Dogville

Dänemark / Schweden / Frankreich, 178min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Lars von Trier
B:Lars von Trier
D:Nicole Kidman,
Paul Bettany,
Harriet Andersson,
James Caan,
Ben Gazzara
L:IMDb
„And from there it´s only one small step to forgiveness”
Inhalt
Die bildschöne Grace (Nicole Kidman) ist auf der Flucht vor einer Gangsterbande. In der isolierten Berggemeinde Dogville in den Rocky Mountains findet sie Zuflucht. Unterstützt von dem jungen Idealisten Tom (Paul Bettany), dem selbst ernannten Sprecher des Städtchens, wird Grace von der kleinen Gemeinde aufgenommen und vor ihren Häschern versteckt. Als Gegenleistung erklärt sich Grace bereit, jedem Einzelnen in der Stadt bei der Arbeit zur Hand zu gehen. Nur kurz währt die Idylle. Denn als ein Suchtrupp in Dogville nach Grace forscht und von den Bürgern wieder weggeschickt wird, verlangen die guten Menschen von Dogville ein höheres Entgelt für das Risiko, einer Flüchtigen Unterschlupf zu gewähren. Auf die harte Tour muss Grace lernen, dass Güte in dieser Gemeinde ein relativer Begriff ist. Aber Grace hat ein Geheimnis – ein gefährliches Geheimnis. Gut möglich, dass Dogville es bedauern muss, jemals die Zähne gefletscht zu haben.
Kurzkommentar
Lars von Trier erregt Aufsehen, ergreift, weil er irritiert. Das war so, wird so bleiben. „Dogville“ ist als Theateraufführung im Kino so technisch aufregend wie fordernd, belohnt aber durch die gewohnte erzählerische wie reflektierende Tiefe der Geschichte eines Dorfes und seiner moralischen Abgründe. Die Inszenierung hat unübersehbare Längen, doch hochkarätige Besetzung und die finale Pointe machen aus „Dogville“ ein bemerkenswert eindringliches Lehrstück über die Verführbarkeit des Menschen, über Sein zwischen Humanität und Brutalität, Schuld und Vergebung.
Kritik
Lars von Trier und Quentin Tarantino haben etwas gemeinsam. Beide sind unerbittlich, lassen programmgemäß keinen kalt; Tarantino neuerdings wieder durch seine Bilder, Trier, der Meister des Erzählkinos, durch die Emotionalität seiner Geschichte. Auch lassen sich beide von Film zu Film genug Zeit. Seit „Dancer in the Dark“, Triers letztem Film und streitbarem Meisterwerk, das seine so genannte Golden-Heart-Trilogie („Breaking the Waves“, „Idioten“, „Dancer in the Dark“) abschloss, sind gute drei Jahre vergangen. So war die Spannung groß und klar war nur, dass von Trier auch in Post-„Dogma“-Zeiten nicht zum handwerklichen und inhaltlichen Mainstream tendieren, sondern menschliche Abgründe mit hoher Tiefenschärfe auf erneut experimentelle Weise abbilden würde. Dass er aber formal die totale Kehrtwende macht, hätte niemand erwartet. Dementsprechend schlug „Dogville“ in Cannes große Wellen.

Denn jeder von Trier-Film fordert Diskussion der Form. War es nach dem „Dogma“-Prinzip bisher von Triers Absicht, die vorgegaukelten fiktiven Welten der großen Filme durch die berüchtigte „naturalistische“ Handkamera, durch fehlende Maske, durch Verzicht auf künstliche Ausleuchtung und sonstigen Firlefanz zu dekonstruieren und an ihre Stelle die Illusion eines „wirklichkeitsnaheren“ Film zu setzen, so verlagert er diese Wirklichkeit nun komplett in den Kopf des Sehenden. Konkret: Von Trier fordert Disziplin vom Zuschauer vor aller Handlung schon deswegen, weil diese sich auf der Bühne eines Theaters – oder besser: Studios – entwickelt. Von Trier überlagert damit auf gewagte Weise zwei völlig verschiedene künstlerische Darstellungsformen und stößt die Sehngewohnheiten damit natürlich erst einmal bewusst vor den Kopf. Das Theater, mit kärglichen Kulissen und minimalem Handlungsraum versehen, fordert die Phantasie des Zuschauers, der herkömmliche Film serviert die Phantasie bequem.

Das macht faul, aber eine wesentliche Dimension des Bühnentheaters geht in „Dogville“ doch gleich unter: die der Live-Performance. Der Film ist, wie ja jemand sagte, als Kunstwerk im technischen Zeitalter beliebig oft reproduzierbar, verliert dadurch etwas, das man „Aura“, Originalität, Wahrhaftigkeit nennen könnte. Das Theater hat genau diese auratische Dimension: keine Vorstellung ist aufgrund der Kommunikation von Publikum und Schauspielern völlig identisch, jede Nuance ist original, wirklich. Etliche der insgesamt einhundertachtzig Minuten – die Länge einer normalen Theateraufführung – gehen deswegen im Versuch verloren, sich als Zuschauer mit dieser neuen radikalen Form des provokanten Regisseurs abzufinden, sich mit ihr vertraut zu machen. Klar ist damit gleichzeitig die Leistung, die von Trier im Verzicht auf jede vorgetäuschte Wirklichkeit mit der Überzeugungskraft seiner Geschichte zu erzielen hat: sie muss die Lust zur Vorstellungskraft beim Zuschauer wecken.

Verzicht auf die klassischen Bühnenanweisungen des Theaters, die Erhebliches für die imaginäre Belebung des vorgegebenen amerikanischen Dorfes in der Prohibitionszeit bringen, möchte sich von Trier dann doch nicht leisten. Wenn im englischen Original der altbekannte John Hurt unablässig jeden einzelnen Gegenstand, der für den Zuschauer auf der nur aus Relikten von Kulissen bestehenden Bühne nicht sichtbar ist, ebenso in extenso umschreibt wie Profile und innere Entwicklungen der Akteure, dann ist „Dogville“ so prosaisch wie intelligent. Diese Unmengen von reflektierenden Kommentaren, die das Wesen des Einzelnen wie das des Dorfes „an sich“ bestimmen, machen den Film dank der sonoren Vorleserstimme von Hurt fast zur Literatur. Dass von Trier seinen Reflexionen über Moral, Verfehlungen und sonstigen Unzulänglichkeiten des Menschseins Vorrang geben würde, war zu erwarten. Die Tonlage hat die richtige Balance zwischen Psychologisierung und Beobachtung, was erwartungsgemäß fordernd ist.

Die originelle inszenatorische Leistung besteht darin, dass von Trier mit der beweglichen, omnipräsenten Kamera, die mehr als nur einen Blickwinkel ermöglicht, ein weit differenziertes, dynamisches Blickfeld auf die Bühne freigibt, als es von Rängen aus in der Theatervorstellung möglich ist. Von Beginn an liegt die eindringlich eingesetzte Kamera ausforschend und erzählend auf den Gesichtern. Die dramengerecht in Kapiteln erzählte Geschichte ist so simpel wie komplex: eine schöne Großstadtfremde flüchtet sich in den selbstzufriedenen, hermetisch abgeschlossenen Organismus eines Dorfes, wo man ihr nicht mit Feindschaft, aber doch tiefer Skepsis begegnet. In einer Art sozialen Erprobungsphase hat sie ihre handfeste Anpassungsfähigkeit zu demonstrieren und erobert tatsächlich im Handumdrehen die Herzen der Bewohner. Das zeichnet „Dogville“, der enorme, aus dem Off kommentierte Zeitsprünge häufig vollzieht, nicht immer restlos plausibel. Es überrascht nicht, dass die Gutmütigkeit und Schönheit der Fremden bei verbreiteter Engstirnigkeit der Hinterwäldler bald in Gewissenlosigkeit, in perverse Verfügungsphantasien umschlägt.

Nicole Kidman spielt Grace – und eine Märtyrerin muss zwangsläufig diesen Namen tragen – mit der für sie mittlerweile üblichen Größe und Stille, wenngleich der Duldungsgrad, sobald das Dorf sie zu tyrannisieren beginnt, arg ins Surreale kippt. Aber es geht um Übersteigerungen, um Grundbefindlichkeiten menschlichen Charakters dadurch umso deutlicher herauszustreichen. Dass die Theateraufführung ein echtes Erlebnis wird, ist dem erlesenen Rest des Ensembles zu verdanken, voran Paul Bettany („A Beautiful Mind“, „Ritter aus Leidenschaft“), von dem man nicht nur in „Master and Commander“ an der Seite von Russell Crowe noch Einiges sehen dürfte. Bettany versieht den Charakter seines letztlich moralisch korrupten Möchtegerndichters spektakulär feinen Zügen. „Dogville“ lebt nicht davon, einen konsequenten Spannungsaufbau zu erzeugen, der die Bühne völlig vergessen machen würde. Als Aufführung bleibt der Film auf merkwürdige Art artifiziell.

Trotz Längen und Schwächen im Spannungsaufbau fesselt von Tier durch ein barockes, zentrales Musikthema, durch Lebendigkeit und Intensität der einzelnen Charaktere, durch die Freisetzung ethisch-moralischer Fragen und durch eine finale Zuspitzung des physischen wie psychologischen Terrors in einer perfiden Landwelt. Dass die moralische Bewusstseinsbildung beim Zuschauer im Ende auf extreme Weise düpiert wird, stand bei von Trier fast zu erwarten. „Dogville“ bewegt, weil seine Sezierung menschlicher Verhaltensweisen, die unabänderlich scheinen, ins Allgemeine weist. Nur sollte das Drama, das den en ersten Teil einer „Amerika“-Trilogie von Triers abgibt, handwerklich einmalig bleiben: mit gutem Grund sind Kino und Theater trotz gemeinsamer Geschichte zwei zu unterschiedliche ästhetische Medien.

Anspruchsvoll bewegendes Kinotheather mit beeindruckender Besetzung


Flemming Schock