Herr Lehmann

Deutschland, 110min
R:Leander Haußmann
B:Sven Regener,Sven Regener
D:Christian Ulmen,
Detlev Buck,
Katja Danowski,
Tim Fischer
L:IMDb
„Ich habe überhaupt keine Ahnung, wann das anfing mit der ganzen Scheiße. Das ist das Komische daran. Das ist wie mit dem Untergang des römischen Reiches, da weiß auch keiner, wann das eigentlich anfing”
Inhalt
Wir schreiben das Jahr 1989: Berlin Kreuzberg SO 36 ist ein kleiner Kosmos in einer riesigen Galaxie, schon das angrenzende Kreuzberg 61 ist befremdendes Ausland, Charlottenburg ein anderer Kontinent und die DDR ein fremder Planet. Kreuzberg SO36* ist der Kiez, in dem Herr Lehmann (Christian Ulmen) zu Hause ist. Er ist der Guru einer beschaulichen, übersichtlichen Welt voller Philosophen, Künstler, Biertrinker, Kokser, Heteros, Schwuler und anderer Lebenskünstler, die inmitten einer feindlich gesinnten Welt ihre Enklave und das Recht auf Stillstand gegen jede Form von Veränderung verteidigen. Herr Lehmann heißt eigentlich Frank, aber da er schon bald dreißig wird, nennen ihn alle nur noch „Herr Lehmann“. Doch unaufhaltsam schleichen sich Störungen in die lieb gewordenen Gewohnheiten seines Lebens. Ein aufdringlicher Hund, der Besuch seiner Eltern, die schöne Köchin Katrin, sein bester Freund Karl und ein bis dato unbekannter Kristallweizen-Trinker werden in kurzer Zeit für mehr als nur Unruhe sorgen.
Kurzkommentar
Leander Haußmanns Adaption von Sven Regeners Debütroman „Herr Lehmann“ erweist sich trotz aller Vergnüglichkeit als zu sture Buchumsetzung, der es in keiner Minute daran gelegen ist, adäquate inszenatorische Mittel für die Vermittlung von Lehmanns Lebensgefühl zu finden. Stattdessen setzt er auf Zelluloid exakt das um, was das Buch schon zuvor formuliert hat und erreicht damit nur in wenigen Kernmomenten eine ausreichende Dichte. Dank der gewitzten Dialoge bleibt der Film dennoch seichte Unterhaltung.
Kritik
Spätestens seit dem immensen Erfolg von „Good Bye, Lenin!“ hat die Wende Konjunktur in der deutschen Medienlandschaft. Bestand die nostalgisch-ironische Auseinandersetzung mit der Wiedervereinigung bis Leander Haußmanns „Sonnenallee“ (1999) lediglich aus den zwei fragwürdigen „Go, Trabbi, Go!“-Teilen, haben die über 2,5 Mio. Besucher von Haußmanns DDR-Revival wohl endgültig den Weg für weitere Kinofilme geebnet. Aber nicht nur das: seit sich sechs Millionen Besucher für „Good Bye, Lenin!“ erwärmen konnten, nimmt das Phänomen „Ostalgie“ grotesk-sarkastische Züge an, denn in kaum mehr abzählbaren TV-Sendungen wird nun wirklich jeder Hans Wurst zu seinen persönlichen Erlebnissen aus dieser Zeit befragt. Den Fernsehsendern scheint mal wieder nichts zu peinlich und verklitternd: ohne jede Distanz, vor allem aber auch ohne jede kritische Auseinandersetzung wird die DDR als Hort modischer und architektonischer Verbrechen, Individuenlosigkeit und Konservativismus dargestellt. Es interessiert lediglicht ihre Skurrilität, nicht das Lebensgefühl, das sie als faktische Diktatur verbreitet hat. Aber weil sich die meisten Zuschauer auch lediglich dafür interessieren, ist es kein Wunder, dass eine nach der anderen Sendung aus dem Boden sprießt, um den vermeintlichen Spießertum der DDR zur Unterhaltungsgrundlage zu machen.

Dass „Good Bye, Lenin!“ aber nicht zuletzt deswegen so erfolgreich war, weil er die Verschrobenheit des DDR-Daseins nur instrumentalisiert hat, um eine liebenswerte Familiengeschichte zu erzählen, wird von den meisten lediglich unterbewusst wahrgenommen. Und dass es auch Menschen gibt, denen die Wiedervereinigung den Boden unter den Füßen weggerissen hat und ihre Existenz aufs Spiel setzt, ist natürlich weniger beliebt. Filme wie Hannes Stöhrs „Berlin is in Germany“, die diese Kehrseite thematisieren, müssen leider vom Zuschauer selbständig gesucht werden und haben selbstredend wesentlich geringeren Erfolg. Doch für massentauglicheren Komödiennachschub ist bereits gesorgt: der Ur-Roman aller „Ostalgie“, Wladimir Kaminers "Russendisko“, soll von Regisseur Oliver Schmitz („Hijack Stories“) im nächsten Jahr für die nächste Welle an DDR-Komödien sorgen. Ob das gut gehen wird, darf bedenkenlos bezweifelt werden.

Die Brillanz von Sven Regeners Debütroman „Herr Lehmann“ bestand nun weniger darin, die Vereinigung auch mal aus Westperspektive zu zeigen, sondern viel mehr in der Einbettung dieses Hintergrunds als pure Nebensächlichkeit. Denn trotzdem dieses Ereignis für die Klimax des Buches (wie des Films) genutzt wird und auch dem sonst so gleichgültigen Herrn Lehmann in gewissem Rahmen als Punkt für Aufbruch und Neuanfang dient, ist sie dem ständig angeheitert und perspektivenlos durch die Gegend stolpernden Fast-Dreißiger relativ Schnuppe. Die einzige Gefahr, die er sieht, ist die, dass sein gewohnter Alltagstrott etwas aus den Fugen geraten könnte, wenn „die jetzt plötzlich alle rüberkommen“. Aber auch das ist dann wieder halb so wild, sind doch die Arbeit in Erwins Kneipe und stetiger Biernachschub gesichert.

Für die Verfilmung von Leander Haußmann hat Regener nun seinen eigenen Roman in ein Drehbuch geformt und das scheint angesichts des Ergebnisses nicht sonderlich schwierig gewesen zu sein. Selten entsprach eine Verfilmung so akribisch der Buchvorlage. Szene für Szene, Dialog für Dialog, Ereignis für Ereignis wurden nahezu 1:1 in den Film transformiert, von der Begegnung mit dem besoffenen Hund bis hin zum Fall der Mauer läuft alles ganz exakt so ab wie im Buch; nur äußerst selten wurde etwas gekürzt (wie etwa der Dialog mit dem launischen Busfahrer). Das könnte man einerseits als werkgetreu, andererseits als zu kurzsichtig interpretieren. Denn Haußmann bemüht sich leider zu selten darum, eine adäquate Bildsprache oder ein kongeniales, dramaturgisches Konzept zu finden, um die Stimmung des Buches wiederzugeben. Symptomatisch dafür sind z.B. die viel zu zaghaften Einstreuungen, in denen Herr Lehmann und Karl etwa als Star Wars-Figuren oder Klischee-Schwule gekleidet sind. Den zu Beginn etwas holprigen, jedoch zunehmend sicheren und durchaus charismatischen Darsteller wie etwa Hauptdarsteller Christian Ulmen oder die „schöne Köchin“ Katja Danowski bleibt da nur etwas Mitleid übrig, sprechen sie jedoch lediglich das nach, was im Buch exakt so festgehalten ist. Dank Regeners gewitzten Dialogen reicht das über weite Strecken zu vergnüglicher Unterhaltung, die tranige, behäbige melancholische Vorlage trifft es aufgrund mangelnder Stringenz aber nicht. Haußmann adaptiert nicht, er transformiert lediglich. Und da manche Szenen sowie der lakonische Humor im schriftlichen Medium wesentlich besser funktionieren als auf der Leinwand, fehlt dem Film eine gute Portion Charme.

Dennoch darf man den Film vielleicht nicht zu stur als Buchadaption betrachten. Zuschauer, die den Text nicht mitsprechen können, dürften größtenteils ihre Freude an Herrn Lehmann haben, denn Abschnitte wie das gelungene Intro sowie die Aussprache in der Dönerbude funktionieren durchaus sehr gut. Hier konzentriert sich der Film ganz auf seine beiden Darsteller und vermag die anschließende Enttäuschung Lehmanns auch filmisch treffend einzufangen. Ansonsten löst er sich aber zu selten von seiner Vorlage und glaubt, ein „bloßes Abfilmen“ würde der Dichte der Umsetzung genügen. Das funktioniert aber nicht, denn wo sich das Buch ein vernachlässigtes, dramaturgisches Konzept leisten kann, kommt die Spannungsarmut dem Film gar nicht zu gute. Da hilft auch nicht der gute Soundtrack, der es glücklicherweise nicht mit Songs von Regeners eigener Band „Element of Crime“ übertreibt, sondern als wohlige Mischung den Dunst und Mief der Kneipen einzufangen vermag.

Seichte Unterhaltung, zu stur und lieblos umgesetzt


Thomas Schlömer