Bärenbrüder
(Brother Bear)

USA, 85min
R:Aaron Blaise, Robert Walker
B:Steven Bencich, Lorne Cameron, Ron Friedman
L:IMDb
„Halt dich mit dem ganzen Bären-Geknuddel etwas zurück, bitte”
Inhalt
Im Nordwesten Amerikas leben die drei Brüder Kenai, Denahi und Sitka. Durch einen tragischen Unfall wird der Älteste von einem Bären getötet. Kenai, der ungestüme Jüngste, schwört Rache. Doch dann passiert Unglaubliches: Kenai wird auf magische Weise selbst in einen Bären verwandelt... Aus der neuen Sicht sieht die Welt gleich ganz anders aus: Um sich auf vier Tatzen zurecht zu finden und wieder ein Mensch werden zu können, muss Kenai sich mit einem vermeintlichen Erzfeind anfreunden, dem jungen, bezaubernd putzigen Bären Koda, der stets ohne Punkt und Komma plappert und der auf der Suche nach seiner Mutter ist. Gemeinsam macht sich das ungleiche Paar auf den Weg: Kenai, um seine Menschengestalt wieder zu erlangen, Koda, um beim sagenumwobenen jährlichen Bärenfest Salmon Run seine Mutter wieder zu finden.
Kurzkommentar
Die Disney-Studios präsentieren mit ihrem angekündigt vorletzten Trickfilm „klassischer Machart“ ein durchaus diskussionswertes Identitäts-Abenteuer um einen kanadischen Ureinwohner, der sich mit einer anderen Welt konfrontiert sieht. Handwerklich sicher und in Ansätzen überraschend ernst scheiteren sie jedoch bei dem Versuch, konventionelle Disney-Elemente mit „erwachsenem“ Inhalt zu vermischen.
Kritik
Mittlerweile ist es fast müßig, die Proklamationen um den Tod des „klassischen“ Zeichentrickfilms anzuprangern. Mit jedem neuen computergenerierten Film prophezeit wenn nicht die Fachwelt, dann doch gleich Disney-Vorstand Michael Eisner, dass der traditionelle, handgezeichnete Trickfilm eine aussterbende Kunstform sei. Er verweist dabei vor allem auf die relativen Misserfolge seiner Hausproduktionen „Treasure Planet“ (38 Mio.$ Einspiel in den USA) sowie „Atlantis“, erwähnt dabei aber (als sei es selbstverständlich) nicht, dass letzterer immerhin noch 85 Mio.$ einzuspielen vermochte und auch technisch weniger progressive Produktionen wie „Lilo & Stitch“ (mit knapp 150 Mio.$) und jetzt auch „Bärenbrüder“ (mit ebenfalls 85 Mio.$) wohl kaum als Flops gelten können.

Desweiteren wird vollkommen ignoriert, dass es – romantisch betrachtet – ja vor allem Figuren, Geschichte und – weniger romantisch betrachtet – vernünftiges Marketing sind, die im Trickgenre wie in kaum einem anderen den Kassenerfolg bestimmen. Dass „Lilo & Stitch“ etwa wesentlich mehr Erfolg hatte als „Treasure Planet“, „Atlantis“ oder auch Konkurrenzfilme wie „Spirit – der wilde Mustang“ oder „Sinbad“ lag wohl in erster Linie an seiner frechen Marketing-Kampagne, die – eine Parallele zum Erfolgsfilm „Shrek“ – klassische Disney-Muster persiflierte. Und Branchenkrösus Pixar kann dank seiner flotten, gewitzt-frechen Geschichten ja seit Bestehen auf Erfolg verweisen.

Warum also, fragt man sich, wird der Erfolg eines ganzen Genres so sehr auf die Technik reduziert bzw. warum bestätigen Disney-CEO Eisner oder auch Dreamworks-Chef Jeffrey Katzenberg immer wieder aufs Neue die Ignoranz vollkommen offensichtlicher Fakten? „Spirit“ oder „Sinbad“ wären auch als vollständig computergenerierte Filme keinen Deut erfolgreicher gewesen, da ganz einfach ihre Geschichten nicht mehr zeitgemäßen Publikumswünschen entsprechen. Und tun sie es doch, hat man vielleicht kein Vertrauen darin und fährt das Marketing auf unterdurchschnittliches Maß herunter. Siehe „Ein Königreich für ein Lama“.

Vertrauen in die Geschichte scheint überhaupt die Kernproblematik moderner Animationsfilme zu sein. So gab der Herausgeber des „Lexikons des Animationsfilms“, Rolf Giesen, an, dass Dreamworks „Sinbad“-Projekt ursprünglich von fantastischer Qualität gewesen sein soll, man aber nach dem Misserfolg der hauseigenen „Spirit“-Produktion Muffensausen bekommen habe. Um folglich nicht noch mehr Geld aufs Spiel zu setzen, habe man daraufhin so ziemlich jede spektakuläre Szene gestrichen und den Film möglichst schnell und möglichst günstig zu Ende bringen wollen. Das Resultat war schließlich ein Film über den ein US-Kritiker schrieb, dass das Ende so plötzlich komme, dass es den Eindruck erwecke, den Machern ginge urplötzlich das Geld aus.

Auch Disneys vermutlich vorletzter, „klassisch“ animierter Trickfilm „Bärenbrüder“ leidet am allerwenigsten unter seiner Technik. Flüssige Charakteranimation, nahtlos integrierte Effekte, größtenteils kaum zu bemerkende Integration von 3D-Elementen, das alles ist wieder mal auf hohem Niveau. Wenn es aus dieser handwerklichen Perspektive etwas zu bemängeln gibt, dann wohl nur das etwas müde Charakterdesign. Nicht zuletzt deswegen, weil Bären wohl schon zu Zeiten des „Dschungelbuch“ animationstechnisch als ausgereizt gelten können.

Das viel größere Problem ist nun aber auch bei „Bärenbrüder“ die beliebig und kaum konsistent zusammengewürfelte Geschichte. Zwischen Kovention und Ambition schreiben sich die sechs(!) Drehbuchautoren die Finger wund und heraus kommt doch ein reichlich kruder kultureller Mischmasch. Erinnern etwa die eher unkonventionellen Inuit-Charaktere sowie der permanente Pantheismus an die Arbeiten Hayao Miyazakis („Prinzessin Mononoke“), sind der Knuddelfaktor, Phil Collins-Songs und dauerplappernde Elche eher Disney-typisch. Sind die Kernthemen des Films – Verlust, Schuld, Tod, Schmerz – eher von einem erwachsenen Anspruch geprägt, vermittelt die kunterbunte Optik nach der erstaunlich düsteren und kraftvollen, ersten Viertelstunde des Films eher Gegenteiliges. Und zeigt der Film – für Disney-Verhältnisse – erstaunlich viel Mut, die Grundkonstellation seines Films zu einem konsequenten Ende zu führen, hapert es beim stimmigen Gesamtkonzept.

So scheint vor allem die spirituelle Komponente des Films etwas gedankenlos zusammengewürfelt worden zu sein und es stellt sich mehr als einmal die Frage, inwieweit das angepeilte, kindliche Publikum den Läuterungen folgen und die richtigen Schlüsse ziehen kann. Elemente wie die Totem-Zeichen und der buddhistisch angehauchte Wechsel des Daseins (Mensch zu Tier) wechseln sich mit christlich geprägten Botschaften von Nächstenliebe und Aufopferung ab. So zeugen Entscheidungen wie die, Kenai fortan als Bär sein weiteres Leben führen zu lassen und somit kulturelles Verständnis, Perspektivenwechsel und Toleranz zu bewerben, zwar durchaus vom Willen der Macher, wertvolle Botschaften zu transportieren. Die damit zusammen hängende Aufopferung der eigenen Wurzeln und ein vielleicht schmerzhafter Abnabelungsprozess werden hingegen ignoriert. Damit würde man wohl zu sehr gewohntes Disney-Terrain verlassen.

Dennoch kann „Bärenbrüder“ als einer der interessantesten Disney-Filme der letzten Zeit gelten, trotz bzw. vor allem aufgrund seiner Inkonsequenz. Dass der Diskurs vermutlich am Zielpublikum vorbeigehen wird, ändert da auch nichts dran. Bedauernswert bleibt es jedenfalls, dass die traditionsreiche Disney-Niederlassung in Orlando kürzlich ihre Tore schliessen musste – Phil Collins-Sing Sang hin oder her.

Zwischen Ambition und Konvention gefangenes Trickabenteuer klassicher Technik


Thomas Schlömer