Große Rennen von Belleville, Das
(Triplettes de Belleville, Les)

Frankreich, 78min
R:Sylvain Chomet
B:Sylvain Chomet
L:IMDb
Inhalt
Champion ist ein aufgeweckter kleiner Junge, der als Waisenjunge von seiner Großmutter Souza großgezogen wird. Nichts macht das Kind glücklicher als das Geschenk eines Fahrrads. Sofort beginnt Champion mit einem harten Training. Liebevoll, aber ehrgeizig unterstützt Madame Souza ihren Enkel, der mittlerweile herangewachsen ist, als er sich dem Ziel seiner Träume nähert. Als Radrennfahrer will er an dem berühmtesten Rennen der Welt teilnehmen: der Tour de France. Tatsächlich startet er, muss aber bald feststellen, dass ihm die anderen Fahrer weit überlegen sind. Als er erschöpft aufgibt und in den Wagen für die Verletzten steigt, bemerkt er, dass er soeben entführt wurde. Madame Souza macht sich zusammen mit dem treuen Hund Bruno auf, Champion zu befreien.
Kurzkommentar
Da gelingt es einem europäischen Regisseur endlich, genügend Gelder für einen eher unkonventionellen Animationslangfilm auftreiben zu können, da verschenkt der Franzose Sylvain Chomet die große Chance, ein echtes Highlight zu produzieren. Visuell gelingt ihm und seinem Background-Artist zwar ein höchst schmackhafter Trickfilmgenuss, inhaltlich hat Chomet jedoch kaum Erwähnenswertes zu bieten. Die vorzüglichen Karikaturen etlicher Stereotypen bleiben somit ohne jedwede, emotionale Resonanz.
Kritik
Bislang war es im Animationsgenre ja so: kinderfreundliche Unterhaltung kam aus den USA (Disney, Pixar, Dreamworks), anspruchsvollere, ernste Beiträge aus Südkorea und Japan (Tin House, Studio Ghibli). Viele Länder Europas tun sich indes reichlich schwer, genügend Gelder für Animations-Langfilme aufzutreiben und so sind die meisten Trickfilme aus Europa denn auch kurzer Natur – zumindest die ambitionierten. Denn was aus Frankreich und Deutschland kommt, ist entweder altbekannt (Asterix- oder Werner-Verfilmungen) oder zum Kassenflop verdammt (Till Eulenspiegel). Nur Munich Animation mit „Hilfe, ich bin ein Fisch“ und Cartoon Film mit „Der kleine Eisbär“ konnten respektable Erfolge vermelden, ansonsten steht es um die deutsche Trickfilmbranche – insbesondere nach dem massiven Geldverlust durch „Eulenspiegel“ (ebenfalls Munich Animation) – gar nicht gut. Und wenn demnächst der erste komplett computergenerierte Langfilm aus Deutschland in die Kinos kommt („Back to Gaya“ von Ambient Entertainment aus Hannover), wird sich für die nächsten Jahre wohl endgültig entscheiden, ob die heimische Trickfilmbranche vollends in der Bedeutungslosigkeit verschwinden wird.

Zumindest für unser Nachbarland besteht aber noch Hoffnung, denn dem Franzosen Sylvain Chomet ist es mit „Les Triplettes de Belleville“ nun gelungen, genügend Geld für einen eher unkonventionellen Animationsfilm aufzutreiben und diesen auch nach eigenen Wünschen zu Ende stellen zu können. Zusammen mit seinem Background-Artist Evgeni Tomov schuf er – zumindest visuell – ein wahrhaft schmackhaftes Animationserlebnis voller detailreicher Hintergründe und überspitzter Charakterisierungen. Wie schon in seinem Festivalerfolg „La vieille dame et les pigeons“ legt er das Hauptaugenmerk dabei auf die karikative Erscheinung seiner Figuren: der Charakter einer Person schlägt sich immer in dessen Physiognomie nieder. Einem Kellner ist seine Unterwürfigkeit ins Rückgrat geschrieben, die französische Mafia kommt im handlichen, (anonymisierten) Quaderformat daher, die Radrennfahrer sind bis auf ihre ausgeprägten Waden spindeldürr und alle Amerikaner so was von fett, dass selbst die Freiheitsstatue dieser Erscheinung angepasst wurde. Selbst vor so manchem Gefährt macht Chomet mit seinen Karikaturen nicht halt: der Dampfer von Frankreich nach Amerika wird ebenso verdreht dargestellt wie die Limousinen der französischen Mafia, die an die gute alte „Ente“ von Citroën erinnern. In der überspitzten Bebilderung dieser Klischees ist Chomet und sein Team teilweise rasend gut und auch so manch derber Gag transportiert sich prächtig angesichts der Tatsache, dass hier fortlaufend mit stummen Humor gearbeitet wird (was nicht zuletzt eine Referenz an den „französichen Chaplin“ Jacques Tati ist).

Enttäuschenderweise interessiert sich Chomet aber für kaum mehr als das groteske Erscheinungsbild seiner Figuren. Was als niedliche Großmutter-Enkel Geschichte beginnt und ein sanftes Herz zu haben scheint, wird im Laufe des Films leider immer teilnahmsloser. Ist man zunächst noch einigermaßen berührt, als die aufopferungsvolle Madame Souza feststellen muss, dass ihr Enkel entführt wurde, macht sich hier mehr und mehr Schulterzucken breit. So liebenswert und rund die Augen der alten Dame auch sein mögen, Chomet gönnt ihnen keine Einstellung, in denen mal so etwas wie Traurig- oder Hoffnungslosigkeit deutlich wird. Bezeichnenderweise endet die Geschichte dann auch mit einer völlig unnötigen Actionsequenz, statt sich auf die Figuren und ihre Empfindungen zu konzentrieren. So etwas wie (Wiedersehens-)Freude scheint es zwischen Souza und ihrem Enkel nicht zu geben.

Vermutlich hätte aber auch ein leicht emotionaler Moment nicht richtig funktioniert, denn Souzas Enkel bleibt – hart formuliert – ein undankbares Monster, dass die Liebe seiner Großmutter in keiner Sekunde zu erwidern oder wenigstens anzuerkennen scheint. Das ist furchtbar schade, denn sowohl die Figuren als auch der visuelle Stil hätten wunderbar mit einer etwas emotionaleren Geschichte funktionieren können. So aber bleiben sinnbildliche Szenen wie die mit einem Tretboot über den atlantischen Ozean schippernde Madame Souza ohne Resonanz.

Grotesk-verspielter Animationsfilm ohne emotionalen Kern


Thomas Schlömer