Station Agent, The

USA, 88min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Thomas McCarthy
B:Thomas McCarthy
D:Peter Dinklage,
Bobby Cannavale,
Patricia Clarkson
L:IMDb
„It's funny how people see me and treat me, since I'm really just a simple, boring person.”
Inhalt
Sein einziger Freund hinterlässt dem zwergwüchsigen Fin (Peter Dinklage) ein altes Bahnwärterhäuschen in Newfoundland, New Jersey. Ohne mit der Wimper zu zucken gibt der 1m30-Mann sein bisheriges Leben auf. Überrascht muss er feststellen, dass sein abgeschiedenes Dasein von zwei anderen Individuen aufgebrochen wird, die sich nichts sehnlicher wünschen, als mit ihm in Kontakt zu treten: Joe, der nicht weit vom Bahnwärterhäuschen mit Leib und Seele und kubanischer Herzlichkeit einen Imbiss betreibt; und Olivia, deren Bekanntschaft er macht, als sie ihn beinahe mit ihrem Wagen überfährt. Finbar würde beiden am liebsten komplett aus dem Weg gehen, doch Zähigkeit und Zufälle bringen die Drei immer wieder auf ein Gleis.
Kurzkommentar
In Sachen Qualität hat das Sundance-Filmfestival den Oscars schon längst den Rang abgelaufen. „The Station Agent“ war einer der Gewinner des letzten Jahres. Mit viel Phantasie gelingt Regiedebütant Thomas McCarthy ein humorvoll melancholisches Drama über das Schicksal eines Zwergwüchsigen, der auszog, um ein Eisenbahndepot zu beziehen und am Ende wider Erwarten Freunde findet. Ein märchenhaft gestimmter, leiser und nachdenklich machender Film über Stillstand und Unterwegssein von Außenseitern verschiedenster Färbung, die gemeinsam Größe zeigen.
Kritik
Natürlich gibt es sie noch, die kleinen großen amerikanischen Filme. „Lost in Translation“ mag das letzte Beispiel gewesen sein. Jenseits des aufgeblähten Lärmschlägerkinos, das als kontinuierlicher Computereffekt immer lebloser wird, zeigt „The Station Agent“ im zweifachen Sinne das andere Amerika. Zum einen, weil der Independent-Film auf ganz unprätentiöse Weise wieder die Lust am Fabulieren entdeckt und aus der „Not“ des kleinen Budgets ganz hervorragend eine Tugend macht: So bleiben die Computergrafiker im „handgemachten“ „The Station Agent“ dankenswerterweise völlig arbeitslos. Und dennoch gelingt der genau beobachtenden Erzählung die Kreierung einer selbstverständlich entrückten Atmosphäre, die in vielerlei Fällen eben nur noch aus dem Digitalen möglich scheint. Zum anderen zeigt das Wo des Films – für amerikanische Autorenfilme gleichwohl ein Stück obligatorisch – das andere, glanzlose, im Herzen einsame Amerika, in diesen Fall ein verlassenes Kuhdorf irgendwo in New Jersey.

„The Station Agent“, Debütfilm von Thomas McCarthy, der auch das Drehbuch schrieb, war der große Gewinner beim Sundance-Filmfestival des letzten Jahres. Zu Recht, wenn auch McCarthy die wunderbar leichtgängige Geschichte von Vereinsamung und Freundschaft, über die sonst womöglich sehr unmotiviert gewesen wäre, durch einen „Kunstgriff“ der Wahrnehmung unbedingt interessant macht: Im Mittelpunkt steht das „außergewöhnliche“ Schicksal des Zwergwüchsigen Finbar McBride (gespielt von Peter Dinklage), dessen Wunsch scheinbar in Richtung bloßer Gewöhnlichkeit geht. Aber obwohl „The Station Agent“ natürlich Kapital aus der Zwergwüchsigkeit des Hauptdarstellers insofern schlägt, als die Ebene des Zuschauers gleichlaufend mit der des „normalwüchsigen“ Personals des Films ist, verwurstet McCarthy die „symbolische“ Größe von Dinklage glücklicherweise nicht zu einem moralinsauren Außenseiterdrama.

Die letztlich zwangsläufig vermittelte Kritik an Minderheitendiskriminierung und blödem Staunen ist vielmehr nur eine Dimension der Verlassenheit, die McCarthy in die Isolation des Ortes einbettet. Bei diesem Stillstand wollen die „Weichen“ gestellt sein, weswegen „The Station Agent“ seine Erzählung über die große Bewegungsmetapher Eisenbahn entwickelt. Hier bündeln sich Kernmomente des Fernwehs mit der gleichzeitigen Sehnsucht nach Ankunft, eine märchen- wie rätselhafte Faszination und technische Nostalgie. Fin liebt Züge, keine Menschen. Stimmungsvoll besonders gelungen wirkt deswegen der Ausgangspunkt in einem Modelleisenbahnladen, den Fin schweigsam zusammen mit seinem Partner betreibt. In der wortkargen Eröffnung zeigt sich schon ganz der liebevoll-verschrobene Charakter des Streifens und seines Sammelsuriums skurriler Typen. Auch kommen schwarzhumorige wie lakonische Szenen nicht zu kurz, denn alsbald war Fins Partner, war nicht mehr als ein „guter Mann“.

Passenderweise kommt damit Bewegung in das Leben von Fin, der sehr bewusst mehr als Typenskizze denn als individuell entworfen ist. So selbstverständlich wie unerklärt wechselt er in ein geerbtes, verlorenes Bahndepot, wo sonst nichts ist – außer einem Würstchenwagen samt Exilitaliener auf einsamer, weiter Flur. Schon durch diese schwer entrückte, visuelle Fabulierlust gelingt Regisseur McCarty eine entspannt märchenhafte Atmosphäre. In ihr entwickelt er über die relativ kurze Laufzeit der außergewöhnlichen Charakterstudie die Kernthemen von Vereinsamung und Trost der Freundschaft. Hier, am Ende der Welt - oder wenigstens dem von Amerika – stockt Regisseur McCarthy das Personal des Streifens um drei, aber eigentlich nur um zwei Charaktere auf, die unterschiedlicher nicht sein könnten: den redseligen Italiener Joe samt seines mobilen Wurstkioskes und die vertrottelte Malerin Olivia samt Scheidungskrise.

Und umgehend wird deutlich, ohne dass es zur Sprache gebracht würde, dass Fin mit ihnen die Einsamkeit teilt. In einem angenehm gleichförmigen Rhythmus entwickelt McCarthy die Dreierfreundschaft samt eines sehr genauen Blicks auf die Eigenarten der Protagonisten. „The Station Agent“ gelingt das trotz oder womöglich gerade weil er mit äußert knappen Dialogen arbeitet und auf einen großen Spannungsbogen verzichtet und die Gottverlassenheit des Ortes alsbald mit der entstehenden Menschlichkeit in Kontrast gerät. Sehnsüchte, Ängste und Hoffnungen der Figuren, die weiterhin eher typisierend als individualisierend gezeichnet werden, vermitteln sich wirksam im Unausgesprochenen. Fin ist so bei weitem nicht der einzige, der sich als Mensch wortkarg in seine Hülle zurückgezogen hat. Joe redet zwar am laufenden Band, doch herrscht zwischen den Dreien – und das ist wohl einer der wesentlichen Züge der Freundschaft – in wesentlichen Momenten schweigsame Übereinkunft.

Jenseits der Vermittlung der wertkonservativen Freundschaftsidee, die ein füreinander Einstehen bedeutet, bewahrt „The Station Agent“ das „Geheimnis“ des einzelnen Charakters und verweigert sich geschickt klaren, einfachen Antworten auf die Frage nach der probaten Meisterung des Schicksals. Das wird auch gerade im unerwarteten Ende deutlich. Und mittendrin wirkt die Eisenbahn als ständiges Symbol der Hoffnung, dass ein Ankommen in einem unbestimmten Anderswo möglich sein wird. Fins Diskriminierung wird hier nicht bagatellisiert, aber in einen anderen Kontext gerückt. Ingesamt gelingt Thomas McCarthy eine märchenhaft simple wie sicher inszenierte Mischung aus Charakterstudie und Fabel mit melancholisch-schönem Anstrich.

Märchenhaft ungewöhnliches Charakterdrama mit guter Besetzung


Flemming Schock