin glücklich, ich mache genau das, was ich mir immer gewünscht habe. Es ist ein Wunder, dass du aus uns diese glücklichen, selbst bestimmenden Kinder gemacht hast“.

So kann man Rémy einerseits den Tod „wünschen“, weil er in seiner Egozentrik genau das geworden ist, was er 17 Jahre zuvor noch an der westlichen Welt kritisiert hat, fühlt sich ihm andererseits aber auch stark verbunden: wenn er etwa einsehen muss, dass die von ihm damals propagierte Verstaatlichung der Krankenhäuser im Chaos geendet ist (die Gewerkschaftler sind sogar zum Abbild kleiner Mafiosi mutiert) oder dass sein Leben größtenteils frei von Sinn war und seine Sturheit jetzt kurz vor dem Tod eine große Leere produziert. Und doch lässt sich Arcand auch hier nicht nehmen, hinter dem oberflächlichen Sarkasmus einen sentimentalen Grundgedanken zu verstecken: Rémys Tod führt immerhin dazu, dass die heroinsüchtige Tochter mit ihrem Entzug beginnt, sich ihrer Mutter, der sie jahrelang aus dem Weg gegangen ist, erneut öffnet und in gewissem Sinne Rémys Ideale, seine Kultur (in Form der Literatur in seiner alten Wohnung), weiterlebt.

„Die Invasion der Barbaren“ gäbe noch wesentlich mehr Anlass zur Diskussion, denn Arcand begnügt sich nicht mit existenziellen Fragen, sondern stellt auch politische und religiöse. So ist der polemische Titel Synonym für die Zustandsbeschreibung der westlichen Welt, zumal Arcand in Interviews offen zugibt, dass er die Globalisierung der Welt durchaus kritisch sieht. So werden Grenzen seiner Meinung nach zwar immer unbedeutender werden in Zukunft, die Amerikaner werden das aber wohl eher so interpretieren, dass es amerikanische Staatsbürger auf der einen und nicht eingebürgerte Fremde auf der anderen Seite geben wird. Für sie seien alle anderen Nationen, seien es Franzosen, Bulgaren, Japaner oder sonstige Nationen, sowieso alles Barbaren. Aber auch die Rolle der Religion wird nicht bloß beiläufig beleuchtet wie etwa die Episode mit den Relikten der katholischen Kirche, die von Rémys Schwiegertochter beurteilt werden sollen, aufzeigt. Der Pastor ist hier einzig und allein an den materiellen Werten der Skulpturen und Jesus-Figuren interessiert, nicht jedoch an den geistigen. Und dass dann wiederum Rémy trotz der Fehde mit der gläubigen Krankenschwester in einer kitschigen Einstellung noch in den Himmel auffahren darf, zeigt die gesund-ambivalente, diskussionswürdige Grundhaltung des Films: ob die „Erlösung“ Rémys nun romantisch oder schlicht zynisch ist, das bleibt dem aufmerksamen Zuschauers überlassen.

Dichte, ebenso berührende wie diskussionswürdige Auseinandersetzung mit Leben und Tod


Thomas Schlömer