Lost in Translation

USA, 102min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Sofia Coppola
B:Sofia Coppola
D:Scarlett Johansson,
Bill Murray,
Giovanni Ribisi,
Catherine Lambert
L:IMDb
„Ich weiß nicht, wen ich geheiratet habe”
Inhalt
Bob Harris (Bill Murray) und Charlotte (Scarlett Johansson) sind zwei ziellose Amerikaner in Tokio. Bob, ein Schauspieler, der gerade in der Stadt einen Werbespot für Whiskey dreht und Charlotte, eine junge, frisch verheiratete Frau, die ihren Mann (Giovanni Ribisi), einen vielbeschäftigten Fotografen, begleitet. In einer schlaflosen Nacht lernen sich Bob und Charlotte an der Bar eines Luxushotels kennen. Was als eine zufällige Begegnung beginnt, entwickelt sich überraschend schnell zu einer ungewöhnlichen Freundschaft. Ihre gemeinsamen Streifzüge durch die fremde Metropole führen sie nicht nur in amüsant bizarre Situationen, sondern eröffnen den beiden ungeahnte Perspektiven und einen überraschenden Blick auf ein Leben, das sie bisher nicht kannten.
Kurzkommentar
In ihrem zweiten Film gelingt Sofia Coppola eine sehr anmutige, zuweilen traumartige Parabel auf Vereinsamung in der Fremde, der allerdings schon die eigene Isolation vorausgeht. „Lost in Translation“ ist eine sehr sehenswerte und unkonventionelle Romanze über das Suchen und Finden, über Geheimnis und Komik, eine sehr gut besetztes Gleichnis über Entfremdung in der modernen Welt an sich. Ein kleiner Film mit unpathetischen und doch großen Gesten.
Kritik
Man könnte lange darüber nachsinnen, was es heißt, die Tochter eines der einflussreichsten Regisseure und Produzenten der letzten Jahrzehnte zu sein, welche Bürde es ist, dann selbst Filme zu machen, allerdings auch, welche Chance. Sofia Coppola ist die Tochter von Francis Ford Coppola. Vielleicht sind Unterschiede und Gemeinsamkeiten aber doch schnell benannt: Beide, Vater und Tochter, geben, so scheint es, den Bildern im Kino ihr Geheimnis zurück, wenn auch auf unterschiedlichen Wegen: Er mit großen, universalen Entwürfen, sie mit den Themen von Intimität, Verlorenheit, das Zurückgeworfensein auf sich selbst in einer entfremdeten Welt. Nach „The Virgin Suicides“, Sofia Coppolas hoch gelobten Erstling, fährt auch „Lost in Translation“ diese existentielle Schiene – und hat sich zu Recht als eine der schönsten Überraschungen des Jahres entpuppt.

Dabei hat „Lost in Translation“ ja doch etwas Universales und vor allem eine natürlich leichte Anmut, wie sie ein männlicher Regisseur so womöglich nicht hätte umsetzen können. Es geht um Menschlichkeit, die Hoffnung, zu finden und gefunden zu werden, und Sofia Coppola fand für diese Thematik zwei der wohl besten Orte, die zur Metaphern werden: das Hotel und die „postmoderne“ Großstadt. Gerade Hotelszenen sind ja nicht von ungefähr eine der beliebtesten Topoi in der Literatur: nirgendwo sonst ist Vereinsamung, Intimität und gleichzeitige Fremde, Flüchtigkeit und aseptische Kühle besser in einem Bild eingefangen. Der Durchgangsverkehr der Seelen ist unverbindlich, aber symbolisch, gibt Anlass zur Melancholie und Komik. Erst hier, wo man nicht zu Hause ist, beginnt man sich zu fragen, was oder wo die Heimat denn eigentlich sei. Exakt darauf setzt Coppola und auf die andere, überformende analoge Szenerie.

Denn beide verlorenen Seelen pendeln zwischen Hotel und der verunsichernden Erfahrung in der Großstadt, geraten hier in die Odyssee durch eine fremde Kultur, in den „Kulturschock“ in der fremden Metropole. Das fängt „Lost in Translation“ in zwei exemplarischen Charakteren ein, die sich wunderbar ergänzen und schon bei der darstellerischen Auswahl hat Coppola eine hervorragende Wahl getroffen: kaum jemand hätte den gealterten Filmstar, beruflich und familiär nur noch ein tragikomischer Schatten früherer Jahre, besser einfangen können als Bill Murray. Er verleiht seiner Figur etwas narrenhaft Täppisches, die erst in der Ferne realisiert, wie haltlos das Leben zu Hause, wie verloren er selbst im Alter ist. Die Bildsprache lädt Coppola symbolisch auf: das gewaltige Tokio und schon das Nichtverstehen der Sprache signalisieren existentielle Verunsicherung und Nichtverstehen auf zwei Ebenen: denn selbst in seiner Muttersprache, wenn Harris mit seiner Frau über alltägliche Belanglosigkeiten am Telefon spricht, scheint Verständnis unmöglich.

Gewissheit über die Möglichkeiten und Notwendigkeiten des eigenen Lebens ist hier keine Frage des Alters, denn fast am anderen Ende der Altersskala steht komplementär dazu die junge Charlotte. Die erst 19-jährige Scarlett Johansson spielte diese auf berührende Weise. Ebenso wie bei Harris liegt die Ehe im Argen, ist in der befürchteten „Routine“ geendet, allerdings nach nur zwei Jahren. Giovanni Ribisi hat einen herrlich übersteigerten Nebenpart als arbeitssüchtiger Workaholic. Das lässt die Vermutung aufkommen, dass sich Charlotte und Bob nicht nur in der Ferne kennen, sondern auch lieben lernen, sich finden. Wie auf diese, aber keinesfalls simpel-romantische Lösung hininszeniert wird, ist Coppola sehr elegant gelungen: denn „Lost in Translation“ bezieht seine Komik erst daraus, dass sich durch die Unzulänglichkeiten des sprachlich-kulturellen Nichtverstehens kämpft. Da gelingen kleine, aber brillante Momente, so z.B., als Harris den Whiskey-Werbespot dreht und der Regisseur – er wird nicht der einzige blieben – in immer lauter werdendem Japanisch auf ihn eindonnert und doch nur will, dass Harris das Glas anders hält.

Coppola gibt sich bei der Ausnutzung des kulturellen Grabens für Situationskomik insgesamt aber dezent, und das ist auch gut so. Allzu schnell hätte man hier in Klamauk enden können. Zu kritisieren ist allerdings, dass der Blick auf Tokio im Grunde im Grunde ein wenig kulturelle Arroganz transportiert, weil trotz der persiflierenden Tendenz ein Eindruck mitschwingt, als ob als Gast in der Fremde keineswegs die Sprache des Gastlandes zu respektieren, sondern sich tatsächlich fragen darf, wieso zur Hölle das japanische Englisch nur so verdammt schlecht ist. Aber das ist marginal, was „Lost in Translation“ hervorragend transportiert, ist das innerste Gefühl der Vereinsamung, ausgedrückt durch ein Drehbuch, dass keine großen Entwicklungen entspannt, sondern entspannt, irgendwo poetisch dahintreibt, auch in elegischer Jazzmusik, und dabei durch essentielle, ruhige Bilder einen Stil entwickelt, der eine perfekte Balance aus Melancholie und Hoffnung erzeugt. In der Romanze zwischen Bob und Charlotte, die Coppola nie ins „Ordinäre“ sinken lässt, bleiben auch die Mysterien beider gewahrt.

So gibt es keine Katharsis, die eine einfach Auflösung der Gefühlswelten bieten würde. Darüber, was man in der Ferne gewinnen, verlieren und entdecken kann, was man mitnimmt, ist Coppola eine richtig betonte Parabel gelungen. „Lost in Translation“ ist einer dieser kleinen Filme, der Größe dadurch gewinnt, indem er menschliche Grundbefindlichkeiten nicht übereilig beantwortend seziert, sondern sie unmanieriert und dennoch kunstfertig einfängt, ohne jedoch eine einengende Deutung vorzugeben. Das neue Jahr beginnt vielversprechend.

Stilvoll originelle Tragikkomödie mit teils wunderbaren Momenten


Flemming Schock