Luther

USA / Deutschland, 121min
R:Eric Till
B:Camille Thomasson, Bart Gavigan
D:Joseph Fiennes,
Bruno Ganz,
Sir Peter Ustinov,
Jonathan Firth,
Uwe Ochsenknecht
L:IMDb
„Das hier nennt man in Rom eine päpstliche Bulle. Auf diesen Furz gibt es nur eine Antwort!”
Inhalt
Wir schreiben das Jahr 1505: Der junge Martin Luther gerät in ein grauenvolles Unwetter, ein Blitz verfehlt ihn nur knapp. Zu Tode geängstigt gibt er sein Studium der Rechte auf und wird Mönch im Augustiner-Kloster zu Erfurt. Nach seiner Pilgerfahrt nach Rom 1510 geht er zum Theologiestudium nach Wittenberg, wo er 1517 seine 95 Thesen als Protest gegen den von Papst Leo X. initiierten Ablasshandel an die Tür der Schlosskirche schlägt. 1518 verlangt om den Widerruf der Thesen. Doch Luther bleibt standhaft.
Kurzkommentar
Für Regisseure ein Reizthema, den größten Ketzer und ersten Medienstar der Weltgeschichte zu inszenieren. Luther schwang nur das geistige Schwert und Innerlichkeit ist nur bedingt schauwerttauglich. Eric Tills serviert das erwartungsgemäß unkritische Märchen des heroischen Revoluzzers und fährt die ganze Palette populärer wie mythischer Erinnerungsbilder auf. Das ist platt, versündigt sich aber nicht wirklich an der Geschichte, besticht an einigen Stellen sogar durch freche Freiheiten. Ingesamt ist dieser Religionskitsch ein überzeugend besetztes Glaubensdrama, in dem der Glauben freilich zu kurz kommt, Produktionsstandard und Dramaturgie aber ein schickes Panorama der Epochenzeit liefern.
Kritik
Luther, das klingt wie Granit. Mit dem Beinamen „Der Reformator“ hat der Augustiner eigentlich alles, was Hollywood von der Vergangenheit braucht, um selbst Geschichte zu schreiben. Dass sie am besten in Bildern funktioniert, beweist schon die volkstümliche Erinnerung an den Theologen selbst. So gehört es zum Gründungsmythos der Reformation, dass Luther seine Thesen Anno 1517 an die Wittenberger Kirchentür nagelte und in der weltgeschichtlichen Konsequenz die Neuzeit herbeihämmerte. Dass das Legende ist und auf Luthers Sprössling Melanchton zurückgeht, ist letzter Stand historischer Forschung, aber das zählt ja nicht. Als Metapher und Bild von hoher Symbolkraft hat sich die Türszene ebenso ins allgemeine Gedächtnis geschrieben wie das „Bekehrungsgewitter“ im Jahre 1505 und das griffige „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“ 1521 zu Worms.

Ein Luther-Film muss, damit er „das Volk“ erreicht, also jene Klischees der Bilderinnerung bedienen. Dennoch hat der Revolutionär, nicht zuletzt durch die protestantische Geschichtsschreibung zum totalen Held der Weltgeschichte aufgestiegen, im Kino bisher selten gepredigt. Dafür gibt es mehrere Gründe. Zum einen muss ein Luther-Film fast notwendig in eindimensionaler Parteinahme enden. Früher hat das Stress bei den Konfessionen ausgelöst, heute, wo die Säkularisierung über ihr Ziel hinaus schoss, steht ungeschminkt und fett in der Eröffnung, dass der Film von amerikanischen Lutheranern finanziert ist. Zum anderen wird jeder Regisseur, der Luther auf die Leinwand bringt, die Missgunst von Reformationshistorikern und Feuilletonisten sicher haben. Diese haben den Eric Tills „Luther“ dann meist auch schon dünkelgemäß zerkleinert, weil ja alles so schrecklich unhistorisch, undifferenziert sei.

Stimmt, aber das hat seine dramaturgische und wirtschaftliche Berechtigung. Werke über Luther oder den Protestantismus machen Bibliotheken zwar weiterhin voll, die Kassen aber nicht. Der komplizierte theologische Diskurs, den Luther lostrat, weicht erwartungsgemäß einem zurechtgestutzten Ablassstreit. Für die Schaueffekte, um die es publikumsgemäß zu gehen hat, ist das nur billig: Alfred Molina darf in der Rolle des Ablassstars Johann Tetzel mal kurz mit hippen Höllenpostern die Angst schüren und das Zitatenkästchen plündern („Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegefeuer springt“). Auch sonst ergibt sich der kanadische Regisseur Till dem erwarteten Etappenmuster der Reformationszeit, allerdings in überraschender Atemlosigkeit. Da kann der kultur- und religionsgeschichtlich Nichtbewanderte schon mal die Orientierung verlieren, man merkt, dass „Luther“ einen Kenntnisstand voraussetzt und nicht als belehrende Chronik funktioniert.

Mehr als Schulbuchwissen verlangt das aber nicht. Till reduziert die Vergangenheiten des frühen 16. Jahrhunderts auf das gängige Konfliktschema, in dem die römisch-katholische Kirche für ordentlichen Niedergang und Luther für den modernen Weckruf aus diesem dekadenten Ausverkauf der Religionen steht. Der Wittenberger Theologieprofessor ist der asketische Geistesriese und der Papst der notwendige Kontrapunkt, der eigentliche weltliche Teufel. So ist es kein Zufall, dass Till Papst Leo mit Uwe Ochsenknecht besetzte, der trotz Tiara den Heiligen Stuhl wie eine ungehobelte Parodie seiner selbst aussehen lässt. Über die sicher nicht unproblematische Besetzung des Titelhelden könnte man nun viel jammern und sicher hätte Bruno Ganz, der hier brillant den Augustinermentor Luthers mimt, den „authentischeren“ Reformator abgegeben. Aber die Produzenten machten gar kein Geheimnis daraus, dass Identifikationswerte für das jüngere Publikum nicht aus theologischen Disputen und "Turmerlebnissen" erwachsen, sondern aus herbeiphantasierten Sakrilegen, wo konkret Hand angelegt wird: auf dem Friedhof, in der Beisetzung eines kindlichen Selbstmörders.

Joseph Fiennes gibt mit akkurater Tonsur und geschminkten Augenbrauen den ikonischen Modell-Luther. Er ist einfach zu schön, um für irgendeine Zwietracht wirklich verantwortlich zu sein. Er mag Sündenbewusstsein haben, Sünde selbst niemals. Nach Fiennes Shakespeare-Portrait verlangt jeder Augenblick nach einem religiös-kitschigen „Luther in Love“, der bleibt dann letzten Endes aus nicht ausgespart. Dass Katharina de Bora hier nur fürs Bett eingebunden wird, sorgt für einen unglaubwürdigen Stilbruch in der sonst so auf die Frevelangst des Helden konzentrierten Skizze. Mehr wäre aber auch peinlich gewesen, wer hätte einen furzenden Madensack sehen wollen? Nein, Tills Luther hat weniger mit Vergangenheit als mit frommem Wunsch zu tun, unangenehme Seiten werden überpinselt. Fiennes ist also der strahlende protestantische Edelmann, Kitsch as Kitsch can.

Die Freiheit, die sich die Ästhetik gegenüber der Vergangenheit herausnimmt, wird besonders deutlich – und problematisch – in Luthers Rolle in den Bauernkriegen. Hier begegnet uns Luther nicht als rasender Verfechter der Ständegesellschaft, der Lehre der gottgewollten Ordnung und Agitator „Wider die mörderischen und räuberischen Rotten der Bauern“, die sein Anliegen missverstanden, weil politisiert haben. Luther hetzte gegen sie, auch gegen die Juden. In dieser Heldenmesse ist dafür kein Platz, in Tills Film sieht sich Luther dem Abschlachten der Bauern verzweifelt gegenüber, begegnet uns bildgerecht als Opfer unaufgeklärter Kräfte, die ihn, den Gewaltverabscheuenden, für ihre Interessen missbrauchten. Wer hier aber eine ernsthafte Auseinandersetzung sehen wollte, erwartet vom Kino und der protestantischen Finanzierung zu viel. Die lutherische Sicht der Dinge führt selbst mit dem doch eigentlich um Ausgleich bemühten Karl V. unnachgiebig Gericht, inszeniert ihn als lächerlichen Paradiesvogel.

Das alles kann als Geschichtsklitterung verrissen oder als Historienfilm, der nicht besonders ernst genommen werden sollte, durchaus genossen werden. Denn jenseits des gewaltigen Inhalts, der wahrscheinlich mit jeder Interpretation unzufriedene Gesichter hinterlassen muss, hat Eric Till ein braves Glaubensmärchen geschaffen, bei dem Schauspieler und Produktionswerte stimmen. Angesichts dessen, was ihm das Drehbuch lässt, trägt Jospeh Fiennes den Film mühelos. Zugegeben, die lärmenden Zellenmonologe mit dem Teufel sind unfreiwillig komisch, doch wenigstens wirft er das Tintenfass nicht. Einen Eindruck der religiösen Inbrunst des Zeitalters und der Facettenhaftigkeit Luthers kann Fiennes nicht vermitteln, die Gründe dafür liegen aber jenseits seines Schauspiels. Und immerhin, man lässt sich von „Luther“ doch mitnehmen, selbst wenn der Ausgang der Geschichte Teil des Schulunterrichts ist. Till bedient sich eines konventionellen und doch funktionsfähigen Spannungsbogens, guter Schauspieler und überraschend kräftiger Bilder.

Das ist das eigentliche Highlight des Films. Mit zwanzig Millionen Euro ist der Film, zum großen Teil ein deutscher, eben nicht gering budgetiert. Zusammen mit Ausstatter und Kameramann schafft Till ein eindrucksvolles Bild des 16. Jahrhunderts, bei dem Kostüme und der verbreitete Dreck doch eine gewisse historische Akkuratesse erzeugen. Wenn es darum geht, fantasiegerecht spätmittelalterliche Gesamtansichten der Städte zu entwerfen, überzeugen auch die digitalen Effekte. Wer von „Luther“ keine Kinooffenbarung und keine historische Lehrstunde erwartet, sondern einfach ein wenig respektlos polierte Geschichte und religiöses Pathos, bekommt den ersten Pophelden der Neuzeit „light“ aufgetischt. Und fairerweise muss gefragt sein: wie kann man der Komplexität des Phänomens Luther überhaupt in einhundertzwanzig Minuten gerecht werden?. Angesichts der notwendigen Verwertbarkeit des Films kann „Luther“ somit die Absolution erteilt werden.

Brav protestantisches Mythentheater mit guter Ausstattung und Besetzung


Flemming Schock