Urteil, Das - Jeder ist käuflich
(Runaway Jury)

USA, 138min
R:Gary Fleder
B:John Grisham,Brian Koppelman, David Levien, Rick Cleveland
D:John Cusack,
Rachel Weisz,
Dustin Hoffman,
Gene Hackman
L:IMDb
„Prozesse sind zu wichtig, um sie Geschworenen zu überlassen”
Inhalt
Schauplatz New Orleans, kurz vor Beginn eines spektakulären Prozesses. Ein Waffenkonzern hat den skrupellosen Jury-Berater Rankin Fitch (Gene Hackman) engagiert, um die Schadensersatz-Klage einer Witwe, deren Mann bei einem Attentat erschossen wurde, abzuwenden. Ein Präzedenzfall mit drohenden Milliardenverlusten für die Waffenindustrie droht, wenn es nicht gelingt, die Geschworenen zu einem Freispruch zu bewegen. Sein Gegenspieler, der moralisch integre Wendall Rohr (Dustin Hoffman) als Anwalt der Klägerin, hält nichts von Überwachung und Einschüchterung der Geschworenen. Im Zentrum der Handlung aber steht der schwer zu durchschauende Nick Easter (John Cusack), Mitglied der Geschworenen-Jury mit ganz eigenen Plänen in diesem explosiven Prozess, sowie die geheimnisvolle, attraktive Marlee (Rachel Weisz), die außerhalb des Gerichts sowohl der einen als auch der anderen Seite anbietet, die Jury-Entscheidung gegen einen Millionenbetrag in deren Sinne kaufen zu können.
Kurzkommentar
Kein wirklich schlechter Versuch von Regisseur Gary Fleder, dem üblichen Grisham-Gerichtsthriller ein paar neue Seiten abzugewinnen. Mit erhöhter Plot-Komplexität und einer dritten Partei neben Angeklagtem und Verteidiger versucht Fleder ein Plädoyer für Demokratie und gegen den Überwachungsstaat zu formulieren, kann dann aber doch nicht der Versuchung widerstehen, das, was er zu kritisieren vorgibt, selbst zu praktizieren.
Kritik
Die neueste Grisham-Umsetzung „Das Urteil“ spielt sich wie das hollywood'sche Spielfilm-Duplikat zu Michael Moores „Bowling for Columbine“. In beiden wird die Waffenindustrie indirekt für die hohe Mordrate in den Vereinigten Staaten verantwortlich gemacht, in beiden wird das fragwürdige Grundgesetz, dass jeder Bürger zur Verteidigung seiner selbst eine Waffe besitzen darf, angeprangert und in beiden werden Manipulation und Profitgier als Hauptursachen für die gesteigerte Angst um Freiheit und Sicherheit der einzelnen Bürger herangeführt. Aber auch auf formaler Ebene kommen sich Regisseur Gary Fleder und Michael Moore ziemlich nahe: trotzdem beide vorgeben, ein leidenschaftliches Plädoyer gegen die Überbedeutsamkeit und den Manipulationscharakter der Medien zu halten, greifen sie doch zu ähnlich effekthascherischen Mitteln.

Das ist denn auch das Hauptproblem des darstellerisch wie handwerklich kompetenten Unterhaltungsthrillers, der Gary Fleder hier durchaus gelungen ist: wie schon Jerry Bruckheimer mit seinem High-Tech Thriller „Der Staatsfeind Nr.1“ den Überwachungsstaat USA auf zynische Weise zur Unterhaltungsplattform machte, so nimmt auch diesem Film wohl kaum jemand seine an sich liberale Botschaft ab. All die Überwachungskameras, all die Flachbildschirme, all die modernen Speichermedien, permanente Spionage, Einbruch in die Privatsphäre, riesengroße Computer-Datenbanken, in denen zu jedem Bürger alles bis zur Schuhgröße gespeichert ist, das könnte man fast als regime- und gesellschaftskritisch auffassen, wäre es nicht nur so verdammt cool. Natürlich sind derart schnelle Schnittfolgen, permanente Atemlosigkeit und Wendungen im Minutentakt, wie sie Fleder hier produziert, Mittel des Mainstream-Films und man durfte wohl von vornherein kein charakterstarkes Drama wie Michael Manns „Insider“ erwarten, aber die Vergangenheit hat mit dem großen Vorbild, Sidney Lumets „Die 12 Geschworenen“, ja bereits eindrucksvoll bewiesen, dass Plädoyers für Demokratie und Rechtschaffenheit nicht zwingend derart reißerisch ausfallen müssen.

Trotz dieser methodischen Bedenken ist „Das Urteil“ aber wohl noch einer der besseren Grisham-Umsetzungen geworden, auch wenn das Kernthema nicht mehr so viel mit der Vorlage zu tun hat. (Nachdem Michael Mann im erwähnten „Insider“ bereits 1999 die Tabakindustrie ins Kreuzverhör genommen hatte, haben die Drehbuchautoren den Angeklagten von Grishams Roman kurzerhand in die Waffenindustrie abgeändert – kein allzu schlechter Umschwung, ist das Thema derzeit doch sicherlich brisanter.) Einer der größten Pluspunkte von „Das Urteil“ ist z.B. die Spannungsdramaturgie, der es beeindruckend mühelos gelingt, den Zuschauer trotz der medialen Wucht bei der Stange zu halten und mit Nicholas Easter/Marlee geschickt eine dritte Partei ins Rennen um die Gunst der Geschworenen schickt. So wird das arg simple Gut/Böse-Schema zwischen Ranking Fitch und Wendell Rohr etwas aufgeweicht und verkommt nicht zum bekannten David gegen Goliath-Muster. Trotz des süffisanten Duells zwischen Gene Hackman und Dustin Hoffman wäre das Interesse des Zuschauers ansonsten sicherlich schnell erloschen.

Dennoch ist „Das Urteil“ freilich mehr Schein als Sein und die überdurchschnittliche Plot-Komplexität des Thrillers kann auch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Momente der Menschlichkeit nur äußerst rar gesät sind – etwa dann, wenn Nick Easter erste Zweifel ob seiner Mission kommen und sich die ersten Drohungen gegenüber den anderen Geschworenen manifestieren; oder als Marlee nach einem nervenaufreibenden Gespräch mit Fitch in der Straßenbahn erstmal tief durchatmen muss und man ansatzweise zu spüren beginnt, wie unsicher sich die sonst so kühle Marlee gefühlt haben muss. Was dann aber leider repräsentativ für den gesamten Film steht: Coolness ist eben doch leichter zu inszenieren als echte Emotion.

Kompetenter Unterhaltungsthriller, freilich mehr Schein als Sein


Thomas Schlömer