Rosenstraße

Deutschland, 135min
R:Margarethe von Trotta
B:Pamela Katz, Margarethe von Trotta
D:Katja Riemann,
Maria Schrader,
Jürgen Vogel,
Martin Feifel
L:IMDb
„Ach bitte, gehen Sie jetzt - die Vergangenheit kann sehr anstrengend sein”
Inhalt
Die New Yorkerin Ruth Weinstein (Jutta Lampe) hat soeben ihren Ehemann beerdigt. In ihrem Schmerz besinnt sie sich auf ihre jüdisch-orthodoxe Religion und ordnet für die ganze Familie 30 Tage Trauer an. Überdies lehnt sie die Heirat ihrer Tochter Hannah (Maria Schrader) mit dem Südamerikaner Luis (Fedja van Huêt) ab. Das stößt bei Hannah auf völliges Unverständnis. Um den Grund für das Verhalten ihrer Mutter, die nie über ihre Vergangenheit ein Wort verloren hat, herauszubekommen, begibt sich Hannah auf Spurensuche nach Berlin. Dort setzt sie sich mit der 90-jährigen Lena Fischer (Doris Schade) in Verbindung, die endlich die Mauer des Schweigens bricht. Als junge Frau hatte Lena Fischer (Katja Riemann) die kleine Ruth in der Berliner Rosenstraße angetroffen. Dort versammelten sich im Jahre 1943 Hunderte von Frauen, um gegen den Abtransport ihrer jüdischen Männer, die dort in dem zum Gefängnis umfunktionierten jüdischen Versorgungsamt festgehalten wurden, zu demonstrieren. Lena sucht hier nach ihrem Mann Fabian (Martin Feifel) und Ruth nach ihrer Mutter.
Kurzkommentar
Nach Katja Riemanns überraschendem Festivaltriumph in Venedig ist Margarethe von Trottas „Rosenstraße“ in aller Munde. Der Kern der Geschichte ist bemerkenswert genug. So ist es das Verdienst des Dramas, ein helles Kapitel von weiblicher Zivilcourage und Widerstandswillen im „Dritten Reich“ in Erinnerung zu rufen. Die dramaturgische Umsetzung ist allerdings frustrierend und wird den Film kein Publikum finden lassen. „Rosenstraße“ ist erzählerisch unbeholfen, einfallslos und vor Klischees des Genres strotzend. Was bleibt, ist schauspielerisch passables, sonst unambitioniert wirkendes Betroffenheitskino auf Fernsehniveau.
Kritik
Das mit dem Geschichtsmanagement ist so eine Sache. In der amtlichen Erinnerungskultur wurde und wird Hitlers „tausendjähriges Reich“ aus unbezweifelbaren Gründen in Deutschland fast ausschließlich in Begriffen von Last und Verantwortung wahrgenommen. Hier stellte sich die Frage nicht nur der gemeinsamen, sondern auch der individuellen Schuld des Einzelnen an der Stabilisierung des Regimes. Das viele sich hier schlichtweg ducken wollten und auch die Augen vor der grauenhaften Nazimaschine verschlossen, ist mittlerweile überdeutlich. Doch rechtzeitiger Widerstand, organisierte Auflehnung, ziviles Ungehorsam, könnte man einwenden, sei aufgrund der Terrormechanismen und des perfekten Überwachungsstaats ohnehin nicht möglich gewesen. Damit wäre das Gewissen beruhigt. Sich an Szenen des Widerstands zu erinnern, hätte da so gar nicht in den Rahmen gepasst.

Aber im Rückblick auf den Zweiten Weltkrieg und die deutsche Gesellschaft hat sich in den letzten Jahren eine Trendwende vollzogen. Ohne die eigene Rechenschaft zu vernachlässigen, ist die Erinnerungsarbeit heute bereit, sich nicht nur in der Rolle des Täters, sondern auch in der des Opfers wahrzunehmen. Angestoßen wurde dies zum einen durch die Novelle „Im Krebsgang“ von Günther Grass. Sie brachte die versunkene Geschichte des von den Russen torpedierten Passagierdampfers „Wilhelm Gustloff“ an die Oberfläche - ein Kapitel, über das lange geschwiegen werden musste, weil es zeigt, dass Kriegsverbrechen keine exklusiv deutsche Frage waren. Trotzdem ist die Darstellung in Russland bis heute eine andere. Dass auch die Weste der Amerikaner nicht lupenrein blieb, hat dann der Berliner Autor Jörg Friedrich in seinem schlicht betitelten Buch „Brand“, einer Dokumentation über den hunderttausende Zivilopfer fordernden Luftkrieg der Alliierten über Deutschland, im letzten Jahr Aufsehen erregend belegt.

Eine Änderung zeichnet sich auch in der Wahrnehmung des Widerstands im „Dritten Reich“ ab. Der klassische Fall wird da besonders betont: zum sechzigjährigem Jahrestag des Stauffenbergattentats im kommenden Jahr ist Etliches und sogar eine aufwendige Fernsehproduktion geplant. Aber auch die kleinen, zivilen Heldenfälle der damaligen Zeit – Dokument für das, was im vielleicht im Großen möglich gewesen wäre - rücken nun in den Vordergrund. So dürfte vom weiblichen Heroismus in der Berliner Rosenstraße im Jahre 1943 bisher kaum jemand gehört haben. Vor knapp zehn Jahren wurde der Stoff für eine Fernsehproduktion entdeckt. Fast so lange ist es auch her, dass Margarethe von Trotta, die Regisseurin der „Rosenstraße“, ihren letzten Film für das Kino drehte. Bei der Abbildung des historischen Stoffes gibt sie sich zeitgemäß, denn natürlich basiert, um sozusagen in Autorität der Erzählung zu untermauern, wieder einmal alles auf einer „wahren Geschichte“. Es scheint, als würde das Kino seinen eigenen Fiktionen nicht mehr trauen.

So habe alles tatsächlich so in jenen Tagen stattgefunden. Natürlich ist der Wirkabsicht des Kinos die „historische Wirklichkeit“ viel zu banal und muss dramaturgisch entsprechend aufgeblasen werden. Wenn der Regisseur sich allerdings so viel Freiheit gegenüber der Geschichte herausnimmt, dass sie geklittert und verzerrt wird, dann sollte das kenntlich gemacht werden. Hier hat Trotta, deren Film moralisch so anerkennenswert ist, ein deutliches Problem. Wolfgang Benz, Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung in Berlin, greift die „Rosenstraße“ in dieser Hinsicht auf breiter Front an. Aber die historische Unanfechtbarkeit wird den Besucher vielleicht weniger angehen als die moralische Botschaft. Den hartnäckigen, passiven Widerstand Berliner Frauen gegenüber der Festsetzung ihrer jüdischen Ehemänner (filmisch) in Erinnerung zu rufen und damit einer ausgenommen lichten Passage ein Denkmal zu setzen, ist erst einmal sehr verdienstvoll.

Daran ändert die Umsetzung auch wenig, die allerdings überhaupt nicht begeistern kann, auch wenn die ausländische Presse im Rahmen der Filmfestspiele von Venedig das anders sah. Margarethe von Trotta komponiert die Ereignisse zu einem larmoyanten Drama um, das den historischen Kern in altbekannten Weltkriegsschablonen und Genreklischees versinken lässt. Das macht „Rosenstraße“ auf ernüchternde Weise zu einem „deutschen“ Film. Der Stoff an sich hätte genug hergegeben, es ist überflüssig und im Falle des Films völlig manieriert, zwei Handlungsebenen, die der Gegenwart und die Vergangenheit des „Dritten Reichs“, miteinander zu verweben. Das wiegt hier umso schwerer, weil sich die Zeitebenen dramaturgisch behindern und nicht wirkungsvoll ergänzen. Schon die Eröffnung der „Rosenstraße“ in einem doch stark nach Studio aussehenden New Yorker Appartment ist zäh, wirr, die Gestik der Anwesenden hölzern, die Atmosphäre unerklärt, in den mageren Dialogen inhaltslos, die Schnitte ärgerlich. Und ja, irgendwie spielt auch die jüdische Identität eine Rolle.

Das apathische Verhalten der Mutter bleibt gerade auch im Nachhinein völlig unverständlich, wäre es doch nur nahe liegend gewesen, mit der eigenen Tochter über den in der Kindheit erlebten Verlust der Mutter zu sprechen. Stattdessen bleibt die Mutter eher Staffage und Filmtochter Maria Schrader macht sich wegen erhoffter Antworten auf nach Berlin. Hätte sich „Rosenstraße“ diesen reizlosen Handlungsstrang gespart, der Film wäre dramatisch wesentlich dichter und zusammenhängender geworden. Die Szenen, auf die man dann eigentlich wartet, die Rückblenden in das Berlin von 1943, schieben sich unvermittelt ein. Ihre Handlungsträger werden von der Parallelebene aus nur notdürftig mit Profil versehen und so kommt man gleich zum großen Katalysator: Katja Riemann als Lena will ihren Mann zurück. Dabei stolpert sie über befürchtete Klischees, was schon beim Namen beginnt. So muss sie als Baronin aus „altem deutschen Adelsgeschlecht“ natürlich wie ein mittelhochdeutscher Dichter heißen.

Das reiht sich dann munter so weiter: der Vater ist der stramme, wortkarg mörderisch dreinblickende Militär, der lebenslustige, ideologiefreie Bruder hat nach Stalingrad ein Bein weniger, aber dafür ein Eisernes Kreuz mehr, der Rest der Uniformierten brüllt gewohnt barbarische Phrasen und die internierten Juden spielen Schach. Mit Dialogen, die zu wünschen übrig lassen, bringt sich das Geschehen auf beiden Handlungsebenen schleppend vorwärts, wobei gerade letztere eher Stillstand als Fortschritt in der Figurenzeichnung und in ihrer Beziehung bringt. Maria Schrader bleibt erschreckend blass. Andernorts schlägt sich Katja Riemann als energische Einzelkämpferin gegen das Regime zwar wacker, muss doch aber, wie das übrige Ensemble auch, mit dem bescheiden, was das Script hergibt. Und das ist wenig. Die der Rolle abverlangten leisen Tonlagen gewähren ihre zwar einige großen Momente. Dramatische Innerlichkeit oder psychologische Schärfe sucht man vergebens. Was in diesem Klischeetheater dominiert, ist die typische Betroffenheitsszenerie.

Derartige Gefühls- und Handlungsrequisite zeigt nur, wie schematisch Trotta den Stoff herunterspult. Dieser dürfte endgültig dann auch für den historisch nicht Versierten ins Lächerliche kippen, sobald Anna, die für die Rettung ihres Mannes alles bereit zu tun ist, mit Joseph Goebbels, seines Zeichens Reichsminister für Propaganda himself, zusammentrifft. Dass diese gestelzte Szene aus theatralischen Gründen völlig frei erfunden ist und ganz nebenbei die Geschichte erheblich verfälscht, ist spätestens dann offenkundig, wenn Martin Wuttke als Goebbels in unfreiwilliger Parodie seiner Figur mit leicht anzüglichen Blicken ein Toast auf die Schönheit der deutschen Frau ausbringt. So hat „Rosenstraße“ zwar einen bemerkenswerten Stoff, der den Film irgendwo noch sehenswert macht. Daran zu erinnern, dass es Funken des Widerstandes im Unrechtstaat gab, ist immer wertvoll. Das gilt für das dramaturgisch so hölzerne Gerüst der „Rosenstraße“ sicher nicht.

Beispielhaftes Geschichtskapitel als Einbahnstraße ins Klischee


Flemming Schock