Sixth Sense, The

USA, 107min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:M. Night Shyamalan
B:M. Night Shyamalan
D:Haley Joel Osment,
Bruce Willis,
Toni Collette,
Donnie Wahlberg
L:IMDb
„Ich sehe tote Menschen.”
Inhalt
Eines Tages bricht ein ehemaliger Patient in die Wohnung des Kinderpsychiaters Malcolm Crowe (Bruce Willis) ein, beschuldigt ihn völlig verstört, er hätte ihm nie geholfen, schiesst dann Crowe an und tötet sich selbst. Einige Monate später zehrt Crowe immer noch an seinem vermeintlichen Versagen, hat aber mittlerweile einen neuen "Fall": der kleine Cole Sear (Haley Joel Osment), der ihm ebenfalls einige Rätsel aufgibt. Er hat ein dunkles Geheimnis.
Kurzkommentar
Eine fast lähmend-paranormale Angstimmung, die sich durch bedrohliche Andeutungen und traditionelle Horrorelemente trägt, birgt gleichzeitig die Stärken und Schwächen von 'The Sixth Sense'. Nachhaltig gänsehautprovozierend, aber auch unverständlich ist das dramaturgisch geschickte Spiel mit dem Übersinnlichen. Die phänomenale Darstellerleistung des jungen Haley Joel Osment und ein raffiniert unerwartetes Ende fesseln und entschädigen für einen schwerfälligen Mittelteil.
Kritik
Versucht man, dem beispiellosen kommerziellen Überraschungserfolg von 'The Sixth Sense' in den USA mit Erklärungen beizukommen, hat man sich allein auf die letzten Minuten des Films zu konzentrieren. Denn die wirklich bis zu allerletzt aufgesparte Katharsis ist in ihrer Wendung und Auswirkung auf den gesamten Film fast schon genial zu nennen, darf deswegen auch unter keinen Umständen vor dem Anschauen verraten werden. Weiss man dennoch im Vorfeld um den Ausgang, wird der gesamte Streifen witzlos, da er nur noch auf logische Kohärenz untersucht wird.

Und dadurch, dass man nach Auflösung das gesamte Film aus einer völlig konträren Perspektive sieht, wurde 'The Sixth Sense' wohl durch einen einzigen dramaturgischen Kniff zum zweiterfolgreichsten Film des Jahres. Man beginnt die Handlung, bestimmte Sätze und Kernmomente zu rekapitulieren, zu überprüfen und Antworten auf Fragen zu suchen. Und genau aus diesem Grund werden sich Etliche ihn ein zweites Mal angesehen haben: um nachzuvollziehen, wieso mal als Zuschauer trotz mehrerer Indizien zum Schluss wie vom Donner gerührt ist.

So spielt die Erzählstruktur des 28-jährigen Regisseur M. Night Shyamalan in seinem erst zweiten Film gewandt mit konventionsgeprägten Erwartungen und nutzt das Wissen um ihre Berechenbarkeit. Doch reduziert man 'The Sixth Sense' um sein außergewöhnliches Finale, vermindert sich auch die Faszination. Wenn der Einfall des metaphysischen Geisterdialogs halbwegs unverbraucht daherkommt, bringt sich das Gesamtarrangement durch schleppenden Charakter um einiges Potential. Natürlich wäre es billig gewesen, einen rein effektlastigen, nur an der Oberfläche menschlicher Ängste kratzenden Horrorramsch zu drehen, man merkt aber, dass M. Night Shyamalan zuweilen auch nicht anders kann.

In den wenigen, nach typischen Schockmuster gestrickten Momenten, in denen Cole mit zermatschten oder sich übergebenden Toten konfrontiert wird, wird dies deutlich. Da ist die 'Logik' um der Effekte Willen über Bord geworfen, denn wieso müssen Tote, die einen Handlanger im Diesseits brauchen, ihn durch ein plakativ gruseliges Äußeres verschrecken? - nicht gerade eine subtile Art des Bittens, vielleicht eher Geisterbahnmentalität. Auch vieles Andere wirkt nicht gerade schlüssig, was aber aus zweierlei Gründen nicht tragisch ist: Zum einen kreiiert der Regisseur die Grundstimmung übersinnlicher Furcht in beängstigender Tonkulisse (bemerkenswert: Komponist James Newton Howard) und beklemmend farblos-kühlen Bildern.

So wirkt die gesamte Szenerie surreal und gestorben wie in einem Alptraum - schon formal eine unter die Haut gehende Gruselkulisse. Zum anderen ist das eigentlich Faszinierende aber das Schauspiel des erst 11-jährigen Haley Joel Osment. Eindringlich steht ihm das Grausen ins Gesicht geschrieben, er ist ein zitterndes Wrack - dafür den Oscar. Nicht aber für Bruce Willis, der zwar seine beste Darstellerlistung seit '12 Monkeys' bringt, sich aber insgesamt genauso lethargisch zeigt wie der Mittelteil, der die Spieldauer doch arg dehnt. Mit seinem Mysteriums-Tenor ist 'The Sixth Sense' insgesamt ein interessantes Spiel mit der Angst, das jedoch nur durch sein Ende in Erinnerung bleibt.

Paranormaler Alptraum mit Drehbuchschlappen und grandiosem Finale


Flemming Schock
Weiterer Kommentar auf der folgenden Seite...
Die Beigeisterung und Lobeshymnen, die "The 6th Sense" in den USA hervorgerufen hat, kann ich nicht nachvollziehen. Der Film ist solide, der junge Haley Joel Osment ein brillianter Schauspieler, und das Ende wirklich gut, vor allem aber mangelt es dem Film meiner Meinung nach an Aussage und Bedeutung. ...