Big Fish - der Zauber, der ein Leben zur Legende macht
(Big Fish)

USA, 125min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Tim Burton
B:Daniel Wallace,John August
D:Ewan McGregor,
Albert Finney,
Billy Crudup,
Jessica Lange,
Helena Bonham Carter
L:IMDb
„Wir waren wie Fremde, die einander sehr gut kannten.”
Inhalt
William Bloom (Billy Crudup) versucht mehr über seinen im Sterben liegenden Vater Edward (Albert Finney) zu erfahren, indem er Stück für Stück all die vielen unglaublichen Geschichten und Legenden zusammenfügt, die dieser über die Jahre hinweg über sich erzählt hat. Ausgehend von den wenigen Fakten, die er über seinen Vater in jungen Jahren (Ewan McGregor) weiß, wird William klar, dass dieser immer in seiner eigenen Welt gelebt haben muss, wo die Grenzen zwischen Wahrheit und Lüge fließend sind, einer Fantasiewelt, in der Edward immer ein "Big Fish" ist.
Kurzkommentar
Einer der exzentrischsten Köpfe Hollywoods legt nach seiner Enttäuschung mit „Planet der Affen“ eine fantastische Parabel über Dichtung und Wahrheit vor. Tim Burtons „Big Fish“ ist ein kräftig bunter Fantasiefilm über ein geträumtes Leben und ein weiterer Traum darüber, dass das Leben wieder mehr Vorstellungen bergen sollte. Trotz einer nicht restlos geglückten Rahmenhandlung, auf der das Muster Vernunft-Träumerei abgehandelt wird, und einiger Spannungsschlappen im Märchenstrang ist „Big Fish“ hin und wieder Kitsch, insgesamt aber berührende Phantasie.
Kritik
Im Kino ist die Lust am Fabulieren zurückgekehrt, oder anders: die Entzauberung der Welt wurde rückgängig gemacht. Dass Tim Burton sich als einer der größten visuellen Fantasten hier einreiht, überrascht natürlich nicht. Aber er musste aufgerüttelt werden, und zwar mit einem kleinen, fabelhaften Film aus Frankreich, der irgendeine Sehnsucht des Publikums traf: in „Amélie“ durfte das erwachsene Gemüt nach langer Durststrecke, wenn es wollte, durch überbordende Bilder wieder über das Märchenhafte im Leben stauen, sich endlich schamlos wundern, auch darüber, wie Regisseur Jean Pierre Jeunet Realität und Träumerei unwiderstehlich überblendete, was niemanden mehr nach einer Grenze fragen ließ. Das größte Plus von „Amélie“ war sicherlich, dass die surreale Bilderflut dem inneren, „wirklichen“ Gefühlskern der Fabel den stimmigen bildlichen Ausdruck gab.

Gerade diese Qualität ließ Tim Burton in seinen letzten Filmen doch vermissen. Als visueller Stylist des Kinos hat er dem neueren Film eine der charakteristischsten Handschriften verliehen („Edward mit den Scheerenhänden“, „Batman“); sie ist bizarr, unwirklich enthoben, teils dunkel wie im Grimmschen Märchen ("Sleepy Hollow"), von barocker Ausstattungslust oder kippt als Retro-Bonbonfantasie ins Alberne („Mars Attacks“). Hinter gewaltigem Kostüm- und Setdesignaufwand war aber gerade in Burtons letztem und auch erfolglosestem Film, dem erzählerisch fantasielosen „Planet der Affen“-Remake, erstaunlich wenig zu entdecken. In „Big Fish“ soll dies ein Ende haben, soll sich endlich der einmalige Reichtum von Burtons Bildsprache mit einem prallen narrativen Kern treffen. Dieser muss ja nicht notwendigerweise komplex sein. Und was eignet sich besser dafür, als eine einfache, „mythische“ Erzählung, eine Erzählung also, die nicht nur den Ursprung, sondern das Leben an sich wieder zur Dichtung und Wahrheit, groß und bestaunenswert macht?

Die Romanvorlage von Daniel Wallace trägt den Untertitel „A Novel of Mythic Proportions“. Burtons Film steht in der Tradition der fantastischen Lügengeschichten Münchhausens, ist eine Münchhauseniade mit märchenhaften Grundzügen, weil die einzelnen Erzählepisoden der Vaterfigur unter anderem von Hexen und Riesen bevölkert sind. Deren symbolische Funktion ist in „Big Fish“ so simpel wie die gesamte Botschaft des Films: es gilt, das Anrecht des Märchens am rationalen Weltbild wieder einzusetzen und letztlich das Leben wieder als das größte Abenteuer aufzufassen. Die menschliche Vorstellungskraft erzeugt das notwendige Pensum des Unerklärlichen, den Ursprung des Fantastischen. Als „Fisch“ im Strom vom Leben an sich und Fabulierkunst des Lebens entgleitet der Mensch einfachen Daten und Fakten, ist am Ende aber dafür umso mehr mit sich versöhnt. Dieses Anliegen beschwört Tim Burton auf naive und gradlinige Weise und es ist schon anfangs durch eine konzeptionelle Abweichung Burtons vom Roman erahnbar, wie der Film endet.

Diese Variation als Einflechtung des Vater-Sohn-Konfliktes tut dem Erzählfluss des Films nur bedingt gut. Denn zum einen ist eben der allzu harsche Zuschnitt der in den Figuren vertretenen Weltbilder für die gewisse Absehbarkeit des Filmes verantwortlich: hier der modern-„aufgeklärte“ Sohn, dessen erwachsener Skeptizismus nicht mehr willig ist, die vom Vater seit jeher aufgetischten Märchen zu akzeptieren; dort der Vater als selbstsicherer „voraufgeklärter“ Märchenonkel, für den die Leidenschaft des Geschichtenerzählens unbedingte Wirklichkeit ist und der auf Insistieren des Sohnes, doch endlich „sich selbst“ preiszugeben und das kindergleiche Stricken am eigenen Lebensweg sein zu lassen, nur mit ungläubigem Kopfschütteln reagieren kann. Über dieses Muster zweier Wirklichkeiten funktioniert die Entfremdung und – man ahnt es von Beginn – letztlich auch die notwendige Annäherung von Vater und Sohn.

Zum anderen aber ist diese in „der“ Realität spielende Rahmenhandlung nicht immer glücklich mit dem fortwährenden Fabulieren der Vaters verkoppelt. Sie gibt vielmehr den äußeren Anlass, den abenteuerlichen Lebensweg des Edward Bloom fortzuspinnen und unterbricht doch gleichzeitig den Zusammenhang des surrealen Erzählkosmos ein Stück weit, ohne dass die Figuren nennenswerte Wandlungen durchmachen oder intensiv interagieren würden. Auf der Ebene Münchhausens schöpft Burton in seiner vertrauten Stärke dennoch aus dem Vollen und macht aus „Big Fish“ das zu erwartende Fest für die Augen, das voller Witz und wirklicher Phantasie die einzelnen Abenteuer entfaltet. Der Film hat hier den hohen Schauwert eines überbunten Themenparks, dessen einzelne Attraktionen nacheinander abgelaufen werden, aber strukturell nur bedingt zusammenhängen. Zudem wird der Stimmungszusammenhang durch die Parallelhandlung immer wieder aufgebrochen.

Dennoch ist „Big Fish“ ein ungewöhnlich fantastischer, ja origineller Beitrag. Man staunt gerne, wenn auch die einzelnen Abenteuer hier und dort spannungs- und pointenlos, die Schauspieler unterfordert sind und der „Grad der Verzauberung“ hinter „Amélie“ doch deutlich zurücksteht. Der Einfall am Ende allerdings, der den skeptischen Sohn erst aus einer Notlage heraus die letzten Momente im Leben des Vaters für diesen mit den eigentlich abgelehnten Mitteln der Träumerei auszuschmücken, somit also die Phantasie auch für sich anzunehmen und dem Tod zum tröstenden Versammlung aller Geschichten zu machen, ist kitschig wie schlichtweg großartig bewegend und versöhnt mit einigen mittigen Hängern. Mit „Big Fish“ gelingt Burton insgesamt ein tragikomisches, optisch erlesenes Erzählung darüber, wie Vorstellungskraft Leben konstruiert und wie unentscheidbar das Verhältnis von Dichtung und Wahrheit sein kann. Und genau auf dieser Schiene sollte Burton weiterfahren.

Märchenfüllhorn über das Kind im Manne mit hohem Hingucker-Wert


Flemming Schock