Mystic River

USA, 137min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Clint Eastwood
B:Dennis Lehane,Brian Helgeland
D:Sean Penn,
Tim Robbins,
Kevin Bacon,
Laurence Fishburne,
Marcia Gay-Harden
L:IMDb
„Gott hatte vielleicht noch eine Rechnung mit ihm offen und hat nun abkassiert”
Inhalt
Als Kinder in East Buckingham, dem rauen Arbeiterviertel von Boston, haben Jimmy Markum (Sean Penn), Dave Boyle (Tim Robbins) und Sean Devine (Kevin Bacon) wie viele Jungen zusammen auf der Straße Hockey gespielt. In dieser Gegend passierte selten etwas – bis zu dem Tag, an dem Dave vor den Augen seiner Gefährten in ein Auto gezerrt wurde. Danach war nichts mehr wie vorher. 25 Jahre später werden sie durch eine weitere Tragödie erneut miteinander konfrontiert: Als Jimmys 19-jährige Tochter Katie brutal ermordet wird, übernimmt Cop Sean den Fall. Zusammen mit seinem Partner Whitey Powers (Laurence Fishburne) versucht er das Rätsel hinter dem scheinbar sinnlosen Verbrechen zu lösen.
Kurzkommentar
Clint Eastwood führt das Hollywood-Kino aufs bodenständige Charakterdrama zurück und entwickelt mit „Mystic River“ eine vielschichtige, ambivalente Studie zu Gewalt und deren Entstehung. Mit beeindruckender Besetzung und sicherer Inszenierung mangelt es seinem Thriller vielleicht an vordergründiger Spannung, aber dafür weder an psychologischer Tiefe noch an faszinierender Komplexität. Der ein oder andere Oscar findet hier sicher seinen Abnehmer.
Kritik
Es ist die Gewalt, die jedem Menschen innewohnt, und die Clint Eastwood seit jeher interessiert hat. Vom wenig zimperlichen, zynischen Revolverhelden in Sergio Leones „Dollar“-Trilogie über fünf „Dirty Harry“-Teile bis hin zum selbst inszenierten Spätwestern „Erbarmungslos“ hat Eastwood schon mehr als häufig Gewalt ausgeteilt, eingesteckt, seziert, ignoriert, physisch erfasst, psychisch durchlebt. Kaum einem ist gleichzeitig Abgestumpftheit, Coolness, Melancholie und Weisheit so sehr ins Gesicht geschrieben wie ihm. Aber auch ein Eastwood wird älter und auch ein Eastwood wird nachdenklicher. Sinnierte bereits sein vierfacher Oscar-Erfolg „Erbarmungslos“ über Zweck, Moral und Ursprung von Gewalt, so kann sein neuestes Drama als konsequente Weiterführung seines Lieblingsthemas gelten. „Mystic River“ erforscht Ursachen und Auswirkungen von Gewalt, verpackt diese in einen „handelsüblichen“ Kriminalplot und formuliert seine Thesen mittels drei Haupt- und etlichen Nebenfiguren. Was ihm dabei zugute kommt, ist seine Unmittelbar-, seine Ehrlich- und seine Schnörkellosigkeit, was darunter leidet ist die oberflächliche Spannungskurve eines regulären Thrillers. Wer also eine hochprofessionelle Folge des „Tatort“ erwartet, wird evtl. etwas enttäuscht.

Dabei macht Eastwood bereits in der sogartigen, bis zur Unheimlichkeit stillen Eröffnungssequenz klar, dass hier kein vordergründiger Thriller erzählt werden soll, sondern ein psychologisches Drama voller Gegensätze, Tragik und innerem Schmerz. Als der kleine Dave zu einem vermeintlichen Polizisten ins Auto steigen muss und durchs Heckfenster einen letzten Blick zu seinen zurückgebliebenen Freunden wirft, wird nach wenigen Einstellungen bereits unmissverständlich klar: hier hat das Leben eines Menschen gerade die entscheidende Wende genommen und die wird ihn für immer prägen. Ein junges Gesicht, eingerahmt von der Karosserie eines amerikanischen Durchschnittswagens, dazu das quälend langsame Röhren des Motors, und schon ist die Stimmung des Films definiert. Passend dazu der halbfertige Name im Zement: die „normale“ Kindheitsentwicklung stoppt an diesem Tag.

Was Eastwood seinem Thema nun abgewinnt, ist in seiner konzentrierten Vielschichtigkeit durchaus beeindruckend. Zunächst eruiert er diverse Ursachen von Gewalt: die „willkürliche“ (Dave wird mehr oder weniger zufällig Opfer des Kinderschänders – es hätte auch einer der anderen Jungen vom angeblichen Polizisten ins Auto gezwungen werden können), die gezielte, „aufarbeitende“ (Dave schlägt auf den fremden Pädophilen ein, um seine Vergangenheit zu bewältigen), die „unkontrollierte“ (Jimmy ist – im Kern – ein sorgenvoller Vater, wuchs aber in einer Welt voller Kriminalität auf und kann sich deren Versuchungen schließlich nicht erwehren), die gleichgültige, „abgestumpfte“ (die Savage-Brüder, die Jimmy zur Seite stehen und als hirnlose Handlanger kein Gewissen haben) sowie die „unvorsichtige“, die Auswirkung völlig aus den Augen verlierende (Katie wird ermordet, weil die Jungen ihr „eigentlich nur Angst einjagen wollten“).

Jede der Ursachen trägt dabei unterschiedliche Konsequenzen, hat andere Auswirkungen zur Folge: die Misshandlung von Dave führt dazu, dass er sein Leben lang introvertiert, psychisch äußerst labil, geradezu apathisch geblieben ist. Seine Vergangenheit führt schließlich zu neuer Gewalt, als er den Pädophilen zur Rechenschaft zieht und muss dafür schließlich – wenn auch durch ein „Missverständnis“ – bezahlen (wäre er nicht blutüberströmt nach Hause gekommen, man hätte ihn nie verdächtigt).

Im Falle Jimmys führt die Kindheit (und die Bostoner Umgebung) dazu, dass er jähzornig, hitzköpfig und kriminell wird. Trotzdem Sean Penn mit seinem gekonnten Schauspiel immer die Nuance betont, dass Jimmy lediglich ein liebevoller Vater sein möchte (er albert sogar während der Kommunion seiner Tochter herum) und diese ganze Gewalt nicht will (eine Zerrissenheit, die sich besonders vor der Ermordung Daves zeigt, als er ihn gestehen und am Leben lassen möchte), kann er sich letztlich nicht gegen seine dunkle Seite und die äußeren Einflüsse wehren: er tötet einen echten Freund. Er hatte seine kriminelle Vergangenheit bis dato unter Kontrolle; erst als ihm selber Gewalt widerfährt, entspringen seine Rachegelüste erneut.
Der dritte Jugendfreund, Sean, entwickelte sich derweil in die andere Richtung: als Polizist der Mordkommission geht er der Gewalt auf den Grund und versucht sie zu bekämpfen, weiß aber genau, dass er in brenzligen Situation selber zu ihr greifen muss.

Doch selbst der rechtschaffene der drei Freunde ist in gewissem Sinne ein gebrochener Charakter. Während Dave mit seiner Vergangenheit und Jimmy mit seiner Selbstbeherrschung kämpft, kommt Sean nicht über die Trennung von seiner Frau hinweg. Trotzdem beide einander vermissen, kann die zwischen ihnen stehende, emotionale Barriere erst überwunden werden als sich der Fall und damit der innere Knoten bei Sean löst. Und indem Eastwood die psychologisch bedingte Unfähigkeit zu sprechen (Seans Frau) der körperlichen (Harris’ stummer Sohn) gegenüberstellt schlägt Eastwood dann auch wieder den Bogen zur Kindheit bzw. Jugend; dem Ort, wo seiner Meinung nach die Ursache von Gewalt in den meisten Fällen verwurzelt ist.

Insgesamt ordnet Eastwood die seelische Sezierung seiner Charaktere immer dem eigentlichen Plot über, was sich vor allem im offenkundigen Desinteresse an vordergründiger Spannung manifestiert. Wer der Mörder von Katie war und ob Dave tatsächlich schuldig ist, sorgt zwar für ausreichend Interesse, gefeiert wird die Erfassung des Mörders hingegen nicht. Der Film konzentriert sich lieber auf den Augenblick, an dem Sean Jimmy über den Fall aufklärt und dieser im stärksten Moment des Films erkennen muss, gerade eben seinen vermutlich treuesten Freund umgebracht zu haben. Dass man hierbei immer noch Sympathie für Jimmy, den brutalen Kleinkriminellen, aufbringen kann, ist Indiz für die Qualität des Drehbuchs von Brian Helgeland.

Als Schlussbild wählt Eastwood zu guter Letzt eine Straßenparade, Sinnbild für das kleinbürgerliche Glück Amerikas. Die Charaktere des Films sind versammelt, um an einem unbeschwerten Tag ihre Vergangenheit zu vergessen und einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen: Sean mit seiner Frau und der neugeborenen Tochter, Jimmy mit seiner Familie, Daves Frau, die ihrem Sohn in der Parade zuwinkt. Sean verbildlicht mit seiner Hand das Abdrücken einer Waffe und Jimmy gestikuliert achselzuckend in die Kamera als ob er sagen möchte: du kannst mir nichts anhaben. Ebenso wenig wie die Gewalt.

Darsteller- und charakterstarkes Drama von komplexer Doppelbödigkeit


Thomas Schlömer