Whale Rider

Neuseeland, 101min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Niki Caro
B:Witi Ihimaera,Niki Caro
D:Keisha Castle-Hughes,
Rawiri Paratene,
Vicky Haughton,
Cliff Curtis,
Grant Roa
L:IMDb
„You don't mess around with sacred things!”
Inhalt
Die Maori-Bewohner eines kleinen neuseeländischen Küstenorts führen ihre Herkunft auf Paikea, den Walreiter zurück. Seit über tausend Jahren trägt ein männlicher Nachfahre aus jeder Generation diesen Titel. Nun ist die Zeit für einen neuen Erben gekommen. Als jedoch der Hoffnungsträger bei der Geburt stirbt und nur dessen Zwillingsschwester überlebt, sieht sich Stammesoberhaupt Koro (Rawiri Paratene) nicht imstande, seine Enkelin Pai(kea) (Keisha Castle-Hughes) als zukünftige Anführerin zu akzeptieren. Koro, überzeugt davon, dass das Unglück seines Stammes mit der Geburt Pais begann, ruft sein Volk dazu auf, ihm seine Söhne zu bringen, um unter ihnen den neuen Anführer zu ermitteln. Dieser soll den Stamm wieder aus all seinen Schwierigkeiten herausführen. Die 12-jährige Pai, die ihren Großvater Koro mehr als jeden Anderen auf der Welt liebt, muss sich nun gegen diesen und eine tausendjährige Tradition auflehnen, um ihre Bestimmung zu erfüllen.
Kurzkommentar
Niki Caros Publikumserfolg „Whale Rider“ entpuppt sich als vielschichtiger, elegischer Versuch, das mythologische Gedankengut der Ureinwohner Neuseelands mit klassischem Generationen- und Traditionskonflikt zu paaren. Dass er dabei auf so wunderbare Weise funktioniert, liegt zum einen an seinen durchweg charismatischen Darstellern, zum anderen an Caros mutiger und ausgereifter Inszenierung. „Whale Rider“ ist nicht nur „einfach schön“, er ist von (sprichwörtlich) märchenhafter und träumerischer Sicherheit.
Kritik
Manchmal passiert eben doch noch, dass die pure Qualität eines Films alleinig für dessen Erfolg verantwortlich zu sein scheint; dass Mundpropaganda, euphorische Kritiken und zufriedene Gesichter einem Film auch international die Türen öffnen. So nun geschehen bei Niki Caros „Whale Rider“, einer unter anderem mit deutscher Förderung entstandenem neuseeländischen Drama um den Maori-Stamm, ihren patriarchalischen Wertvorstellungen, ihren Traditionen, ihrer Geschichte, ihrem Glauben. „Whale Rider“ konnte bei einigen der bedeutendsten Filmfestivals Amerikas jeweils den Publikumspreis gewinnen (Sundance, Toronto, Seattle, San Francisco) und avancierte so zum kleinen Publikumsphänomen, das die Herzen seiner Zuschauer nicht unberührt ließ. Dementsprechend beworben wird der Film nun auch in Deutschland: statt Zitaten von der Süddeutschen, der TAZ, FAZ oder dem Spiegel werden Zuschauerkommentare einer Vorpremiere aus Münster aufgelistet, komplett mit Altersangabe des Besuchers sowie einer Benotung nach dem klassischen Schulsystem. Die meisten Noten sind „sehr gut“ oder „gut“, nur ein „mangelhaft“ hat sich mit dem (wiederum als Lob zu wertenden) Kommentar eingeschlichen: „Und ich dachte in Neuseeland leben nur Hobbits und Elfen“.

Dennoch ist „Whale Rider“ kein Film, der es jedem Recht machen möchte und nur aus diesem Grund dem „breiten“ Publikum gefällt. Seine Qualitäten liegen viel mehr in seinem märchenhaften Charakter, seinen starken Figuren, seiner Universalität. Trotzdem das Hauptthema des Films (das Aufbegehren gegen traditionelle Werte) geradezu klassisch (böse Zungen würden es klischeehaft nennen) erscheint, bietet „Whale Rider“ mehr als den einfachen Konflikt der Generationen. Spätestens dann, wenn Pai ihre bewegende Rede während der Schulaufführung hält und Caro der Versuchung nicht nachgibt, den Großvater noch in letzter Sekunde erscheinen zu lassen, zeigt sich die Größe des Stoffs. Zwar sieht Koro seine „Sturheit“ letztendlich ein und macht sich auf den Weg zu der Aufführung (etwas, von dem nur die Zuschauer, nicht jedoch die Figuren etwas erfahren), sein Weg endet jedoch unmittelbar vor der Haustüre als er den ersten der Wale am Strand entdeckt: Koro ist für den Frieden mit seiner Enkelin noch nicht bereit, die Rituale, die Tradition holen ihn ein, das Verhältnis zwischen ihm und Pai ist für eine Aussöhnung noch nicht geeignet. Was folgt ist die direkte Auseinandersetzung des Maori-Stammes mit ihren Legenden und Symbolen, nur noch unterschwellig die Lösung des Konflikts zwischen Koro und Pai. Dass Caro hier weniger auf Allegorien und Symbolhaftigkeit zurückgreift und die Wale explizit in Szene setzt, sogar soweit geht, dass Pai die Rolle des historischen Paikea nachlebt und ihren Großvater ein tatsächliches „Wunder“ (der Ritt des Wales) vor Augen führt, mag man der Regisseurin als etwas plump und phantasielos auslegen. Es unterstreicht aber den märchenhaften Charme des Films und zeigt seine Ambitionen, Traum und Wirklichkeit auf berührende Weise zu vermischen. So hebt Caro ihren Stoff weit über das hinaus, was in den üblichen „Kinderfilmen“ versucht wird, erreicht nicht nur eine sinnliche, sondern auch eine transzendentale Wirkung, ein Gefühl, von dem der gemeine Zuschauer sagen würde: „einfach schön“.

In solchen Momenten auch leicht-mythologischer Verklärung wirkt „Whale Rider“ in etwa wie die geschönte Variante von Lee Tamahoris „Die letzte Kriegerin“, der 1994 die ganz und gar nicht märchenhafte, soziale Realität des Maori-Stamms in Neuseeland thematisierte. Dennoch verfällt „Whale Rider“ größtenteils nicht der Romantisierung, zeigt, wie im Falle des perspektivenlosen Vaters des potenziellen Nachkömmlings Miro, der aus lediglich selbstbestätigenden Gründen das Gelernte seines Sohnes bestaunen kommt, auch die weniger erstrebenswerte Seite der Maoris. Ebenso wäre es ein Leichtes gewesen, Pais Vater (so gut wie selten: Cliff Curtis) als lieb- und emotionslos zu charakterisieren, die Flucht vor seiner Tochter mit Verantwortungslosigkeit und Egoismus gleichzusetzen. Caro aber zeigt lediglich seine Verletzbarkeit, die Last, mit der er als „gescheiterter“ Sohn zu kämpfen hat und seinen Glauben, Pai wachse bei ihren Großeltern unter glücklicheren Umständen auf als bei ihm in Deutschland. Dass Caro auch die Nebenfiguren mit soviel Leben füllt, zeigt nicht zuletzt ihr Talent für tiefsinnigere Romanadaptionen.

Träumerisches Märchen von äußerer und innerer Schönheit


Thomas Schlömer