Swimming Pool

Frankreich, 103min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:François Ozon
B:François Ozon, Emmanuèle Bernheim
D:Charlotte Rampling,
Ludivine Sagnier,
Charles Dance,
Marc Fayolle,
Jean-Marie Lamour
L:IMDb
„Wenn jemand einen wichtigen Teil seines Lebens für sich behält, ist das faszinierend und beängstigend”
Inhalt
Die erfolgreiche britische Krimiautorin Sarah Morton (Charlotte Rampling) steckt in einer schweren Schaffenskrise. Um sich von ihrer Depression abzulenken und zu neuer Inspiration zu finden, verbringt Sarah den Sommer in dem französischen Landhaus ihres Verlegers. Doch da taucht eines Nachts plötzlich die 20jährige Tochter (Ludivine Sagnier) des Hausherrn auf. Sarah fühlt sich von der rücksichtslosen Frau und ihrem offen zur Schau gestellten Liebesleben zunächst nur gestört, bis sie anfängt, Julie zu beobachten und in ihr schließlich eine Quelle der Inspiration für ihren neuen Roman findet. Als sich die beiden ungleichen Frauen einander nähern, beginnen sich die Grenzen zwischen Fantasie und Wirklichkeit zu verwischen.
Kurzkommentar
Erwartungsgemäß präsentiert Frankreichs Regietalent Francois Ozon wieder einen intelligenten Wurf. Und wieder geht es um starke Frauen im Mittelpunkt. Elegant und sinnlich zugleich pendelt „Swimming Pool“ zwischen den Genres, ist Krimi, Kammerstück, Psychostudie und Meta-Erzählung zugleich. Dank zweier herausragender Hauptdarstellerinnen, kontemplativen und bedeutungsschwangeren Bildern und Blicken ist „Swimming Pool“ ein ziemlich genießbares, teils gegenstandsloses Kunststück über das rätselhafte Wesensverhältnis von Vorstellung und Wirklichkeit.
Kritik
Argumentieren wir mit Schubladen, fördert eine Bestandsaufnahme des französischen Kinos dreierlei zutage: unsägliche Komödien („Taxi“), jede Menge Geschmacksbelastungen („Irréversible“) – und doch immer wieder, drittens, erstaunliche Originalität. Mit leichter Selbstverständlichkeit versprüht sie die sonst seltene Magie der Bilder, des Kinos, vielleicht die Seele eines Filmes. Dafür steht zum einen „Amélie“ als das große Gefühl für die große Masse. Großer Rummel herrscht auch um Francois Ozon. Nicht erst seit seinem wuchtig phantastischen Krimimusical „8 Frauen“, das sich im letzten Jahr den silbernen Bären auf der Berlinale sichern konnte, gilt Ozon als experimentierfreudiger Vorzeigeregisseur, der mühelos Genres vermengt, sprengt und all das erfolgreich mit präzisem Gefühl für die Stimmungen seiner filmischen Hauptfiguren umzusetzen vermag.

Ozon punktet mit Hintergründigkeit, selbst wenn es bei den „8 Frauen“ noch laut herging. Nicht nur in dieser Hinsicht ist „Swimming Pool“ wieder einmal absolut anders, aufregend neu und deswegen ein „typischer“ Ozon. Eine Fortsetzung von vergangener Arbeit findet sich allenfalls im wichtigen Punkt der Besetzung der Hauptrolle. Die mimisch einfühlsame Ausnahmeleistung der Engländerin Charlotte Rampling in „Unter dem Sand“ (2000) wird Ozon den Anstoß für die zweite Zusammenarbeit gegeben haben. Rampling wird ein weiteres Mal zum sicheren Mittelpunkt eines Films, der symbolschwanger die Ebenen (filmischer) Realität und (filmischer) Fiktionalität in sinnlichen Bildern entwickelt. Das „tatsächlich“ Erzählte - der Versuch, einen Roman zu schreiben und die damit verbundenen Kreativitätsprobleme – klingt im Ansatz simpel und wird von Ozon eingangs vielleicht ein wenig zu schematisch abgehandelt.

So spiegelt sich im unterkühlt verlorenen Gesichtsausdruck von Rampling die Sinnkrise der Schriftstellerin Sarah Morton, die sich mit fließbandartigen Krimireihen beim Publikum anbiedert, ausgebrannt ist und jenseits jeden Marktdiktats nach der zündenden Idee sucht, die gleichzeitig auch Teil ihrer Identität als Autorin sein würde. Da spielt der Verleger im Sinne des klassischen Feindbildes natürlich nicht mit. Ozon, der auch wieder einmal selbst das Drehbuch schrieb, lässt Protagonisten und Antagonisten in diesen etwas hölzernen Szenen schlagwortartige Phrasen wechseln, was aber kalkuliert ist. Die Präsenz von Rampling und Charles Dance in der Rolle des gewieft und geheuchelten Verlegers strahlt auch ohne viele Worte aus, äußert sich vielmehr in scharfen Blicken und Gesten. Bereits hier zeigt sich wieder die Kraft des Duos Ozon/Rampling: sicher inszenierte Wirkung dank ruhigen Close-Ups.

Auf meisterliche Weise schaltet Ozon die Leinwand als Medium des Seelenbilds der Hauptakteurin ein. Der Regisseur lässt nicht Worte Auskunft geben, sondern stellt das Geheimnis der traurigen Augen im fast versteinerten Gesicht ins Zentrum. Was liegt hinter ihnen? Ozon lässt sich begrüßenswert viel Zeit, studiert mit uns seine Hauptprotagonistin in ruhigen Bildern, die auch gerade den Szenenwechsel ins französische Landhaus fast träumerisch illustrieren. Die Kamera kann die zur Alltäglichkeit gewordene Einsamkeit der Schriftstellerin in besinnlich-idyllischen Aufnahmen bannen und erzeugt eine Atmosphäre von Ankündigung und Spannung. Zur inneren Handlungsentwicklung lässt es Ozon dann erst gar nicht kommen. Das Auftauchen von Julie, der vermeintlichen Tochter des Verlegers, schafft die notwendige Zweisamkeit in der Figurenkonstellation, um fiktionale und „reale“ äußere Handlung voranzutreiben.

Den ausschweifend sexuell apostrophierten Part der Julie spielt eine freizügige Ludivine Sagnier, eine der „8 Frauen“. Die junge Französin gibt eine verführerische und formgemäß geheimnisumwitterte Mischung aus musischer Laszivität und jugendlicher Dummheit. Von einem Abgrund ahnt man erst nichts, vielmehr eignet sie sich die Figur der Julie in der klischeehaften Konflikteröffnung zwischen neurotisch verklemmter Engländerin und rebellisch junger Französin zuerst als Identifikationsfigur, schwanken doch die Sympathien zwischen der anscheinend einsamkeitssüchtigen Sarah und Julie, dem notwendigen Gegenpol. Doch schnell wird klar, dass die Antipathie Sarahs nur verschleierte Faszination für Julie ist. Vordergründig scheint Sarah sich von der natürlichen-kindlichen Erotik der jungen Frau abgestoßen. Innerlich hingegen kommt sie immer mehr vom ursprünglichen Plan, dem Schreiben des Buches, ab und stellt Julie unwillkürlich nach.

Doch selbst dieses Verlangen, möglicherweise auch homoerotisch angetrieben, bleibt bemerkenswert vage. Ozon lässt die Gefühle, die hinter Reiberein an der Oberfläche liegen, unausgesprochen und operiert lieber mit allegorischen Aufnahmen, bebildert Sarahs Voyeurismus gegenüber dem Objekt Julie. Als szenische Drehscheibe von Beobachtung und Verhalten nutzt Ozon das Swimming Pool des Landhauses. Hier gewinnt der Film in etlichen Szenen seine sinnlich-erotische Qualität, die für das Verhältnis der beiden Frauen voller Bedeutung sein kann, aber nicht muss. Ozon lässt dem Zuschauer viele Freiheiten und es ist gerade dieser wackelige Boden, der „Swimming Pool“ zum Genuss macht. Mit brillanter Unaufdringlichkeit entwickelt Ozon den Prozess der Verwischung von filmischer Realität und Vorstellungskraft einer Romanautorin.

So ist es kaum auszumachen, wann der völlige Wirklichkeitsverlust Sarahs einsetzt, wann Julie, die sie alsbald als mögliche Romangestalt zu entdecken beginnt, tatsächlich nur noch Teil der Imagination Sarahs ist und wann und warum Julie sich den Erwartungen einer Romanfigur entsprechend zu verhalten beginnt. Die Überblendung der Ebenen funktioniert, fragt man nicht penibel nach inhaltlicher Unverbrüchlichkeit (die weder durchgehalten werden können noch wollen), großartig. Vor allem besticht wieder Ozons Talent, Gedankenabgründen und Visionen dank hervorragender Darsteller Ausdruck zu geben. Faszinierend, wie „Swimming Pool“ die phantastische Spirale zuspitzt und Sarah beginnt, sich als Person in die eigenen literarischen Vorstellungen hineinzuschreiben. Angereichert mit einer teils grotesken detektivischen Dimension ist „Swimming Pool“ genussfreudige Lust am psychologischen Abgrund, ein lockeres (Meta-)Nachdenken über den Film als Roman und mehr Frage als Antwort.

Mysteriös-sinnliches Psychodrama mit Ausnahmedarstellerinnen


Flemming Schock