Tricks
(Matchstick Men)

USA, 116min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Ridley Scott
B:Eric Garcia,Nicholas Griffin, Ted Griffin
D:Nicholas Cage,
Sam Rockwell,
Alison Lohman,
Bruce Altman,
Bruce McGill
L:IMDb
„Ein Krimineller? Ich bin ein Profibetrüger. Die Leute geben mir ihr Geld freiwillig”
Inhalt
Roy (Nicolas Cage) und Frank (Sam Rockwell) sind Profis: Kleinkriminelle, Trickbetrüger. Nepper. Schlepper. Bauernfänger. Zurzeit "verkaufen" der erfahrene Gauner Roy und sein Protegé Frank Wasserfilter, echte "Schnäppchen", für die ihre ahnungslosen Kunden das Zehnfache des eigentlichen Werts hinblättern, weil sie gleichzeitig am (gar nicht existierenden) Gewinnspiel teilnehmen und Autos, Schmuck und Flugreisen in ferne Länder gewinnen wollen. Diese Schiebung bringt den Gaunern hier ein paar Hunderter, dort ein paar Tausender ein - auf Dauer lohnt sich die lukrative Partnerschaft. Im Privatleben hat Roy allerdings weniger Glück. Der Kettenraucher leidet unter Zwangsneurosen und Platzangst, lebt völlig isoliert und verliert fast den Verstand. Als seine Macken allmählich auch seinen kriminellen Broterwerb gefährden, muss er wohl oder übel einen Psychoanalytiker (Bruce Altman) um Hilfe bitten.
Kurzkommentar
Mit „Tricks“ präsentiert Ridley Scott eine durchaus gewagte Mischung aus Gaunerkomödie und Vater-/Tochterdrama mit kräftigem Griff ins Neurosenkabinett. Jeder Teil ist dabei professionell in Szene gesetzt und schlüssig inszeniert, harmoniert sogar größtenteils mit seinen ungleichen Kollegen. Überzeugend ist Scotts Ausflug ins Komödienfach aber vor allem deshalb, weil er charismatische Charaktere bietet und die Effekthascherei letzten Endes nicht Überhand gewinnen lässt.
Kritik
Etlichen Hollywood-Produktionen wird vorgeworfen, sie seien ambitionslos, konventionell, experimentiermüde, gänzlich stereotypisch. Und schafft es dann ein etwas anderes Drehbuch verfilmt zu werden (und das auch noch unter prominenter Regie und Besetzung) wird sich gleich beschwert, der Film verfolge keine einheitliche Linie.

So der Tenor mancher Kritiker im Falle von Ridley Scott neuartigem Ausflug in die Welt der bunten Genre-Mixes. Scott, im normalen Leben Weltenvisionär („Blade Runner“, „Alien“, „Gladiator“) und ab und an auch Pathoskönig („G.I. Jane“, „1492“), setzt sich mit seinen verschmitzten „Tricks“ dennoch durch und gelang ein gleichzeitig liebenswerter wie anrührender Ausflug in die Welt der Komödie.

Zugegebenermaßen macht es „Tricks“ dem Zuschauer zu Beginn aber auch allzu leicht, seine unzähligen Genre-Versatzstücke identifizieren zu können und sich damit dem offensichtlichen Kritikpunkt des puren Eklektizismus stellen zu müssen: die Gaunerkomödie im Stile von „Der Clou“ oder (zuletzt etwa) „Catch me if you can“, der Kampf des neurotischen Individuums gegen sich und seine soziale Inkompetenz wie sie in „Besser gehts nicht“ thematisiert wurde und der bodenständige, geradezu klassisch dramatische Stoff des Vater-/Tochterkonflikts, der sich, ehe man sich versieht, als melodramatisch herausstellen könnte. Und auch handwerklich betreten Scott und seine Darsteller hier kein Neuland: Nicolas Cage war derart phobisch zuletzt in „Adaption“ zu sehen, Sam Rockwell gibt nochmals den Chuck Barris aus „Geständnisse“, der Soundtrack übt sich in klischeehafter Songwahl, die zu jeder legeren Gaunerkomödie gepasst hätte, Schnitt und Inszenierung setzen Roys Neurosen und Schwindelanfälle nach den üblichen Schemata in Szene.

Dass jeder Storyteil für sich so vermeintlich stereotypisch abgehandelt wird, erlaubt dann aber das Hervorkommen einer ganz anderen Qualität des Drehbuchs, nämlich seiner Fähigkeit diese Teile auf wunderbare Weise mischen und daraus etwas Neues generieren zu können. Nicht zuletzt dank Scotts routinierter Regie gelingt es „Tricks“ auf subtile Weise, jedem der Handlungsstränge genügend Raum zur Entfaltung zu geben und sie –was wichtiger und zugleich schwieriger zu realisieren ist– glaubwürdig miteinander zu verbinden; ein Kriterium, dessen Bewältigung nicht zuletzt den charismatischen wie ambivalenten Figuren zu verdanken ist. Wesenszüge wie die von Hauptfigur Roy Waller, der gleichzeitig abgezockter Trickbetrüger wie total überforderter Vater und von ausufernden Zuckungen geplagter Neurotiker ist, sollten sich eigentlich kaum vereinigen lassen und bisweilen wirken die starken Stimmungsschwankungen Roys leicht konstruiert. Sie funktionieren aber dennoch blendend zusammen, weil es die Drehbuchautoren Griffin verstehen, ihre Hauptfigur nicht unsympathisch und –ganz wichtig– nicht zynisch werden zu lassen. Von vornherein machen sie und Regisseur Scott klar, dass Roy Waller ein liebenswerter Mensch ist. Er betrügt zwar Leute (teilweise auch (vermeintlich) unschuldige), aber er ist kein Gewaltmensch, er ist kein proletenhafter Frauenheld, er gibt mit seinem Geld nicht an. Stattdessen bunkert er es, denn er hat keinen Menschen, für den er es ausgeben kann: seine Frau hat ihn aufgrund seiner Neurosen verlassen, sein Partner Frank ist maximal ein Kumpel, aber nicht mehr und mit neuen Kontakten muss er vorsichtig sein, weil er sonst auffliegt. Genau genommen ist er sogar eine richtig arme Sau: verlässt er sein Haus, suchen ihn phobische Ängste heim, sieht er einen Fleck auf dem Teppichboden, kriegt er kaum noch Luft, begegnet er der netten Kassiererin im Supermarkt, bringt er kein anständiges Wort heraus.

Dass er trotz seines unmoralischen Berufs zutiefst moralisch wirkt, zeichnet seine sympathische Ambivalenz aus und so ist er auf gewisse Weise mit Frank Abagnale Jr. aus Spielbergs „Catch me if you can“ zu vergleichen: beide bezahlen ihr lässiges Gaunerdasein mit der Einsamkeit. Aber während Abagnale äußerlich den Frauenhelden und Schelm geben kann, kämpft Waller mit seiner an sich total verkorksten Existenz, aus die ihn erst sein aufkommendes Verantwortungsgefühl als Vater zu befreien vermag. Und dieses entpuppt sich als eine weitere starke Komponente des Films: was andere Dramen in 120min nicht auf die Reihe bekommen, vermag „Tricks“ im Drittel seiner Laufzeit. Er bringt die Gefühle von Roy und Tochter Angela in kürzester Zeit glaubwürdig auf die Leinwand und vermag (im Hinblick auf das Ende) gleichzeitig sogar, dem Zuschauer einen an sich furchtbar hinterhältigen Trick aufzutischen, ohne dass er sich emotional hinters Licht geführt vorkommen muss.

Manchem Kritiker war aber auch das zuviel und so waren viele der Meinung, die Sequenz nach der bedrohlichen Einblendung „Ein Jahr später“ revidiere die ursprüngliche Absicht des Films und hintergehe seinen Kern. Das Gegenteil ist aber der Fall: indem Scott das Happy-, genau genommen gar das sentimentale Ende wählt, findet er die einzig richtige Pointe für seine Hauptfigur. Roy ist am Ende das, was er schon die ganze Zeit über war: ein harmloser, liebenswerter Mensch, der einen Neuanfang verdient hat.

Gelungener, durchaus mutiger Genremix mit ambitioniertem Drehbuch und tollem Nicolas Cage


Thomas Schlömer