Incredibles, The - Die Unglaublichen
(Incredibles, The)

USA, 115min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Brad Bird
B:Brad Bird
L:IMDb
„Mum and Dads Leben ist in Gefahr! Oder schlimmer noch: ihre Ehe!”
Inhalt
Stellen Sie sich vor, Sie wären Superheld. Was würden Sie alles tun? Genau diese Frage stellt sich auch Bob Parr, als er mal wieder in seinem Job als Versicherungsvertreter Akten auf seinem Schreibtisch hin- und her schiebt. Todlangweilige Unterforderung für einen Mann der Taten, der noch vor kurzem unter dem Pseudonym Mr. Incredible ein Superheld mit Mut und Mumm war. Auch seine unglaublich talentierte Familie kann ihn nicht trösten. Helen Parr, die einst als Elastigirl in die Geschichte der Superhelden einging, ist hauptsächlich damit beschäftigt, sich um ihre pubertierende Tochter Violetta und ihren hyperaktiven Sohn Flash zu kümmern, die ihre eigenen Superkräfte - Violetta kann sich unsichtbar machen und sich und andere mit einem unsichtbaren Kraftfeld schützen, Flash läuft gerne allen mit Super-Geschwindigkeit davon - erst noch beherrschen lernen müssen. Nur Baby Jack-Jack scheint ganz normal zu sein, macht aber nicht weniger Arbeit. So sieht sich Mr. Incredible seufzend dabei zu, wie er immer dicker wird und wie zugleich seine Superkräfte einrosten.
Kurzkommentar
Jedes neue Pixar-Werk hat den unbedingten Event-Charakter. Brad Birds Agenten- und Superheldenpersiflage hält den kolossalen Erwartungen stand, ist aber nicht unglaublich. Das Highlight des grafisch durchgestylten Films ist die „Belebung“ der individuellen Heldenfiguren und besonders der (konservativen) Familie(werte). „Die Unglaublichen“ ist spannend und natürlich umwerfend witzig, motivisch ist er jedoch nicht immer einfallsreich.
Kritik
Superhelden verpflichten. Es wäre ziemlich anstrengend, das jeweils aktuelle Werk der Animations- und Innovationsgurus von Pixar in einer anderen Kategorie als der Superlative zu betrachten. „Die Unglaublichen“ hätten als gescheitert gelten müssen, wenn die gesammelte Filmkritik den neusten Pixar einmal nicht unisono als den neuen Heiligen Gral des Trickfilms ausgerufen hätte. Da die Konkurrenz, gleich, ob sie nun „Shrek“ oder sonst wie heißt, dem Witz und „Esprit“ von Pixar auf absehbare Zeit wohl keine Paroli wird bieten können, ist auch Brad Birds zweite große Regiearbeit der nötige große Wurf; an der Kasse zumal, wo „Shrek 2“ dann aber wohl doch nicht überholt wird. Und dennoch ist klar, worauf der umwerfend psychedelische Kurzfilm im Vorprogramm einstimmt: „Die Unglaublichen“ ist ohne Frage einer der besten Filme der letzten zwölf Monate.

Aber 2004 war andererseits eben nicht reich an Ausnahmestreifen, und: „Die Unglaublichen“ bietet zwar ziemlich glatte, brillante und fast makellose Unterhaltung, er ist aber nicht – unglaublich. Denn selbst, wenn Kritik hier schnell zur Krittelei und jeder Pixel zwei Mal gewendet wird: Gemessen an dem unausgesprochenen Selbstverständnis des Studios, der Konkurrenz vor allem nicht technisch, sondern dadurch eine dicke Elle voraus zu sein, dass mit jedem neuen Streifen das Rad des digitalen Drehbuchs neu erfunden wird, muss „Die Unglaublichen“ als der bisher „schwächste“ Pixar-Film gelten. Sieht man die Actionkomödie als Persiflage auf das gesamte Superheldengenre und damit im Kontext, wirkt die Ausgangsidee nicht mehr so umwerfend originell wie z.B. noch der Einfall des letzten Hits, einen Fisch in den Weiten des Ozeans nach seinem verlorenen Sohn suchen zu lassen.

Denn im Kino herrscht mit „Spiderman“, Comicverfilmungen am laufenden Meter und im kommenden Jahr „Batman“ ohnehin schon Hochkonjunktur der Capeträger. Sicher, eine Parodie bekannter Elemente, hautenger Trashoutfits und albern erstarrter Handlungsmuster ist hier immer angebracht. Gesunde Selbstironie gehört jedoch im Genre mittlerweile auch zum nötigen Grundton, der 60er-Style ist zudem aus „Austin Powers“ zu Genüge abgelutscht. Und auch der erzählerische Kern, der in „Die Unglaublichen“ gleichzeitig zur großen technischen Herausforderung wird, ist als „schizophrene Identitätskrise“ altbekannt: Die Welt zu retten, das ist für alle Superhelden nur ein Job. Aber sich selbst, die Familie? Nichts scheint größer als die Sehnsucht nach Normalität, als ein Heraustreten aus dem gewaltigen, aber auch gewaltig einsamen Ruhm im Kostüm. Also das Bedürfnis nach schlichter Menschlichkeit – jenseits des Plots für Grafiker ein ganz heikles Thema.

Wohl nichts ist für Computerkünstler eine größere Aufgabe, als die komplette Physiognomie des Menschen samt Haaren und Poren in Bits und Bytes wiederzubeleben. Ignoriert wird dabei aber ein Phänomen, das das Unterfangen schon vor vornherein ad absurdum führt: Vielleicht mag rendernde Verausgabung Sinn machen, um tote Filmlegenden, die Monroe z.B., noch einmal auftreten zu lassen – wenn es denn in überzeugender Qualität eines Tages gelingen mag, was wohl außer Frage steht. Aber das Kino wird – das wird leicht vergessen – vor allem wegen der gegenwärtigen Stars aus Fleisch und Blut aufgesucht. Sie verfügen weit über den jeweiligen Film hinaus über eine „Aura“, die digitalen „Schauspieler“ immer abgehen wird. Das hat der unterschätzte „Final Fantasy“ 2001 nicht verstanden und protzte, zugegeben beeindruckend, mit dem Versuch, „menschliche“ Menschen auf der Festplatte zu erzeugen.

Im Ergebnis wirkten sie aber ziemlich puppenhaft, ja tot. Das Problem also: Computergrafiker sind weiterhin mit dem Dilemma konfrontiert, dass digitale, bis in ins letzte Detail zumindest versucht realistisch rekonstruierte Menschen „unmenschlich“ wirken. Pixar findet natürlich die perfekte Lösung dadurch, dass der grafische Entwurf der Figuren ein bestimmtes, aus vorigen Filmen bekanntes Detailschema nicht überschreitet. Damit, durch ein Verharren in relativ abstrakter Darstellung, ist auch die Freiheit gegeben, Körperproportionen comichaft zu überzeichnen, wie Gummi zu dehnen und so weiter – und dabei dennoch „glaubwürdig“ zu wirken. Auch die zweite, damit verbundene Herausforderung meistert Pixar als Meister des Faches: Wenn schon Fische als emotional glaubwürdige, lebendige Charaktere entworfen werden, sollte das erst recht bei „Menschen“ gelingen.

Und tatsächlich schafft es Brad Bird, sein Team und Rechnerpark, jede einzelne Figur des überwiegend umwerfend witzigen „Die Unglaublichen“ mit unglaublich viel Leben zu füllen. Gerade bei der Ausbuchstabierung der, wenn man möchte, nur bedingt innovativen Grundidee zeigt sich wieder die einsame Klasse des Studios: Dass Superhelden von der Regierung in den Ruhestand versetzt und zu einem Leben in der bloßen Tarnung der Normalität gezwungen werden, bereitet den Ausgangspunkt für großen Slapstick, der mit der von Pixar gewohnten Pointengenauigkeit auch im „innerfamiliären“ Bereich sagenhaft gelingt. Überhaupt die Familie: Seine stärksten Momente hat „Die Unglaublichen“ zum einen in dem Einfall, gleich eine ganze Familie von Superhelden abzubilden, zum anderen darin, wie das soziale Miteinander eingefangen wird.

Das muss unweigerlich auf „erzkonservative“ familiäre Werte hinauslaufen. Kennt man. Aber die Reibereien wie das Füreinander von „Elastigirl“ und „Mr. Incredible“, von Jack und Violett, sind schwer amüsant und der Gefühlshaushalt der Figuren derart nahe gehend, dass das Absurde geschieht: Der Filmkuss zwischen Mum und Dad wirkt durch alle Pixel „echt“, ja intim. All das und die menschlichen Schwächen bekommen aber nur bedingt Raum, weil die äußere Handlung um einen durchgeknallten, abgewiesenen Fan, der als „Syndrome“ am Ende der einzige Held und wohl doch auch nur geliebt sein will, das treibende Moment ist. Dabei wird „Die Unglaublichen“ aber unweigerlich ein Stück weit zum Szenenopfer der eigenen parodistischen Absicht: Indem Motive der Bond- und Superheldenstreifen noch weiter ausgeleitert werden, fährt sich Bird trotz allen Witzes in der Spannungskurve mitunter in Szenen fest, die viel Action, aber nicht immer Begeisterndes bieten.

„Die Unglaublichen“ hat dadurch im Mittelteil durchaus mit dem Anflug leichter Längen zu kämpfen und es ist schade, dass der z.T. brilliante Wortwitz oft einer gezwungenen, doch genretypischen Großmannssucht weicht, der es um den möglichst effektreichen „körperlichen“ Schlagabtausch von stereotypem Bösewicht und der unglaublichen Familie geht. Die Technik ist zuweilen nicht mehr Mittel zum Zweck einer über allem stehenden Geschichte, sondern Selbstzweck. Diese Tendenz ließ sich schon in vorigen Pixar-Werken beobachten. So mag man es ein wenig bedauern, dass „Die Unglaublichen“ gradlinig, in einem lärmenden Ende überraschungsarm und sich damit überwiegend genug ist, alle möglichen Superheldenszenerien zu parodieren, statt selbst Neues zu erfinden. Diese Kritik mag man aber auch als bemüht abtun, denn Pixar schafft es, mit perfekt dosierter Technik und rasanter story line eine schwer sympathische Heldenfamilie zu erzeugen. Unter dem Strich lässt sie selbst „Spiderman“ ziemlich blass aussehen.

Schwer amüsante Superheldensatire mit Schönheitsfehlern


Flemming Schock