Spun

USA / Schweden, 100min
R:Jonas Åkerlund
B:Will De Los Santos, Creighton Vero
D:Jason Schwartzman,
John Leguizamo,
Brittany Murphy,
Mickey Rourke
L:IMDb
„Goddamn druggies”
Inhalt
"Spun" bedeutet "high sein", "drauf sein". Auf was? Egal! Amphetamine, Ice, Speed, Ecstasy, Koks, Heroin, Crack - geschnupft, geschluckt, gespritzt, geraucht, gebraten, gebacken, geschüttelt oder gerührt. Ron, ein Looser-Typ um die 20, nimmt alles, was ihm in die Quere kommt. Als er den durchgeknallten Dealer "The Cook" (Mickey Rourke) kennenlernt, beginnt ein völlig abgefahrener Trip in Galaxien, die noch nie ein Mensch zuvor gesehen hat.
Kurzkommentar
Der schwedische Videoclipregisseur Jonas Åkerlund macht sich in einem ersten Spielfilm seine handwerkliche Erfahrung nutzbar. „Spun“ ist ein selbstironischer bis tragischer Drogenritt in der Traumschleife von „Fear and Loathing in Las Vegas“ und „Requiem for a Dream“. Er bedeutet gar nichts, bringt aber durch Schmuddellook, wilde Schnitttechnik und geschmackloseste Gestalten entspannten Spaß. Und Mickey Rourke wird in seiner Rolle überraschend zum König des Junkiesumpfs.
Kritik
Gegenüber dem Einwerfen von hallizogenen Drogen hat der Konsum des Mediums Film normalerweise ja einen entscheidenden Vorteil: man bleibt nüchtern. Aber einige Filme absorbieren den Sehsinn mit derartiger Gewalt, so dass einer im Angesicht der surrealen Bilderflut selbst geneigt ist, die Bodenhaftung zu verlieren und „in“ den Film zu kippen. Dazu trägt eine Dramaturgie bei, die jeder „realen“ Erfahrung zuwiderläuft, weil sie keine Linearität und keinen auszumachenden Sinn mehr verfolgt. Diese lösen sich vielmehr im Assoziationswirrwarr der Leinwand auf. So wird der Film selbst zur Traumerfahrung. „Apokalypse Now“ ist dafür sicher eines der meisterhaftesten Beispiele. Wenn der Film selbst zur Überdosis wird, fällt sei einigen Jahren aber nur noch ein Name: „Fear and Loathing in Las Vegas“.

Terry Gilliams Trip brachte es gerade in letzter Zeit durch Mundpropaganda zum Kultfilm. Für die einen vielleicht, weil sie ihre Drogenexzesse in den psychedelischen Bildern „aufs Coolste“ gespiegelt sahen und der Streifen eine Art ritueller Identifikation ermöglichte; für die anderen, weil Gilliams grenzenlose Phantasie den ersten Film ohne Handlung zum amerikanischen Alptraum gebar. „Fear and Loathing“ moralisierte nicht, aber eine kritische Dimension musste nicht erst destilliert werden. Was in Zeiten des medialen Drogentabus unmöglich war, wird nun nach 1998, nach Gilliams Werk langsam stilbildend, weil es sich zum Experiment geradezu anbietet: das „Erleben“ von synthetischen oder „natürlichen“ Drogen, die ja vor allem optische Sinnestäuschungen hervorrufen, in die Bildsprache des Kinos zu übersetzen.

Der Junkieabsturz „Requiem for a Dream“ gab sich weit ernster als Gilliams Rausch und hatte, da er die tödlichen Konsequenzen des Konsumkreislaufs in den Blick nahm, eher Verwandtschaft mit „Trainspotting“. „Spun“ borgt sich bei "Requiem for a Dream" einige Effekte, die Independent-Produktion hat aber alles, was besonders cool und angesagt macht: er bemüht sich um keine Handlung, er sieht mehr nach Improvisation aus, er bietet unverbindliche Freaks en masse, kurz: der Trip muss und kann nicht erzählt werden, wir sehen ihn – hier in mehreren tausend Schnitten. Das rührt auch daher, weil Regisseur Åkerlund bisher Musikvideos u.a. für Madonna und Moby drehte. In „Spun“, seinem Filmdebüt, dehnt er diese visuellen Erzählmechanismen möglichst phantastisch auf abendfüllende Länge aus.

Das Ergebnis kommt keinesfalls in Gilliams Dimension an, bietet aber abseits des Mainstreamkinos jede Menge entspannten Drogenwahn, wilde visuelle Vor- und Rückschnitte bei jeder neuen eingezogenen Koksbahn, aber vor allem ein herrlich schräge Geraderobe und – man höre – einen unschlagbaren Mickey Rourke. Vielleicht hatte er sowieso nichts mehr zu verlieren und beweist deshalb vollendete Selbstironie. Als drogenkochender Schmuddelcowboy mit Porno-Allüren hat Rourke nicht nur das Zentrum des grellen Streifens souverän gepachtet, sondern macht als fraglos originellste Filmfigur der letzten Monate Furore. Dieser Figur verbietet sich jede Tiefe, sie ist einfach „drauf“, sie ist, weil sie sein muss, und das mit geschmacklosesten Stil. Überhaupt gibt sich der Look mit Erfolg alle Mühe, den Rest vom amerikanischen Traum möglichst in möglichst heruntergekommenen Szenerien aufs Korn zu nehmen.

Zu Mickey Rourke bilden teils namhafte Jungdarsteller den nur altersmäßigen Kontrast. Denn Mena Suvari, in „American Beauty“ noch ein Traum ganz anderer Art, wird hier zum abgewrackten Junkieentchen, das nicht ein einziges Mal ihre verwahrloste Baracke verlässt. An ihrer Seite sorgen die nicht weniger beknackten Vögel „Spider-Mike“ (John Leguizamo aus „Romeo und Julia“) und „Frisbee“ (Patrick Fugit aus „Almost Famous“) für hässlich komische Momente. Brittany Murphy gibt als ausgeflippte Stripteasetänzerin einmal mehr eine gute Vorstellung – und Eric Roberts, dem vergessenen Bruder von Julia Roberts, bleibt mit 70er Pornoperücke schließlich ein aparter Cameo. Sinn macht das alles nicht, und auch Ron (Jason Schwartzman) hatte ursprünglich etwas anderes vor, als eine Geliebte am Bett gefesselt zu lassen und den „Cook“ um die Blocks zu kutschieren.

„Spun“ lebt von seinen gepflegten Geschmacklosigkeiten, dem zunehmenden Bodenverlust, den klischeehaft überfrachteten Szenen und Einfällen (Peter Stormare und Alexis Arquette als „abgefuckte“ Cops), die nichts wollen, außer Auge und Ohr auf eine Reise zu schicken. Billy Corgan, Ex-Frontmann von den „Smashing Pumpkins“ hat etliche ruhige und akustische Stücke für den Streifen geschrieben, die „Spun“ fast manchmal fast romantisch lockern und die Bilder weiter aufladen, ihnen ihre Obszönität wieder nehmen. Da wirkt es nur besinnlich, wenn zum Schluss der Kokser nach Tagen zum ersten Mal in seinem schrottreifen Volvo die schwarz umrandeten, übermüdeten Augen schließt und selbst durch die „tragische“ Explosion eines Wohnwagens direkt neben ihm nicht mehr geweckt werden kann.

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Flemming Schock