Lost in La Mancha

USA / UK
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Keith Fulton, Louis Pepe
B:Louis Pepe, Keith Fulton
D:Terry Gilliam,
Johnny Depp,
Jean Rochefort,
Phlip Patterson
L:IMDb
„The windmills of reality fight back”
Inhalt
»Lost in La Mancha« dokumentiert die Entstehung bzw. das Scheitern von Terry Gilliams lang ersehntem Projekt »The Man Who Killed Don Quixote«, das aufgrund verschiedenster Produktionsschwierigkeiten nach bereits einer Woche eingestellt werden musste.
Kurzkommentar
»Lost in La Mancha« lässt einen nicht kalt: Das Scheitern gerade eines so genialen Regisseurs wie Terry Gilliam geht jedem Cineasten ans Herz. Die Dokumentation selbst bleibt dabei aber eher zurückhaltend und wirkt manchmal fast ein wenig erzwungen. Dennoch ein hochinteressantes Katastrophen-Protokoll.
Kritik
Eigentlich waren Keith Fulton und Louis Pepe angetreten, um die Dokumentation eines Meisterwerkes zu realisieren: Terry Gilliams Traumprojekt »The Man who Killed Don Qixote«, die moderne Adaption von Cervantes' Klassiker mit Johnny Depp und Jean Rochefort in den Hauptrollen. Bereits bei »Twelve Monkeys«, Gilliams vorletztem erfolgreichen Film hatten die beiden den Entstehungsprozess begleitet und mit »The Hamster Factor« dokumentiert.

Doch diesmal sollte alles anders werden. Eine Dokumentation ist ihr Film zwar geworden, aber die eines Meisterwerkes, das mit einer solch unglaublichen Anhäufung von Katastrophen zu kämpfen hatte, dass es schließlich eingestellt werden musste, nach nur einer Woche Drehzeit. Zunächst beginnt alles in geordneten Bahnen, und es ist eine wahre Freude Gilliams sprudelnde Kreativität und seinen kindlichen Enthusiasmus zu verfolgen. Doch dann tauchen die ersten Probleme auf. Die unerwartete Halbierung des Budgets und ein eine Woche vor Drehbeginn noch nicht unterzeichneter Kontrakt für Hauptdarstellerin Vanessa Paradis sind nur die kleineren Probleme. Dann wären da noch eine gar scheußlich klingende Halle, die eigentlich als Soundstage vorgesehen war und ein sorgsam vor Gilliam ausgewählter Drehort, der leider so nah an einer NATO-Flugzeugbasis liegt, dass man vor lauter Fliegerlärm sein eigenes Wort nicht mehr versteht. Doch damit nicht genug: Reissende Sturzbäche zerstören den Set, und der Hauptdarsteller Rochefort, von dem der ganze Film abhängt, fällt auf unbestimmte Zeit aus. Zunächst hoffen und bangen noch alle, drehen weniger wichtige Szenen, doch als sich abzeichnet, dass Rochefort für mindestens ein Jahr ausfällt, ist der Film endgültig geplatzt. Wie dreht man einen Film über Don Quixote ohne Don Quixote? Unmöglich. Die Nidergeschlagenheit des gesamten Trupps wird geradezu unangenehm greifbar, wenn »Lost in La Mancha« die schweigenden, verbitterten Gesichter der Teammitglieder zeigt. Und Gilliams Enttäuschung treibt einem bald die Tränen in die Augen.

»Lost in La Mancha« ist die Geschichte eines grandiosen Scheiterns, leider nicht die grandiose Geschichte eines Scheiterns. Will heissen: Die Dokumentation an sich, sieht man von ihrem dramatischen Inhalt ab, ist etwas fade und strohig. Mitunter schindet der Film Minuten mit mehr oder weniger sinnvollen Interviews, dokumentiert auch reichlich Banales. Zugegeben, ohne Filmmaterial und nur mit einer Woche Drehzeit (in der die meiste Zeit nicht gedreht wurde) ist es reichlich schwierig einen Film zu füllen, zumal die beiden Filmemacher zu Beginn nicht wissen konnten, dass sie später so wenig Material haben würden. Dennoch hätte man sich manchmal einen emotionaleren Zugang gewünscht, der nicht nur die Ergebnisse von außen betrachtet wiederholt, sondern eingehender betrachtet, analysiert. Beispielsweise wäre es doch nun wirklich nicht zu viel verlangt gewesen, Gilliam nach einer gewissen Erholungspause noch einmal zu seinen Empfindungen (und auch seinen weiteren Plänen) zu dem Film zu befragen. Die Interviews mit den restlichen Teammitgliedern sind zwar manchmal aufschlussreich, manchmal aber auch etwas länglich und wenig erkenntnisbringend. (Mehr in dieser Hinsicht bietet übrigens die Webseite des Verleichers IFC, zu erreichen über den Trailer-Link.)

Als Dokumentation von Gilliams Vision und dem Scheitern der Umsetzung ist »Lost in La Mancha« in jedem Fall sehr sehenswert - doch soll ja hier nicht Gilliams Film, sondern der von Fulton und Pepe beurteilt werden. Hier fehlt mir irgendwie eine größere emotionale Anteilnahme, eine tiefergehende Analyse. Die reine chronologische Aneinanderreihung der Fakten ist zu wenig. So ist das beste an dem Film das wenige Material, dass von Gilliams Projekt übrig geblieben ist - und dass einen wahrlich verzweifeln lässt, das Gilliams Vision scheitern musste.

Ergreifende, wenn auch stellenweise zu trockene Doku über Gilliams Scheitern


Wolfgang Huang