Liegen Lernen

Deutschland, 94min
R:Hendrik Handloegten
B:Frank Goosen,Hendrik Handloegten
D:Fabian Busch,
Florian Lukas,
Susanne Bormann,
Fritzi Haberlandt,
Sophie Rois
L:IMDb
„Sex ist wie Boxen. Es geht über Runden, ist blutig, irgendwie sinnlos... aber trotzdem geil”
Inhalt
„Ich möchte wirklich mal wissen, wie du so ein gefühlsgehemmter, bindungsunfähiger und feiger Penner geworden bist.“ Helmut (Fabian Busch) ist geschockt: Die Worte seiner Freundin Tina (Birgit Minichmayr) sitzen mit der Wucht eines Fausthiebs. Helmut weiß: Tina hat recht. Obwohl mittlerweile 32 Jahre alt, hat Helmut immer noch nicht viel in seinem Leben bewegt, was er sich mit den verpassten Chancen der Vergangenheit erklärt - insbesondere der einen großen Liebe, die sich niemals erfüllt hat: Britta (Susanne Bormann). Dabei sah das doch so gut aus damals. Mit der Entscheidung konfrontiert, ob es endlich weitergehen soll in seinem Leben oder er für immer unfähig bleiben will, sich für die EINE wirklich zu entscheiden, tritt Helmut den Weg zurück in die 80er Jahre an: Zurück nach Westdeutschland, einem kleinbürgerlichen Elternhaus, zurück zur Musik der Zeit, einer Klassenfahrt ins geteilte Berlin, den Nicaragua-Arbeitsgruppen und der ersten Liebe: Britta... und wie es wirklich war.
Kurzkommentar
Hendrik Handloegten erweckt die Erinnerung an die eigene Jugend, aber auch die 80er zum Leben. Während die Vorlage von Frank Goosen desöfteren mit Nick Hornbys Arbeiten verglichen wurde, ist auch seine Verfilmung in direkter Konkurrenz zu den feineren Beziehungskomödien wie etwa „High Fidelity“ zu sehen. Dank lebendiger, charismatischer Darsteller, sicherer Inszenierung und gewitzter Dialoge hält er dem Vergleich stand, etabliert unterschwellig aber auch ein feines Gespür für seine Figuren und deren Lebenserfahrungen.
Kritik
Mythos Jugend. Mythos Erwachsenwerden. Jede Generation durchlebt ihr stilles Aufbegehren, ihre kleine Rebellion, jede Generation glaubt, sie kämpfe mit ganz anderen Schwierigkeiten als noch die vor ihnen, jede glaubt, ihre Zeit sei nun wirklich die schlimmste, mit der ein pubertierende(r) Sechszehnjährige(r) jemals fertig werden musste. Und doch sind die Kernprobleme seit Jahrzehnten gleich: versteinerte Politik, verknocherte Eltern, zerfallende Jugendfreundschaften, erste Liebe, erster Sex, und natürlich: erster Sex. Letzterer scheint im Leben jedes Heranwachsenden ja besonders essenziell zu sein, um nicht zu sagen das einzige, was jemals von Bedeutung gewesen ist. Diesen Eindruck erweckt zumindest die gängige (nicht nur deutsche) Jugendliteratur: während Benjamin Lebert sowohl in „Crazy“ als auch in „Der Vogel ist ein Rabe“ den Mädchen hinterherjagt, quält sich Benjamin Quabeck in „Nichts bereuen“ mit der Tatsache, als 19-jähriger noch immer nicht mit einem Mädchen im Bett gewesen zu sein. Auch sonst ist die junge Literatur nie darum verlegen gewesen, ihre Zeit sowie die Irrungen und Wirrungen ihrer Adoleszenz auseinanderzunehmen: ob nun Jess Jochimsen mit „Das Dosenmilch-Trauma“, Florian Illies mit seiner „Generation Golf“ oder (der dritte Benjamin) Stuckrad-Barre mit „Soloalbum“. Etwas reifer, aber doch mit denselben Problemen, bearbeitet Englands Erfolgsautor Nick Hornby die Wirren der Liebe, der Beziehungen, des Gesagten und des Gemeinten und der Musik als einzigem, vollkommen erfüllenden Zufluchtsort sein Lebensgefühl schon seit Jahren. Seine Arbeiten haben dann auch nicht zuletzt zu drei künstlerisch wie kommerziell überdurchschnittlich erfolgreichen Verfilmungen geführt: „Ballfieber“ von David Evans, „High Fidelity“ von Stephen Frears und „About a Boy“ von den Brüder Weitz.

Nun folgt mit „Liegen Lernen“ also eine weitere Adaption eines relativ bekannten Romans dieser Gattung und wo sich schon Vorlagen-Autor Frank Goosen die Kritik gefallenen lassen musste, allzu deutlich seinem Vorbild Nick Hornby nachgeeifert zu haben, läuft jetzt auch Hendrik Handloegtens Verfilmung Gefahr, mit der hervorragenden Konkurrenz übermäßig penibel verglichen zu werden. Nicht nur mit erwähnten Hornby-Adaptionen, auch mit den durchaus konkurrenzfähigen, deutschen Produktionen „Crazy“, „Nichts bereuen“ und „Soloalbum“. Und trotz aller Konventionalität, die sich mittlerweile in Adaptionen dieser Machart eingeschlichen haben: auch „Liegen Lernen“ kann als erfolgreicher Versuch gewertet werden, das Lebensgefühl eines Heranwachsenden gleichzeitig unterhaltsam wie respektvoll umgesetzt zu haben.

Dass er dabei nach den üblichen Schemata funktioniert, stört die Frische des Films nur bedingt. So ist die Dramaturgie natürlich reichlich altbacken und Helmuts Sprung von Ort zu Ort und Frau zu Frau nach den gängigen Komödien-Versatzstücken inszeniert, der Wechsel von humorvollen zu dramatischeren Momenten aber immer fein säuberlich in Szene gesetzt, ein leicht ironischer Grundton omnipräsent. So gelingt es Handloegten etwa, von einer Sekunde zur anderen den Witz um den „Boxsport Sex“ mit der kettenrauchenden Mitbewohnerin Giselas in deren schmerzhafte Einsicht, seit langer Zeit von Helmut betrogen worden zu sein, zu überführen ohne das der Moment zu sehr unter der Komödienlast leiden würde. Und es gelingt ihm auch auf wunderbar-unaufdringliche Weise, den Zeitgeist der 80er einzufangen und nahezu selbstverständlich als Hintergrund für Helmuts Geschichte zu benutzen. So ist von hellblauen Schlafanzügen bis zur Vokuhila-Matte alles dabei, was das 80er Herz begehrt und dennoch lenken die liebevollen Details nie vom Kerngedanken der Geschichte ab und stellen sich in den Vordergrund.

Und aufgrund dieser Subtilität, die dem Film trotz seiner offensichtlichen Komödienhaftigkeit in jeder Sekunde anzumerken ist, sollte man „Liegen Lernen“ auch nicht unterschätzen. Natürlich erweckt er den Eindruck lediglich „nette Unterhaltung“ zu sein. Aber er ist von der Zotenhaftigkeit und vor allem von der Konstruiertheit vieler amerikanischer Komödien so weit entfernt, versprüht so viel Herz- und Ehrlichkeit, schlicht liebenswerte Sympathie, dass die gebührende Honorierung nicht fehlen darf. Es sind die kleinen Momente, in denen „Liegen Lernen“ den Sinn für seine Figuren und das vorherrschende Zeitgefühl vermittelt: Mutters lakonischer Kommentar beim Weihnachtsfest, man unterhalte sich doch gerade so gut, Mückes für seine Verhältnisse stilles Geständnis, seinerzeit auch mit Britta im Bett gelandet zu sein, Helmuts bittere Erkenntnis, dass Britta sich bei ihrem Wiedersehen noch nicht mal an den Insider-Gag mit den acht Bier erinnern kann.

Hinter all den offensichtlichen Komödienelementen verpacken Handloegten und Goosen immer ihre kleinen Wahrheiten und genauen Beobachtungen. Sie lassen den Zuschauer spüren, dass ihnen die Figuren wichtig sind und universelle Aussagen über eine ganze Generation erlauben. Bei aller Versuchung geben sie sie nie der Lächerlichkeit preis, behandeln sie immer mit Respekt. Und nach all dem Beziehungsstress, Angst vor der eigenen Courage sowie etlichen teils schmerzhaften Erfahrungen, zeichnet auch „Liegen Lernen“ ein Bild der Einsicht: Helmuts Frau fürs Leben ist die, die ihn durchschaut, die, die eher bodenständig, denn hochgradig erotisch wirkt, die, die sein Herz und nicht seine Augen anspricht. Wie immer herrscht hinter all der oberflächlichen Fassade also ein zutiefst menschlicher, aber auch romantischer Gedanke: der Glaube an die Liebe im Geiste.

Gleichsam unterhaltsame wie respektvolle Hommage an die Zeit der 80er und der eigenen Jugend


Thomas Schlömer