Missing, The

USA, 137min
R:Ron Howard
B:Thomas Eidson,Ken Kaufman
D:Tommy Lee Jones,
Cate Blanchett,
Jenna Boyd,
Aaron Eckhart
L:IMDb
„Was tust du? - Ich träume davon, was morgen passiert.”
Inhalt
New Mexico, 1886: Nachdem Samuel Jones (Tommy Lee Jones) seine Familie vor Jahren im Stich gelassen hat, um mit den Apachen zu leben, kehrt er nach Hause zurück, in der Hoffnung, seiner Frau und seiner Tochter wieder etwas näher zu kommen. Doch wie sich herausstellt, ist seine Frau schon lange tot und seine inzwischen erwachsene Tochter Maggie (Cate Blanchett) hat weder Vergebung noch Zuneigung für ihn übrig. Als Maggies Tochter Lily von einer brutalen Bande verschleppt wird, ist sie auf die Hilfe ihres entfremdeten Vaters angewiesen. In einem Wettlauf gegen die Zeit, verfolgen sie gemeinsam die Spur der Entführer, die auf dem Weg zur mexikanischen Grenze sind und mit Lily für immer zu verschwinden drohen.
Kurzkommentar
Nach seinem Oscarerfolg mit „A Beautiful Mind“ war es auch für Ron Howard endlich Zeit für den persönlichen Western. „The Missing“ ist eine reizvolle, aber selten packende Genremixtur aus Familien-, Abenteuerdrama, Western und Thriller. Die Figurenentwürfe leiden zum Teil unter plattesten Stereotypen und die Inszenierung unter relativer Absehbarkeit der simplen Geschichte. Und dennoch bietet „The Missing“ zwei gewichtige Gründe für einen Kinobesuch: das Zusammenspiel von Tommy Lee Jones und Cate Blanchett beweist Klasse, eingebettet in Ron Howards fotographisch erfrischend düstere und stilistisch makellose Umsetzung.
Kritik
Das Publikum scheint nicht gerade nach Western zu dürsten, was aber nicht heißt, dass die neuen und – wieder einmal – die letzten Vertreter des Genres schlecht seien. Gerade erst glückte Kevin Costner eine solide Wiederbelebung des ureigensten amerikanischen Films. Gleichwohl konnte er auf bekanntem Boden nicht mehr an den wohl einzigartigen Erfolg von „Der mit dem Wolf tanzt“ anknüpfen. Eine Rolle mag hier nicht zuletzt gespielt haben, dass „Open Range“ zwar kein revisionistischer Western war, der sich um ein Geraderücken des tradierten Bildes der Indianer gekümmert hätte. Ihm mangelte es im positiven Sinn vielmehr an naiver Romantisierung, die dennoch, so wirkt es, den Boden eines populären Westerns weiterhin bildet. Mit idyllisierender Malerei hat aber auch Ron Howard, Oscargewinner mit „A Beautiful Mind“, nichts am Hut.

Er dreht mit „The Missing“ zum ersten Mal einen Western, der doch auf bemerkenswerte Weise keiner ist und zwischen den Genres steht. Für den klassischen „Wildwestfilm“ ist er zu kühl, zu düster, fast zu unwirklich und doch gleichzeitig realistischer als typische Gattungsvertreter. Western entfalten ihre Kraft nicht zuletzt durch die Dramaturgie der Landschaft. Hier findet Howard schon vor der einsetzenden Handlung eine feine eigene Perspektive, die in der schneebedeckten, lebensfeindlichen Weite ihren Ausgang hat, um sich später mit der charakteristischen und nicht weniger unwirtlichen Kulisse der Prärie abzuwechseln. Kameramann Salavatore Totino gelingen ganz unromantische und doch erzählende Bilder, wirkungsvoll unterlegt durch die schleppend-elegische Musik James Horners. Der zweite genresprengende Aspekt ist der Plot, eine Verfilmung des Thomas Eidson-Romans „Der letzte Ritt“.

Wohl finden sich mit dem einsamen Reiter und diversen Indianer-Klischees notwendige Western-Topoi, aber zum einen weist „The Missing“ im eigentlich originären Männerfilm eine tragende weibliche Hauptrolle auf. Zum anderen entwickelt er einen Verfolgungsthriller, der doch zumindest einseitig mehr Interesse für den inneren Konflikt der beiden Hauptfiguren aufbringt, als es Western, die der Revolveraction Priorität einräumen, herkömmlicherweise tun. Vor allem mag überraschen, dass Howard nach seinem Geniedrama „A Beautiful Mind“ trotz der Romanvorlage eine eher minimale Geschichte entspinnt, die auch mit weniger geschmackvollen Plattheiten aufwartet; dazu unten. Die Besetzung hingegen ist wieder über alle Zweifel erhaben. Tommy Lee Jones und Cate Blanchett, die erst kürzlich in „Die Journalistin“ bewies, wie mühelos sie in der Lage ist, einen Film allein zu tragen, sollten gemeinsam Argument genug sein, für „The Missing“ eine Kinokarte zu lösen.

Ihr Zusammenwirken ist denn auch sehenswert, durch das Drehbuch aber ebenso streng limitiert. In der Eröffnung, die die vom Leben gestählte Tochter und den zurückkehrenden Vater, der einst die Familie im Stich ließ, zusammenbringt, füllt Howard die Protagonisten nur mit dem notwendigsten Hintergrund. Tommy Lee Jones in der Rolle einer ethnologischen Kreuzung zwischen Cowboy und Indianer bleibt weitgehend ein exotisches bis leicht kitschiges Geheimnis, versorgt seine Figur aber dennoch mit der notwendigen Glaubwürdigkeit. Auf welche Weise die scheinbar unversöhnlichen Familienmitglieder dann zusammenfinden ist ebenso absehbar wie konsequent entwickelt. Alsbald fällt die ältere Tochter dem Entführungsverbrechen zum Opfer, wobei Howard auf einige verzichtbare, weil plakativ unappetitliche Horrordetails hinsichtlich des drapierten Beschützers setzt (Aaron Eckharts in einer bescheidenen Nebenrolle). In Anflügen folgt dann anbei eine Demontage des Westernmythos: In Howards Welt ist selbst von der amerikanische Kavallerie, die die Jagd hätte aufnehmen sollen, nicht mehr als ein plündernder Mob geblieben.

Klar, dass allein auf den Spür- und Jagdinstinkt des verhassten Vaters zu bauen ist. So ist die sich stringent anschließende Hetzjagd auf die Entführer eigentlich keine, denn die Inszenierung ist gediegen Westernkonform, biedert sich also nicht bei den Prinzipien des modernen Actionkinos an. Trotzdem gelingt es Howard, eine zugegebenermaßen kaum psychologische Spannung aufrecht zu erhalten. Dann unterlaufen aber in der Charakterisierung der verschiedenen Parteien grobe Schnitzer: So hätte man das Verhältnis zwischen Samuel Jones und Maggie Gilkenson sicher genauer zeichnen können, sehr ärgerlich ist aber vielmehr die stereotyp abgenutzte Fratze des Bösen, des Hexers, der die Entführertruppe anleitet. Hier ist Howard auf fast dilettantische Art meilenweit von jeder Figurendifferenzierung entfernt und entwirft den mit allerhand Hokuspokus versehenen Hexer als übelsten „Rothaut“-Typus, der schon unfreiwillig karikierend wirkt. Ihn dachte man eigentlich spätestens seit Costner aus dem Kino verabschiedet. Das stößt umso unangenehmer auf, als andererseits auf die obligaten Momente kultureller Verständigung gesetzt wird.

Diese werden aber, wie der grobe Entwurf der Hexer-Figur auch, bis ins Übersinnliche überdehnt: So wird in einer Szene unter synchronem Bibelrezitieren und indianischem Gesang ein munterer synkretistischer Exorzismus an Maggie betrieben, was der Geschichte ebenso eine gehörige Portion ihrer Glaubwürdigkeit nimmt wie der spätere Dialog von Jones mit dem Falken. Aber trotz dieser albernen okkulten Dimension, die dem Bösewicht schon früh die verängstigende Qualität nimmt, weiß „The Missing“ bis zum Schluss solide zu unterhalten. Tommy Lee Jones und Cate Blanchett machen das Beste aus dem ihnen vom Drehbuch Zugestandenen und die Fotographie des Streifens weiß, wie eingangs erwähnt, viel Stimmung zu vermitteln. „The Missing“ ist schnörkelloses Abenteuerdrama im Westerngewand, das nie begeistert, aber auch nicht enttäuscht. Für einen Regisseur mit Oscarprädikat mag das zu wenig sein, doch die ganz große Klasse war auch bei „A Beautiful Mind“ nur schwer zu entdecken.

Lineares Westerndrama - stimmungsvoll fotographiert und treffend besetzt


Flemming Schock