Auto Focus

USA 2002, 107min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Paul Schrader
B:Robert Graysmith,Michael Gerbosi
D:Greg Kinnear,
Willem Dafoe,
Rita Wilson,
Maria Bello
L:IMDb
„I´m a normal redblooded american man: i like to look at naked women. I love breasts. Boobs, Balloons, Bazongas. Any kind. The bigger the better.”
Inhalt
Nichts erträumt sich der erfolgreiche Radio-DJ Bob Crane (Greg Kinnear) mehr, als bei der Öffentlichkeit einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Schneller als erwartet erfüllt sich der Traum für den selbsterklärten Saubermann und braven Familienvater: Mit der Hauptrolle in der Serie „Ein Käfig voller Helden“ wird er 1965 über Nacht zum Star. Doch der neue Ruhm hat auch eine Schattenseite: Mit seinem neuen Freund John Carpenter (Willem Dafoe), einem gerissenen Videotechniker, erliegt er fast allabendlich der Versuchung, mit immer neuen Frauen nicht nur ins Bett zu steigen, sondern das Liebesspiel auch stets auf Video festzuhalten. Selbst als nicht nur sein Privatleben, sondern auch seine Karriere den Bach hinunterzugehen drohen, erkennt Crane nicht, wie gefährlich, lebensgefährlich seine Sucht nach Sex, Lügen und Video tatsächlich ist.
Kurzkommentar
Klein aber bemerkenswert, das ist die Filmbiographie „Auto Focus“ von Paul Schrader. Basierend auf einem Tatsachenroman balanciert das tragikomische Psychostück um die verhängnisvolle Sexsucht eines TV-Stars sicher zwischen Humor, Ironie und Ernsthaftigkeit. Der Absturz in den Triebsumpf ist in diesem Kontext ein bemerkenswert unverbrauchtes Thema. Über dramaturgische Straffungsprobleme tröstet das brillierende Duo Greg Kinnear/Willem Dafoe problemlos hinweg.
Kritik
Die Kausalität ist einfach: Erfolg macht sexy und süchtig nach Sex, der wiederum einfach zu bekommen ist. Nicht wenigen Showgrößen wird Popularität und Starexistenz zu Kopf oder auch in andere, tiefere Regionen gestiegen sein. Das galt in den ohnehin „wilden“ 60er-Jahren scheinbar exemplarisch für den ehemaligen Radiomoderator Bob Crane, der als Hauptdarsteller in der TV-Serie „Ein Käfig voller Narren“ zu überraschendem Ruhm gelangte. Durch diesen beeinflusst gab sich Crane mit den Jahren einem immer orgiastischeren Lebensstil hin, seine Karriere versumpfte, 1978 fand man ihn schließlich ermordet auf. Die Umstände blieben seitdem ungeklärt. Klar, so viel Exzess des wirklichen Lebens verlangt einen kinoreifen Auftritt.

Der Aufgabe dieses „Biopics“ nahm sich Paul Schrader an. Der 1946 Geborene drehte bisher auch einige Filme, hat sich aber vor allem als Drehbuchautor für Martin Scorsese („Taxi Driver“ und „Bringing out the Dead“) einen bis heute wirkenden Namen gemacht. Für „Auto Focus“, seine vierzehnte Regiearbeit, stützte er sich auf die Buchvorlage von Robert Graysmith, das Screenplay vertraute er dem Neuling Michael Gerbosi an. Mit erstaunlichem Ergebnis. Denn auch wenn „Auto Focus“ langatmig geraten ist, gelingt Schrader doch ein außergewöhnlicher Film über die Mechanismen und Entwicklung des selbstzerstörerische Sexzwangs eines Mannes im Showbusiness. Die pointierte Umsetzung der Thematik ist aber zuvorderst der brillanten Darstellerwahl geschuldet.

Willem Dafoe sollte hier schon Grund genug sein, „Auto Focus“ anzusehen. Er ist einer der Großen im Hintergrund, scheint gar nicht zu altern. Wo er noch zuletzt noch im albernen Plastikkostüm des gründen Goblin in „Spider-Man“ gefangen war, so darf er hier als zweiter Hauptdarsteller aus dem Vollen schöpfen. Ihm an die Seite stellt Schrader Greg Kinnear, der sich bisher mit knapper dimensionierten Auftritten begnügen musste („Nurse Betty“, „The Gift“, „Wir waren Helden“). Ein absoluter Glücksgriff, die Rolle, die Kinnear bekannter machen sollte. Er verleiht der Figur des zunehmend kopulationsgeilen TV-Stars jede nur denkbare Nuance und macht die psychologische Entwicklung vom orthodoxen Ehemann und Vater zum Sexmonster mit Imageproblem glaubwürdig sichtbar.

Die Besessenheit, die den passiv dargestellten Crane in die bedingungslose Selbstbezüglichkeit, in den „Auto Focus“ treibt, bringt Kinnear ohne manierierte Mätzchen zum Ausdruck und schafft es mit subtilen Spiel, selbst dahinter noch weitere Abgründe vom letzten Triebkick aufblitzen zu lassen. Passgenau spielt Willem Dafoe den Videospezialisten, der als Freund Cranes in dessen Popularitätsheckwelle zahllose Frauen beglücken und an Orgien nicht nur teilnehmen, sondern sie erst möglich machen darf. Doch es ist ein symbiotisches Verhältnis mit unendlichem Steigerungspotential: erst mittels der revolutionären Videotechnik verleitet Carpenter Crane, seine Obsessionen hemmungslos auszuleben und das Ergebnis auf Band zu bannen.

Durch Gegenseitigkeit erfolgt ein immer tieferes Abrutschen in den Kreislauf einer Triebexistenz: Jeder Tag ohne Sex ist ein verlorener Tag. Mit gewohnter Souveränität verleiht Dafoe seinem Charakter eine höchst unterhaltsame Doppelbödigkeit Crane gegenüber und balanciert großartig zwischen gerissenem Pragmatismus, Orgienkollegentum und ergebener Freundschaft. Die Ausnahmeleistungen von Dafoe und Kinnear werden durch Schwächen des dramaturgischen Gerüsts gemindert. In der knapp zweistündigen Laufzeit von „Auto Focus“ wird Kinnears Figur zwar in jeder Facette ausgelotet, aber durch einen Mangel äußerer Handlung wirkt der Streifen zäh und repetierend. Eine weitere Konzentration auf die Entwicklung der Verhältnisse zu seinen Ehefrauen wäre wünschenswert gewesen.

Hier kränkelt „Auto Focus“ ein wenig, denn trotz aller Glaubwürdigkeit dringt die Psychologie nicht tief. Wäre das aber der Fall gewesen, wäre Schrader mit „Auto Focus“ sicher nicht ein derart amüsanter Film gelungen, der sich sicher auf dem Grad zwischen Komödie und Tragödie bewegt. Ohne sich über das womöglich leicht anstößige Sujet lächerlich zu machen, besticht „Auto Focus“ durch klug platzierten Humor. Letztlich geht es ja auch um Lebenslust. Wie diese Lust mehr und mehr von Crane Besitz ergreift, wird auch auf formaler Ebene geschickt transportiert: mit zunehmendem Verfallsprozess wird die Farbgebung blasser, die Kameraführung zitterig. Und wenn sich im Ende im ironischen Off-Kommentar eigentlich eine Unmöglichkeit kundtut, hat hier trotz oder wegen aller Körperlichkeit Optimismus gesiegt.

Ausgefallene Tragikomödie mit erstklassiger Besetzung


Flemming Schock