Große Haie - Kleine Fische
(Shark Tale)

USA, 90min
R:Bibo Bergeron, Vicky Jenson
B:Rob Letterman, Damian Shannon, Michael Wilson
L:IMDb
„Weißt du, ganz oben ist Don Lino, dann komme ich, dann kommen die normalen Fische, dann Walkacke und dann kommst du.”
Inhalt
Wer träumt nicht davon, ein Star zu sein? Oscar, ein kleiner, unglücklicher Fisch in der schillernden Unterwasserwelt, möchte in der Nahrungskette endlich weiter nach oben klettern - der miese Job als Walwäscher steht ihm längst bis zu den Kiemen. Eines Tages wird der Sohn des Hai-Mafiosi "Don Lino" von einem herabfallenden Angelhaken getötet - die Chance für Oscar, sich mit den Lorbeeren eines Helden zu schmücken. Schon bald macht seine Geschichte im ganzen Riff die Runde. Und Engelsfisch Angie schwimmt ihm ebenso hinterher, wie Fisch-Fatale Lola. Doch schon bald sind dem vermeintlichen Hai-Bezwinger die Mafia-Haie auf den Flossen. Und um Oscar und seine geschuppten Freunde schlagen die Wellen immer höher.
Kurzkommentar
Mit "Große Haie, kleine Fische" ist das zunehmend überstrapazierte Genre des computergenerierten Animationsfilms endlich bei der Normalität angelangt: der Mittelmäßigkeit. Mit endlosen, parodistischen Einlagen und gesteigertem Plapperanteil versucht Dreamworks Animation an die Genregrößen anzuknüpfen, hat dabei aber nichts zu erzählen. Stattdessen gibt es zahlreiche (Film-) Anspielungen und jede Menge Sprüche, von denen dann immerhin auch der ein oder andere ganz witzig ist.
Kritik
Mit "Shrek 2" konnte Dreamworks Animation kürzlich einen erhabenen Rekord feiern als sie bereits wenige Wochen nach dem Kassenknüller "Findet Nemo" dessen Einspielergebnisse deutlich übertrumpften und sich somit die Krone des "erfolgreichsten Trickfilms aller Zeiten" sicherten. Nun, mit "Große Haie, kleine Fische", kommt ein ganz eigener Rekord hinzu: sie liefern den ersten durch und durch mittelmäßigen Streifen ihrer Gattung ab. War seinerzeit schon "Ice Age" von den Blue Sky Studios (die sich demnächst mit "Robots" beweisen müssen) kein Film, der der Fantasie eines Pixar-Films Konkurrenz machen konnte und hatten auch Dreamworks' "Shrek" sowie "Shrek 2" ihre überdeutlichen Mängel, so waren sie doch allesamt noch überaus muntere und überdurchschnittlich inspirierte Arbeiten.

"Große Haie, kleine Fische" überzeugt in dieser Hinsicht weniger, vor allem, weil er von vorne bis hinten kommerziell durchkalkuliert wirkt: die Figur des Oscar erfasst die Hip-Hop/R&B-Kultur, die Anspielungen auf die Realwelt wirken mehr wie Product-Placement denn wie Parodie, die Trailer scheinen mehr auf neue Songs der Beteiligten, denn auf die Geschichte des Films verweisen zu wollen. Hinzukommt, dass Dreamworks die Promotion seiner Synchronsprecher noch mehr verstärkt als bei der ohnehin zu realfixierten "Shrek"-Reihe: Will Smith, Robert De Niro, Renée Zellweger, Angelina Jolie, Jack Black, Martin Scorsese. Die Liste liest sich in etwa so als ob demnächst ein Oscar für den besten Synchronsprecher vergeben werden wird, zumal die Zeit, in der ein Sprecher nur für den akustischen Teil einer Trickfilmfigur zuständig ist, gänzlich überholt scheint: von den stereotypen, afro-amerikanischen Lippen des Oscar bis hin zu den buschigen Augenbrauen Scorseses wird die wesentliche Physiognomie des Sprechers direkt mit übernommen. Das muss nicht zwingend schlecht sein, denn auch die Pixar-Filme haben ihren Witz u.a. einer ironisierten Realwelt entnommen. Noch nie stellten sich aber Parodie und Seitenhiebe auf Filmklassiker vor die eigentliche Geschichte oder definierten sie gar: "Große Haie, kleine Fische" hingegen würde ohne "Der Pate" gar nicht existieren.

Dieser Zwang zur Persiflage tötet in "Große Haie, kleine Fische" hingegen jeden annähernd originellen Moment, der Zynismus der Macher jede Liebenswürdigkeit: wenn Lennys Bruder stirbt, geht das nicht ohne One-Liner, wenn der altehrwürdige Don Brizzi dem "Paten" Don Lino seinen cleveren Plan mitteilen möchte, lässt er zuvor noch einen fahren - ob das nun inhaltlich Sinn macht oder nicht. Auch die Motivation der zentralen Figuren ist in keinem Moment glaubwürdig: warum Angie so auf Oscar steht, bleibt dem Zuschauer verborgen, sonderlich gut behandeln tut er sie jedenfalls nicht.

Interessanterweise warfen viele Kritiker dem Film auch einen gesteigerten Rassismus vor, da nahezu jeder Charakter auf einem mehr oder weniger bekannten Stereotyp basiert: der hippe Schwarze, der seine Goldkettchen trägt und endlich "jemand" sein möchte (lies: Geld und (auf)reizende Frauen), der röchelnde Italiener, der gemäß Mafia-Methoden die Leute beseitigt, der schwule Vegetarier, der sich gerne verkleidet, die Videospiel-süchtigen Rasta-Men, die benebelt und zugedröhnt jedem Wort gehorchen. Da Kinder nach wie vor das zentrale Zielpublikum des Animationsfilms sind, ist eine solche Konzentration sicher nicht gutzuheißen, übertreiben sollte man hier dennoch nicht: der massenkompatible Animationsfilm hat sich schon immer des kleinsten gemeinsamen Nenners bedient und einfache Stereotypen zur Grundlage genommen, die "Große Haie, kleine Fische" zudem (wenn auch inkonsequent) parodiert. Das (nicht weniger stereotype) Happy-End zeichnet den Weg Oscars ja zudem als Irrweg aus und relativiert somit manch krasse Charakterisierung, wenn auch die beißend-dicke Klischeekonzentration jedes ehrliche und glaubwürdige Gefühl unterdrückt.

Das ist dann wohl auch das größte Problem dieses kaum schöpferischen Films: während in vergleichbaren Pixar-Werken und auch im hauseigenen "Shrek" letztlich immer das Gefühl die treibende Kraft hinter all den Absurditäten und Abenteuern war, scheint es hier der zwanghafte Wille zur ironischen Reverenz zu sein. Symptomatisch dafür sind nicht zuletzt die End-Credits, in der "der Durchgeknallte" des Films nochmal auftauchen und auf Teufel-komm-raus ein paar schwache Witzchen reißen darf. Von Eleganz keine Spur.

Glanzlos durchschnittliches Animationsabenteuer ohne memorable Figuren und Momente


Thomas Schlömer