Elephant

USA, 81min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Gus Van Sant
B:Gus Van Sant
D:Alex Frost,
Eric Deulen,
John Robinson,
Elias McConnell,
Jordan Taylor
L:IMDb
„Heute werden wir sterben. Aber hab deinen Spaß.”
Inhalt
In Portland, Oregon, scheint an einer High School ein Tag wie jeder andere angebrochen. Aber er ist es nicht.
Kurzkommentar
Mit „Elephant“ ist Van Sant ein unangenehmer Film gelungen, einer der in der Vermittlung von Emotionslosigkeit und Gleichgültigkeit verstörender wirkt als die meisten anderen Filme zum Thema Gewalt und was einen Menschen dazu treiben kann. Weil er es auf subtile Weise versteht, seine Argumente in eine kongeniale filmische Form zu bringen, ist ihm ein beeindruckendes Werk gelungen.
Kritik
Gus van Sants „Elephant“ bietet keine Erklärungen für Schulmorde wie sie an der Columbine Highschool oder auch im deutschen Erfurt geschehen sind. Das wurde ihm seit dem überraschenden Gewinn der Goldenen Palme in Cannes wiederholt zum Vorwurf gemacht, oder oft auch – völlig gegensätzlich – als einer der Hauptpluspunkte formuliert. Vordergründig mag das soweit stimmen, denn Van Sant verweigert sich der konventionellen Täter-Perspektive, die ja automatisch versucht, das Handeln und damit die Motive der Mörder verständlich zu machen. Und für den Zuschauer ist eine solche Perspektive naturgemäß die bequemste, macht sie das Böse doch erklärbar und nimmt ihm so seinen Schrecken.

Dass „Elephant“ aber nachhaltig so verstörend wirkt, liegt weniger an seinem scheinbaren Verzicht auf einfache Erklärungsmuster, sondern vielmehr an seiner kühlen, gänzlich unemotionalen Atmosphäre. Diese und damit implizierte Aspekte wie Isolation, Einsamkeit, pädagogische Defizite, mangelnde Geborgenheit und Liebe, führt Van Sant doch recht deutlich als wahre Ursachen für eine Gewalteruption wie an der Columbine Highschool an. Indizien dafür birgt sein Film zu Hauf, wenn auch auf subtile Weise; überschattet werden sie leider von plakativen Erklärungsversuchen, die genaugenommen gar keine sind: die durchblinzelnde Homoerotik zwischen den beiden Tätern ist nur eine scheinbare, sie geschieht unwirklich und ist gänzlich bedeutungslos. „Ich habe noch nie geküsst“, sagt einer der beiden und fühlt sich wohl dazu verpflichtet, wenigstens das vor seinem Tode mal gemacht haben zu müssen. Da aber gerade niemand anders in der Nähe ist außer dem guten Kumpel, wird es eben schnell erledigt. Hier geht es Van Sant nur um die Gleichgültigkeit einer eigentlich zärtlichen Geste, eben einem Kuss, der – ganz egal ob zwischen Mann und Frau oder Mann und Mann – in vollkommener Bedeutungslosigkeit ausgetauscht wird. (Zumal Van Sant, selbst einer der bekanntesten Homosexuellen Hollywoods, hier wohl nichts ferner war als seine eigene Neigung zu pervertieren.)
Genauso wenig überzeugen die Vorwüfe, dass Van Sant weitere unnötig simplifizierende Erklärungen wie Faschismus, Computerspiele und Beethoven in seinen Film eingebaut hat. In ihrer fast karikativ-überzogenen Ansammlung (die Täter sind also sowohl hirnlose Computerkiddies, als auch perverse Homosexuelle als auch verkappte Nazis?) kommt vielmehr deren Bedeutungslosigkeit zum Vorschein. Er nutzt diese Elemente stattdessen, um feine Details deutlich zu machen: die Parallele Computerspiel/Realität zeigt abermals die Emotionslosigkeit, die den Tätern innewohnt. Zwischen Spiel und Wirklichkeit macht man keinen Unterschied, aber nicht, weil man glaubt, dass es in der Realität ein Heidenspaß sei, Menschen zu töten, sondern weil es in beiden Welten ganz einfach die gleiche Bedeutung hat, nämlich keine. Ganz abgesehen davon ist selbst das Computerspiel ein unechtes: die Figuren, die zum Abschuss freistehen, sind die aus Van Sants noch experimentelleren, letzten Produktion „Gerry“ und zudem übermäßig stilisiert: es gibt nur zwei verschiedene Gegner, diese stehen immer mit dem Rücken zur Kamera und sind sie tot, liegen sie in überaus bizarrer Weise auf dem Boden.
Bleibt noch die Nazi-Dokumentation, die einer der beiden Täter konsumiert als Sekunden später der Postbote die bestellten Waffen bringt: sie stellt ebenso wenig eine mögliche Ursache für die gesteigerte Gewaltbereitschaft der beiden Jugendlichen dar (einer der beiden erkennt Hitler noch nicht mal), ist vielmehr ein Kommentar über die Rolle der Medien als Agitator.

Die wahren Gründe sieht Van Sant ganz woanders, das machen schon die ersten Sekunden des Films klar als ein Auto durch eine verlassene Straße tuckert und nahelegt, dass der Fahrer betrunken sein muss. Es ist das Auto von Johns Vater, der ihn gerade zur Schule bringen möchte, aber stattdessen den Rückspiegel eines parkenden Fahrzeugs abrasiert (schon diese Metapher erweckt den Eindruck als ob Van Sant eingesteht, dass Zurückliegende nur unzureichend rekonstruieren zu können). In nur wenigen Szenen wird hier Johns Vater stellvertretend für die Erwachsenwelt als unreif und teilverantwortlich charakterisiert, wird hier sofort deutlich, dass in der heutigen Zeit die Jugend selbst auf sich aufpassen muss, dazu aber eben vielleicht noch nicht bereit ist. Das zeigt nicht zuletzt der unvermittelte Gefühlsausbruchs Johns, der, kurz nachdem er die Rückfahrt für seinen Vater organisiert hat, ganz leise in Tränen ausbricht, so als ob er mit dieser frühen Verantwortung noch nicht fertig wird. Er, der „erwachsenste“ unter den porträtierten Schülern ist es schließlich auch, der seine Mitmenschen vor dem sicheren Tode bewahrt als er sie vor den Tätern warnt.
Aber auch sonst kommen die Eltern (wie die Lehrer) in ihrer Rolle als Pädagogen schlecht weg, wie die Szene am Frühstückstisch zeigt: die Mutter eines der Täter bleibt wie so vieles in Van Sants Film im Unscharfen, ausgetauscht werden nur leb- und lieblose Worte über die Qualität der Pfannkuchen.

Dieses Versäumnis der Eltern, aber auch der Menschen an sich, mehr Liebe und Sorge zu zeigen, formuliert Van Sant als Hauptproblem für die Emotionslosigkeit, die die Welt der Schüler prägt. Mit Eiseskälte und vollkommener Regungslosigkeit beratschlagen die beiden Täter über ihren „großen Tag“, planen mit unaufgeregten Stimmen und Gesten. Bestellt wird unkommentiert im Internet, die Henkerskleidung wird übergestreift als bereite man sich auf eine Sportveranstaltung vor. Umgebracht wird anschließend jeder, der vor die Flinte gerät, es wird keine moralische Unterscheidung getroffen. Selbst die Schüler, die Eric hänseln und noch mit nassen Spucktüchern beworfen haben, werden nicht gezielt getötet. Van Sant geht es allein um mangelnde Emotion und Liebe. Er macht die Isolation der beiden, aber auch vieler anderer, immer wieder deutlich: Michelle, die eine gigantisch wirkende, leerstehende Turnhalle durchquert, die ewig langen Schulflure, die den Alltag aller Schüler darstellen, die unbewohnten Elternhäuser, die leerstehenden Straßen. Der wahre Horror ist in uns begründet.

Letzten Endes scheint sogar die Grenze zwischen Täter und Opfer zu verschwimmen. Der schwarze Footballer Benny wird kurz eingeführt, um dann sogleich erschossen zu werden, zeigt aber schon in den wenigen Sekunden zuvor eine erstaunliche Teilnahmslosigkeit an den Ereignisse. Anstatt zu fliehen schlurft er müde durch die Gänge, sein Ende fast herbeisehnend. Gleichgültigkeit ist auf beiden Seiten die wenig treibende Kraft, es spielt nahezu keine Rolle, auf welcher Seite man steht, ob man Täter oder Opfer ist. Eric tötet Alex ebenso kalt wie die restlichen Schüler, Unterscheidungen gibt es nicht, auch keine Freundschaft. Man tötet aus Langeweile, in der Hoffnung, etwas Spaß zu haben, vielleicht endlich mal überhaupt etwas zu fühlen. Selbst das „Have Fun“ wirkt euphemistisch. Alles wozu es letzten Endes reicht, ist das bißchen Sadismus, das die letzten Zeilen des Films vermitteln: Eric reimt amateurhaft vor sich hin und genießt diesen minimalen Anflug von Überlegenheit. Für mehr Freude reicht es nicht.

Argumentativ wie filmisch kluger Kommentar zum Gewaltdiskurs


Thomas Schlömer