Polarexpress, Der
(Polar Express, The)

USA, 100min
R:Robert Zemeckis
B:Robert Zemeckis, William Broyles Jr., Chris Van Allsburg
D:Tom Hanks,
Michael Jeter
L:IMDb
„Mit den Zügen ist es so: wohin sie fahren, ist egal. Wichtig ist, dass man einsteigt.”
Inhalt
An einem verschneiten Weihnachtsabend liegt ein kleiner Junge aufgeregt und hellwach in seinem Bett. Er bewegt sich nicht, wagt kaum zu atmen. Er wartet. Er hat Angst, dass er zum letzten Mal jenes Geräusch verpassen könnte, das ihm schon oft entgangen ist – das Klingeln der Glöckchen am Schlitten des Weihnachtsmanns. Es ist fünf Minuten vor Mitternacht. Plötzlich wird der Junge von einem donnernden Brausen aufgeschreckt. Er reibt die beschlagenen Scheiben an seinem Fenster blank und traut seinen Augen nicht: Ein glänzender schwarzer Eisenbahnzug hält vor seinem Haus, der Dampf der gewaltigen Lokomotive zischt durch die sanft fallenden Schneeflocken in den Nachthimmel. Der Junge rennt in Pyjama und Pantoffeln nach draußen, wo ihn der Zugschaffner begrüßt, der offensichtlich auf ihn gewartet hat. „Also, kommst du mit?“ fragt der Schaffner. „Wohin?“ „Na, zum Nordpol natürlich. Dies ist der Polarexpress!"
Kurzkommentar
"Der Polar Express" versucht sich an einer adäquaten, filmischen Umsetzung eines beliebten, amerikanischen Bilderbuchs, scheitert aber sowohl an seiner allzu unreflektierten Geschichte als auch an einer nach wie vor unausgereiften Technik. Dennoch sind Regisseur Robert Zemeckis und Autor Chris van Allsburg Tribut zu zollen für den Versuch, die Möglichkeiten der "Virtual Cinematography" endlich mal von ihrem Trickfilmdasein (Pixar) und ihrem Einsatz als Spezialeffekt ("Matrix Reloaded") zu lösen und als neuartiges Gestaltungselement zu begreifen.
Kritik
Als sich "Final Fantasy: The Spirits within" 2001 anschickte, als erster abendfüllender Spielfilm realistische, menschliche Figuren im Kino zu etablieren, sahen darin nicht wenige den Untergang des altehrwürdigen Schauspielfilms. Nun, da die Technik reif sei, bräuchte man ja keine Schauspieler mehr, keine Sets und keine Handwerker, sei endlich frei von Witterungsbedingungen, Drehpannen und Tagesform der Darsteller. Keine ewigen Diskussionen mehr zwischen Regisseur und Schauspieler über das Wesen einer Figur, kein Stress mehr zwischen Regisseur und Kameramann, wie die Einstellung denn nun unter den gegebenen Bedingungen auszusehen habe. Der höchstmögliche Freiheitsgrad sei erreicht, die Vision George Lucas', nur die Beschränktheit der eigenen Fantasie könne noch als Grenze herhalten, Realität.

Wie bei allem Neuen, sah die Öffentlichkeit darin aber erstmal einen Rück- anstelle eines Fortschritts: die Technik dominiere nun noch mehr, die aus Computerspielen bekannte Seelenlosigkeit beherrsche bald auch den Film und überhaupt möchte man den fehlerbehafteten Schauspieler nicht durch eine allzu perfekte Variante seiner selbst ersetzen. Das klingt nach dem üblichen Mediengekreische, war und ist aber nicht ganz unberechtigt angesichts der bisherigen Ergebnisse: "Final Fantasy" machte durch kaum mehr als seine visuelle Gestaltung auf sich aufmerksam, Gwyneth Paltrow sieht man ihre Probleme, vor blankem Bluescreen zu agieren, in "Sky Captain and the World of Tomorrow" deutlich an und auch die Figuren in "Der Polar Express" wirken sichtbar steif. Die ausufernden Möglichkeiten, die der Computer ins Filmbusiness bringt, scheinen also mehr zu hemmen als zu befreien.

Eine pompöse Trilogie wie der "Herr der Ringe" wäre aber ohne Computereinsatz selbstredend kaum möglich gewesen und den bislang garstigsten, digitalen Charakter, Gollum, haben ja auch alle lieb gewonnen. Dass im Falle Gollums aber alle begeistert waren und beim "Polar Express" nicht wenige Kritiker von einem Geisterzug sprechen, bringt wieder mal eines auf den Punkt: jede Technik ist nur so gut wie der, der sie bedient. Denn während Weta Digital bei "Die zwei Türme" so schlau war, zu erkennen, dass weder reines Motion-Capturing noch reines Animieren zu einer glaubwürdigen Kreatur führen wird, glaubten Regisseur Robert Zemeckis und Sony Pictures Imageworks beim "Polar Express" offenbar, dass man nur die aufgezeichneten, realen Bewegungen eines Tom Hanks in den Computer übertragen müsse, um auch einen glaubwürdigen, digitalen Tom Hanks zu erhalten. Den Fehler begang Walt Disney aber schon in den 30er Jahren als er für "Schneewittchen und die sieben Zwerge" eine Schauspielerin die Bewegungen der lieblichen Märchenfigur spielen ließ, um eine naturgetreue Blaupause für die spätere Animation zu haben (Rotoscoping). Noch heute geben altehrwürdige Disney-"Legenden" zu, dass das keine gute Entscheidung war und man deutliche Unterschiede zwischen rotoskopierten und frei animierten Figuren sehe.

Es ist aber wohl ziemlich arrogant anzunehmen, dass man das, was in der Animationstheorie "Exaggeration" (Übertreibung) heißt und von Zemeckis buchstäblich überspielt wurde, hier nun einfach ignoriert hat. Vielmehr war ja genau das die Absicht (und auch der Grund, warum sich Vorlagenautor Chris van Allsburg so lange gegen eine Verfilmung gesträubt hat): ohne die Klischees des üblichen Trickfilms eine ernsthafte Kindergeschichte zu erzählen. Keine Karikaturen, keine überzogenen Bewegungen, kein "Squash and Stretch", kein "Anticipation". Und dieser Ansatz ist durchaus legitim, ja fast bewundernswert: die Möglichkeiten der "Virtual Cinematography" endlich mal von ihrem Trickfilmdasein (Pixar) und ihrem Einsatz als Spezialeffekt ("Matrix Reloaded") zu lösen und als neuartiges Gestaltungselement begreifen.

Dessen ist sich Regisseur Zemeckis denn auch voll bewusst, kann er neben George Lucas und James Cameron ohnehin als einer der großen Technikpioniere des amerikanischen Unterhaltungskinos gelten - man denke nur an "Falsches Spiel mit Roger Rabbit", "Der Tod steht ihr gut" oder auch "Forrest Gump". Auch den "Polar Express" kann man deshalb als "medientechnologisches Zeitdokument" auffassen, wenn auch als kaum mehr. Allein die absurd-überzogene Sequenz, in der wir einem verloren gegangenen Fahrschein auf seinem Flug durch Schnee, Wald, Wolfsherden und Vogelnester folgen zeugt von den tatsächlich grenzenlosen, kinematographischen Möglichkeiten, die Filmemachern in Zukunft offen stehen werden. Sowas wirkt heute noch grenzenlos manieristisch, aber man darf sich schon darauf freuen, wenn die Technik einmal ihre pubertäre Phase hinter sich hat und als selbstverständliches, handwerkliches Mittel begriffen werden wird.

Bei einem derart unverblümt technokratischen Film ("Der Polar Express" war auch der erste seiner Art, der zeitgleich als reguläre Kinofassung und als 3D-Imax-Variante in Amerika anlief) hat man dann auch fast keine Lust mehr, auf seine inhaltlichen Aspekte einzugehen, zumal van Allsburgs Vorlage hier das Wesentliche festschrieb. Sonderlich erwärmend ist die Geschichte vom Jungen, der seinen Glauben an den Weihnachtsmann zurückgewinnt, jedenfalls nicht realisiert, vielmehr überdimensional-amerikanisch: der eigentliche Anlass des Weihnachtsfests, die Geburt Jesu, wird in keinem Wort erwähnt, es geht wie so oft nur um große Geschenke, die man sich moralisch verdienen muss: durch Freundschaftsdienste, soziales Engagement, Demut. So richtig verstecken möchten Zemeckis und van Allsburg dann aber auch nicht, dass Weihnachten ein extrem materialistisches Fest ist: arme Jungen werden wie Fremde präsentiert und dadurch geheilt, dass sie endlich auch mal eine fette Dreingabe unter dem Tannenbaum liegen haben. Und der Nordpol ist eine gigantische Industrie, in der willenlose Wichtel vom Weihnachtsmann versklavt werden - "Corporate America" lässt grüßen.

Roger Ebert von der Chicago Suntimes scheut sich hingegen nicht davor, "Der Polar Express" einen Klassiker zu nennen und gleich vorherzusagen, dass er einen festen Platz im jährlichen Weihnachtsprogramm einnehmen wird. Gleichwohl gibt er zu, dass ihm nicht ganz wohl ist bei den vielen, digitalen Figuren und dass es sich beim Weihnachtsmann wohl weniger um einen "Jolly St. Nick", sondern vielmehr um "Claus Inc." handelt. Allem Kitsch und technologischem Gezeter zum trotz kann man dieser Ansicht durchaus sein, denn "Der Polar Express" ist wohl der erste Versuch eines computergenerierten Trickfilms, der völlig unironisch und ernsthaft eine reine Kindergeschichte erzählen möchte. Dass er dabei gescheitert ist, ändert nichts an seinem Pioniergeist.

Kitschiger Weihnachtskinderfilm, dank seiner technologischen Pionierleistung aber durchaus diskussionswürdig


Thomas Schlömer